Das ökologische Desaster

In den letzten Monaten konnte man glauben, in Italien kracht alles zusammen. Wie in einem Haus, in dem schon seit Längerem die Balken ächzen, der Putz von den Wänden rieselt, die Mauern Risse bilden. Und nun auch die Decke runterkommt, die alles unter sich begräbt.

Überschwemmtes Norditalien

In Rom demonstrierte eine Million gegen die Regierung. In Sardinien marschierten Arbeiter gegen die Schließung ihrer Fabriken. In den römischen Vorstädten explodierte der Hass gegen die Immigranten. Und dann noch die Regenflut, die seit Oktober in Norditalien ganze Landstriche und Großstädte überschwemmte. Kleine Flüsse wurden zu reißenden Strömen, die Mauern eindrückten und Autos wie Spielzeug durch die Straßen schwemmten. Das Wasser lief in Keller und Erdgeschosse und überzog das Hab und Gut tausender Menschen mit einer stinkenden Schlammschicht. Außerhalb der Städte gab es Erdrutsche, die Straßen und Gebäude wegrissen, Menschen töteten und Ortschaften unerreichbar machten. Selbst vor Friedhöfen machten die Fluten nicht Halt – man sah herausgespülte Zinksärge durch die Gegend schwimmen.

Eine Katastrophe, die nicht einfach nur Schicksal ist. Sondern auch eine brutale Aufklärung der Menschen über sich selbst. Über die Menschheit im Allgemeinen, denn die sintflutartigen Regenfälle, die immer häufiger Norditalien erfassen, sind Teil des weltweiten Klimawandels. Da sich die Schuld daran über die Erdteile verteilt, kann sich der Einzelne an seinem Teil Verantwortung vorbeidrücken.

Beispiel Genua

Genua, Herbst 2011

Genua, Herbst 2011

Genua zeigt, dass die Verantwortung auch die italienische Gesellschaft im Besonderen betrifft. Die Stadt wurde im letzten halben Jahrhundert von vielen Überschwemmungen heimgesucht. Erst im November 2011 verwandelten sich die Straßen der Stadt in reißende Flüsse, die 6 Todesopfer forderten. Es waren Jugendliche, welche die Wohnungen und Straßen in einer heroischen gemeinsamen Aktion von Wasser und Schlamm befreiten. Die damalige Bürgermeisterin nahm ihren Hut, neue Leute rückten an die Spitze der Kommune. Von allen Seiten tönte das feierliche „Nie wieder!“. Was zu geschehen hatte, war klar. Einige Flüsschen, die bei gutem Wetter harmlos sind und zu Mussolinis Zeiten einbetoniert und in den Genueser Untergrund verlegt wurden, verwandeln sich bei starkem Regen in reißende Monster. Sie müssen von ihrer Zwangsjacke aus Zement befreit werden, und es müssen Entlastungskanäle angelegt werden. Ein Sanierungsplan wurde entwickelt, das nötige Geld bewilligt. Ein Sonderkommissar schrieb die Arbeiten aus, ein Anbieter erhielt den Zuschlag. Es konnte losgehen. So schien es wenigstens.

Genua, Herbst 2014

Genua, Herbst 2014

Von da an geschah nichts mehr. Denn einer der Konkurrenten, der bei der Ausschreibung den Kürzeren gezogen hatte, erhob Einspruch. Damit kam die Justiz ins Spiel, und deren Mühlen mahlen sehr, sehr langsam. Obwohl Genua auf einer Bombe lebt. Zwei Jahre lang hatte man Glück, im dritten Jahr nicht mehr. Wieder starke Regenfälle, explodieren die unterirdischen Flüsse, steht die Stadt unter Wasser und Schlamm, rücken die Jugendlichen aus. Diesmal „nur“ ein Toter, aber der sachliche und moralische Schaden ist immens. Denn was in diesem Herbst in Genua geschah, war vorhersehbar. Und verhinderbar.

50 Jahre Raubbau

Genua zeigt ein spezifisches Grundübel Italiens: die tödliche Langsamkeit der Bürokratie und Justiz. Aber auch diese Schuldzuweisung greift noch zu kurz. Angesichts der Katastrophe, die ganz Norditalien heimsuchte, schrieb der Landschaftsschützer Tomaso Montanari (in der „Repubblica“ vom 17. 11.), Italien sei in den letzten 50 Jahren systematisch zubetoniert worden. Zwischen 1950 und 2000 gingen 5 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche verloren. Noch zwischen 1995 und 2006 wurde eine Fläche von der Größe Umbriens versiegelt. Nicht nur im italienischen Süden. Zwischen 1990 und 2005 wurde in Ligurien mehr Fläche zuzementiert als in Kalabrien und Kampanien zusammen, und auch die Kommunalpolitiker Venetiens beschäftigten sich jahrzehntelang vor allem damit, eine schrankenlose Bautätigkeit zuzulassen. Unter freundlicher Ermunterung höchster Instanzen. Jeder müsse „Herr im eigenen Haus“ werden, versprach Berlusconi, und schreckte dafür auch vor keiner Rechtsbeugung zurück. Dreimal in den letzten 30 Jahren wurden die Bausünder amnestiert (einmal unter Craxi, zweimal unter Berlusconi). Jedes „Event“ wie ein G8-Treffen, eine Weltmeisterschaft oder sogar ein Erdbeben wurde genutzt, um Bauauflagen außer Kraft zu setzen, Flüsse weiter einzuzementieren usw.

Widersprüchliche Signale

Wird nun mit Renzi alles anders? Auf den ersten Blick ja. Im Sommer rief er eine Task Force ins Leben, die einen Siebenjahresplan gegen den „hydrogeologischen Notstand“ entwickeln und umsetzen soll. Aber die Erfolgsaussicht unklar. Denn die Ressourcen sind knapp und für die Regierung hat „Wachstum“ höchste Priorität. Soeben legte Renzis Minister für Infrastruktur und Transport Lupi (NCD) einen milliardenschweren Plan „Sblocca Italia“ vor. Eine „Entblockierung“, die auf vielen Gebieten (Justiz, Bürokratie, Korruption) ein Segen wäre, aber auf anderen (Bauwesen, Landschaftsplanung) zum Alptraum werden könnte: Neue Straßen und Autobahnen soll es geben, Bohrungen im Meer usw. Was dabei vor allem wachsen könnte, wäre wieder der Beton.

Die Arbeitslosigkeit treibt Millionen von Menschen in Armut und Perspektivlosigkeit. Die Überschwemmungen erzeugen Elend und Verzweiflung. Politisches Handeln ist an beiden Fronten nötig. Dass die Region Toscana gerade – gegen heftige Widerstände (!) – einen Landschaftsplan zu verabschieden sucht, ist ein Hoffnungsschimmer. Ob es eine Tendenzwende ist, hängt nicht nur von der Toscana ab.

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