Zurück zur Kernkraft?

Dass die Erde auf eine auch menschengemachte Klimakatastrophe zutreibt, ist unter den meisten Wissenschaftlern Konsens. Der Energiehunger einer technikbasierten Zivilisation verbrennt in wenigen Jahrhunderten die fossilen Energieträger – Kohle, Öl, Gas –, welche die Erde in Hunderten von Millionen Jahren gespeichert hat. Er setzt vor allem das CO2 frei, das die Erhitzung der Meere und der Atmosphäre verursacht. Die Anzeichen mehren sich, dass die prognostizierte „Katastrophe“ keine Fieberphantasie schwarzsehender Klimaforscher ist, und es wird immer unglaubwürdiger, die Zunahme an Dürren, Überschwemmungen und Hurrikanen, die Erwärmung der Meere, das Abschmelzen der Gletscher, die Verschiebung der Klimazonen und das beginnende Umkippen des Golfstroms immer noch als „normale“ Ausschläge natürlicher Klima-Zyklen zu erklären. Die Zeit, in der man das ganze Problem verdrängen konnte, scheint vorbei.

Ein steiniger Ausstieg und eine scheinbar leichte Lösung

Dass der Ausweg darin bestehen müsste, den fossilen Weg möglichst schnell zu verlassen, ist leicht gesagt, aber schwer getan. In Deutschland, das den Umstieg auf erneuerbare Energien schon relativ früh begann und jetzt einen Anteil von immerhin 50 % „Erneuerbaren“ an seiner Energieproduktion vorweisen kann, stößt diese Entwicklung auf wachsende Hürden. Italien hinkt noch weiter hinterher, bei ihm lag 2020 der Anteil der „Erneuerbaren“ bei 18 %. Zwar ist hier die Hauptenergiequelle nicht mehr Öl und Kohle, sondern Gas, aber auch dies ist eine „fossile“ Quelle mit den entsprechenden Emissionen.

Es gibt eine Alternative, die es zu erlauben scheint, sich ohne große Trennungsschmerzen von der fossilen Energieerzeugung zu verabschieden, und die einmal als Inbegriff technischen Fortschritts galt: die Kernenergie. Sie ist eine Energiequelle, die sich unbegrenzt ausweiten lässt und zumindest in dem Sinne „sauber“ ist, dass sie das Klima nicht zerstört. So hat auch Italien seine nukleare Vergangenheit in Gestalt von vier Kernkraftwerken, die in den 60er und 70er Jahren in Betrieb genommen wurden. Mit einem großen Pferdefuß: Sie sind anfällig für Super-GAUs, besonders in Italien, in dem die Gefahr von Erdbeben allgegenwärtig und auch das Problem des radioaktiven Abfalls bis heute ungelöst ist. Obwohl es in Italien zu keinem vergleichbaren Störfall kam, gab es dazu nach Tschernobyl (1987) und Fukushima (2011) zwei Volksabstimmungen, die sich beide mit 80 oder 90 %-Mehrheiten gegen den weiteren Betrieb von KKWs aussprachen. Mit dem Ergebnis, dass es auf italienischem Boden seit Juli 1990 keine kommerziellen KKWs mehr gibt. Abgesehen von ein paar kleineren Forschungsreaktoren schien das Thema seitdem passé.

Aber nicht nur Kernkraftwerke, sondern auch Überzeugungen können erodieren. Die Angst vor der Klimakatastrophe, deren Kommen inzwischen jedermann fühlen und sehen kann, rückt nach vorn, die Angst vor dem GAU eines KKWs in den Hintergrund. Wenn sich schon der Klimawandel nicht mehr rückgängig machen lässt, wird zumindest seine Milderung zur Hauptaufgabe. Imperative, die noch aus Zeiten stammen, in denen andere Prioritäten galten, erscheinen jetzt in einem anderen Licht, vor allem wenn sie die Lösung der Hauptaufgabe behindern könnten. Der erste Schritt besteht darin, im Verbot der Kernenergie ein „Tabu“ zu entdecken. Wobei Tabus bekanntlich zwei Seiten haben: Sie geben dem sozialen Leben Form und Struktur, können aber auch zu Denk- und Handlungsverboten führen und zum Hindernis für nötige Weiterentwicklungen werden.

Cingolanis Intervention

Als Mario Draghi im vergangenen Februar sein neues Kabinett vorstellte, geschah dies vor allem mit dem Ziel, in Italien mit den Anleihen der EU Strukturreformen in Angriff zu nehmen, zu denen auch der „ökologische Übergang“ gehört. Dazu gehörte ein neues Ministerium, das diesen Namen trägt und zu dessen Leiter er den parteilosen Physik-Professor Roberto Cingolani berief. Dies wurde vor allem von der 5-Sterne-Bewegung begrüßt, die sich aufgrund ihrer Geschichte hier eine Vorreiterrolle zuschreibt. Und es war Grillo, der Cingolanis Kommen zum entscheidenden Argument dafür machte, dass sich die 5SB der Draghi-Koalition anschließen müsse. Was für die 5SB zunächst keineswegs unumstritten war, weil sie sich durch das Ende von Conte2 düpiert fühlte und zur neuen Koalition auch „Verräter“ wie Salvini und Renzi gehören würden.

Cingolani mit Conte

Von der Genugtuung, mit der sie damals Cingolani als „ihren“ Mann im Kabinett begrüßte, ist wenig geblieben. Sein Verhältnis zur Kernenergie erwies sich als viel pragmatischer, als es den 5Sternen recht sein kann. Schon bei seinem Amtsantritt erklärte er, die italienische Gesetzeslage, die von den beiden Referenden gegen Kernkraftwerke geprägt ist, nur „respektieren“ zu wollen. Worin man auch eine gewisse Distanz entdecken konnte, aber noch keinen Grund zur Aufregung. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass dahinter auch eine gute Portion an wohlwollendem Interesse für die Kernenergie steckte – Anfang September erklärte er (vor dem Wirtschaftsforum Ambrosetti  in Cernobbio): „Bei der Kernenergie zeichnen sich Technologien der vierten Generation ab. Wenn sich irgendwann herausstellen sollte, dass das Aufkommen an radioaktiven Abfällen äußerst gering, die Sicherheit hoch und die Kosten gering sind, wäre es verrückt, nicht auch solche Technologien in Betracht zu ziehen“.Eine Deklaration prinzipieller Offenheit, auch wenn sie noch in einen Wenn-dann-Satz verpackt war. Wozu Cingolani gleich erklärte, dass die gegenwärtig in den USA und in Frankreich getesteten Technologien noch nicht die nötige „Reife“ zeigten, die sich erst in 10 bis 15 Jahren herausstellen werde. Um sich aber dann zu eine weiteren Äußerung von überraschender Schärfe hinreißen zu lassen: „Die Welt ist voll von radical chic-Umweltschützern und ideologischen Extremisten, die noch schlimmer sind als die Klimakatastrophe, in die wir hineingeraten, wenn wir nicht etwas unternehmen, was wirklich Sinn macht“.Eine Äußerung, die offenbar von Übertreibungen strotzt. Was den Physiker in Rage brachte, ist der aus seiner Sicht irrationale Charakter des prinzipiellen Neins, das die Generation der Umweltschützer, die einst im Kampf gegen die Kernkraftwerke ihre Identität fanden, auch angesichts der nahenden Klimakatastrophe jeder Abwägung entgegensetzt.

Womit der politisch unerfahrene Cingolani vorerst das Gegenteil einer rationalen Diskussion  erreichte, die er sich wohl erhofft hatte. Denn die politischen Reaktionen waren sofort neue Glaubensbekenntnisse und Flügelkämpfe, auch innerhalb der 5-Sterne-Bewegung: Während der mit Cingolani persönlich befreundete Grillo schwieg, reagierte die Basis mit Empörung, und Di Maio, der seinen Laden zusammenhalten will, mit der Ankündigung, sofort alles zu „blockieren“, wenn von der Regierung die Rückkehr zur Kernenergie vorgeschlagen werde. Woraufhin nun auch Conte bei Cingolani „Gesprächsbedarf“ anmeldete. Während Salvini natürlich Beifall klatschte und auch gleich zu Protokoll gab, schon immer gegen Italiens Ausstieg aus der Kernenergie gewesen zu sein.

Unentschiedenes Europa

Hinter der italienischen steht die europäische Auseinandersetzung. Als im Juli die Brüsseler Kommission ihre Vorgaben zur Reduktion der CO2-Emissionen formulierte, ließ sie einen Punkt ungeklärt: ob zu der angestrebten „grünen“ Zukunft auch der Ausbau der Kernkraft gehören werde. Weil Frankreich (und im Hintergrund die USA) dafür sind und Deutschland dagegen, blieb die Frage ausgeklammert, zumal in Deutschland und in Frankreich Wahlen anstehen. Dabei geht es auch um Geschäftsinteressen: Da Frankreich immer an der Kernenergie festhielt, hätte es einen gewaltigen Wettbewerbsvorsprung, wenn sie in die „grüne“ Zielsetzung integriert würde. In China werden gerade 17 neue KKWs gebaut, überwiegend mit französischem Know-how. Wenn sich dem auch die EU öffnen würde, wäre es ein Milliardengeschäft.

Trotzdem hat Cingolani Recht, hier angesichts der Klimakatastrophe eine rationale Abwägung zu verlangen. Man muss kein Prophet sein, um zu prognostizieren, dass die Forderung nach Enttabuisierung des Kernkraftthemas auch bald wieder die deutsche Öffentlichkeit erreichen wird. Sie liegt in der Natur der Sache, und Italien ist dafür nur der Vorbote.

Nachbemerkung: Am 14. September traf sich Conte zu dem angekündigten Gespräch mit Cingolani, und erklärte hinterher, von diesem die „Garantie“ erhalten zu haben, dass „Italien nicht zur Kernenergie zurückkehren“ werde. Cingolani wird sich gedacht haben: Für die nächsten 10 Jahre kann ich das garantieren (s. o.). Und in größeren Zeiträumen denkt die Politik sowieso nicht.

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