Am Nasenring des Spread

 „Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen bringen, dass man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt“
(Karl Marx, Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie)
 
Was bei uns der Wetterbericht ist, ist in Italien seit einem Jahr der tägliche Bericht über den „Spread“. Im Unterschied zum Wetter besteht er nur aus einer 3-stelligen Zahl, von der jedoch die Befindlichkeit des ganzen Landes abhängt. Liegt sie – wie noch im Sommer 2011 – bei 150, geht es dem Land gut, liegt sie bei 300, geht es ihm einigermaßen, und liegt sie – wie jetzt wieder – bei knapp 500, geht es ihm schlecht und muss etwas unternommen werden.
 
Das englische Wort „Spread“ (Spannweite) ist zum festen Bestandteil der neu-italienischen Sprache geworden. Es bedeutet die Differenz zwischen den (hohen) Zinsen, die der hoch verschuldete italienische Staat zahlen muss, um Abnehmer für seine Staatsanleihen zu finden, und den (niedrigen) Zinsen, die dafür der deutsche Staat bieten kann (und die als ständige Vergleichsmarke dienen). Liegt zur Zeit der Spread für 10-jährige italienische Staatsanleihen bei über 480 Basispunkten, so heißt das, dass der italienische Staat für seine Anleihen nur noch Abnehmer findet, wenn deren Zinsen im Vergleich zu deutschen Staatsanleihen einen Risikoaufschlag von über 4,8 % enthalten. Der Spread ist zweierlei: Erstens ein Indikator für das geringere Vertrauen, welches die Finanzmärkte (samt Rating-Agenturen und Spekulanten) in italienische Staatsanleihen setzen. Zweitens ein zusätzlicher Schuldenmacher, weil er die Summe, die der italienische Staat für seinen jährlichen Schuldenzinsen aufzubringen hat, um viele Milliarden in die Höhe treibt (2012 voraussichtlich um über 80 Mrd.). Gerät der Spread außer Kontrolle, versinkt der Staatshaushalt trotz aller Sparanstrengungen allein durch den Schuldendienst in eine Falle, aus der er nicht mehr herauskommt. Als Grenze des „Umkippens“ gilt ein Spread von 600 Punkten.
 
Seit dem Herbst 2011 treibt der Spread die italienische Politik vor sich her, mit ambivalenten Auswirkungen. Dass Anfang November 2011 Berlusconi durch Monti ersetzt wurde, war erfreulich, aber lag nicht an B.s Affären, Korruptheit und autoritären Bestrebungen, sondern am Spread, dessen Anstieg unaufhaltsam schien, solange B. regierte (an seinem letzten Regierungstag erreichte er die Rekordmarke von 552 Punkten). Damals war fast jedermann überzeugt, dass Italien „am Abgrund“ stehe. Das Sparprogramm, mit dem Monti dagegen antrat, traf auf ein zwiespältiges Echo: einerseits notwendig, andererseits hart und ungerecht. Das Argument, mit dem es Monti trotzdem politisch durchsetzte, war der Spread, der sonst erneut ansteigen würde. Und tatsächlich schaffte es Monti, ihn zeitweise auf fast 300 Punkte zu drücken. Aber dann begann sein Wiederanstieg. Jetzt nähert er sich wieder der 500er Grenze, also dem Punkt, den er bei B.s Rücktritt erreicht hatte.
 
Darauf gibt es nun zwei gegensätzliche Reaktionen. Montis linken und rechten Gegnern beweist der Wiederanstieg des Spread, dass seine Reformen überwiegend nutzlos waren. Seine Anhänger meinen – vermutlich mit mehr Recht -, dass ohne die Reformen der Spread längst außer Kontrolle geraten wäre und der Reformdruck auch nach der Wahl aufrecht erhalten werden müsse. Der Populist B. versucht, seine Wahlchancen dadurch zu verbessern, dass er zwischen beiden Reaktionen hin und her irrlichtert, mit der Drohung, Italien könne ja auch ganz aus dem Euro aussteigen, in der Hinterhand.
 
Die Rolle, die der Spread gegenwärtig in der italienischen Politik spielt, erinnert an Marxens „eigene Melodie“, welche die versteinerten Verhältnissen zum Tanzen bringt. Aber Marx dachte beim „Tanz“ an die Befreiung vom Kapitalismus. Italien hat der Spread zwar (vorerst) von Berlusconi befreit und eine sparsame Haushaltsführung durchgesetzt, aber dabei auch neuen sozialen Zündstoff entstehen lassen. So ist der Spread eher der Nasenring, an dem die Finanzmärkte und die EU gegenwärtig den italienischen Bären tanzen lassen. Aber Tanzbären sind nicht nur putzig. Sie können auch gefährlich werden.

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