Wer hat Angst vorm Mafia-Mann?

„Wie heißen Sie?“

„Sie wissen doch schon, wie ich heiße. Ich bin Matteo Messina Denaro“.

So der kurze Wortwechsel zwischen dem stellvertretenden Staatsanwalt Paolo Guido und dem „Boss der Bosse“ vor der onkologischen Privatklinik „La Maddalena“ in Palermo, im Moment seiner Festnahme. Er antwortet ruhig und leistet keinen Widerstand, als ihn die Carabinieri der Sondereinheit ROS (Raggruppamento Operativo Speciale) abführen.

Die Festnahme

Die Festnahme von „U Siccu“ („der Dürre“), so sein sizilianischer Spitzname, nach 30 Jahren im Untergrund ist das Ergebnis jahrelanger Ermittlungen und akribischer Recherchen und markiert eine wichtige Etappe im Kampf gegen die Mafia. Durch das Abhören und die Observierung von Verwandten und Kontaktleuten hatte sich bei den Ermittlern die Vermutung einer Krebserkrankung des Bosses erhärtet. Daraufhin sichteten sie Tausende von Daten onkologischer Patienten, die nach Alter, Wohnort und anderen Merkmalen zu seinem Profil passten. Und sie wurden fündig: Unter dem Namen von Andrea Bonafede, einem Landvermesser aus Campobello di Marzara mit Kontakten zur Mafia, hat sich Messina Denaro mehreren Chemotherapien in der palermitanischen Klinik unterzogen. Als sie feststellten, dass der echte Bonafede an einem Tag, an dem er laut Krankenakte einen Chemotermin hatte, nachweislich nicht in Palermo war, waren sich die Ermittler sicher: Der Mann, der an dem Tag zur Chemotherapie geht, ist der Gesuchte.

„Wir sind stolz auf diesen Erfolg, der eine langwierige und äußerst komplizierte Arbeit abschließt“, erklärte der Oberstaatsanwalt von Palermo De Lucia. „Das waren wir den Opfern der mafiosen Massaker schuldig, und diese Schuld haben wir, zumindest partiell, beglichen – auch wenn damit die Mafia selbstverständlich nicht besiegt ist“.

Nach den Verhaftungen von Totò Riina 1993 und Bernardo Provenzano 2006 war „U Siccu“ der letzte Spitzenmann von Cosa Nostra, der sich noch auf freiem Fuß befand. Für die zahlreichen Terrorattentate in den 90er Jahren war er bereits in Abwesenheit zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt worden, dazu gehörten die Ermordung des Antimafia-Richters Giovanni Falcone, von seiner Frau und seinen drei Leibwächtern, deren Autos auf der Autobahn in der Nähe des sizilianischen Capaci in die Luft gesprengt wurden, und kurz danach die seines Kollegen Paolo Borsellino und von fünf Polizeiagenten.

Bisher schweigt der Boss

Messina Denaro befindet sich jetzt in einem Hochsicherheitsgefängnis in L’ Aquila (Abruzzen) unter besonders strengen Haftbedingungen, die nach Art. 41bis des Gesetzes über den Strafvollzug bei Mafiosi und Terroristen gelten.

In den 30 Jahren seines Lebens im Untergrund hat er sich vorwiegend dort aufgehalten, wo er sich am sichersten fühlte: in Sizilien, zwischen Castelvetrano (seinem Geburtsort), Trapani, Palermo und zuletzt im Städtchen Campobello di Mazara bei Trapani, wo er abwechselnd in mehreren Unterkünften wohnte, die von seinem „Alter Ego“ Bonafede (er hatte noch vier weitere Identitäten) vermittelt und in seinem Auftrag bezahlt wurden. Die Polizeikräfte haben eine nach der anderen entdeckt und durchsuchen sie jetzt systematisch nach Dokumenten, Waffen und sonstigen wichtigen Materialien.

Das allein dürfte einigen Personen aus Politik und Wirtschaft schlaflose Nächte bescheren. Denn Messina Denaro genoss das Vertrauen des Oberbosses Riina, für den er eine Art Ziehsohn war. So war er an allen Aktionen und Entscheidungen beteiligt und in alles eingeweiht, auch in die damaligen Verhandlungen zwischen Cosa Nostra und hohen Vertretern von Parteien und staatlichen Institutionen.

Zu den wichtigsten „Verhandlungspartnern“ gehörten damals nach Aussagen von „Pentiti“ (reuigen Mafiosi) Silvio Berlusconi, als er gerade seine neue Partei Forza Italia lancierte, und sein Vertrauensmann Marcello Dell’ Utri (der inzwischen wegen Begünstigung der Mafia verurteilt wurde). Von den „Pentiti“ kommen auch Hinweise, das berüchtigte „Geheimarchiv“ von Riina befinde sich in den Händen von Messina Denaro. Hochbrisante Dokumente, die bisher nicht gefunden worden waren, weil vor Riinas Verhaftung – vermutlich aufgrund eines „Lecks“ bei den Polizeikräften – ein Mafia-Trupp dessen Villa noch rechtzeitig „säubern“ konnte. Die Ermittler gehen davon aus, dass Messina Denaro auch Kenntnisse über die „externen Mandanten“ der Terroranschläge in den 90er Jahren hat, auch die gegen Falcone und Borsellino.

Bisher schweigt der Boss und scheint nur auf seine schweren Gesundheitsprobleme fokussiert zu sein. Die Ärzte, die ihn im Gefängnis behandeln, hat er um „bestmögliche Medikamente und Therapien“ gebeten. Zu den ihm zur Last gelegten Verbrechen äußert er sich nicht. Sollte er am Ende sein Schweigen brechen, würde „ganz Italien beben“, so ein „Pentito“ gegenüber den Staatsanwälten.

Deckung „auf hoher Ebene“

Es sei undenkbar, dass der Boss sich 30 Jahre lang habe relativ frei bewegen und wie ein „normaler Bürger“ leben konnte – mit Einkäufen, Arztbesuchen, Shopping in Luxusgeschäften –, ohne Deckung und Schutz „auch auf hoher Ebene“ zu haben, meint Staatsanwalt De Lucia. „Mit Sicherheit haben ihm dabei Teile des Bürgertums, die über Einfluss verfügen, Hilfe geleistet. In diese Richtung haben wir ermittelt und ermitteln wir weiter“.

Es gibt ein weiteres Netz, das dem Untergetauchten Schutz bot: die Freimaurerlogen. Das enge Verhältnis zwischen Mafia und Freimaurerei hat lange Tradition. Schon die Prozessakte über die „alte Mafia“ sind voll von entsprechenden Aussagen und Belegen. Alle wichtigen Anführer der Cosa Nostra gehörten Freimaurerlogen an: von Riina bis zu Michele Sindona (dem „Bankier der Mafia“), Stefano Bontade, Michele Greco und anderen. In den „offiziellen“ und geheimen Logen saßen sie gemeinsam mit Politikern, Wirtschaftsleuten und staatlichen Amtsträgern. Auch Messina Denaro war Mitglied einer Geheimloge.

Geschützt wurde er nicht nur von „den höheren Ebenen“, sondern auch von einem „Gesellschaftsvertrag“ mit einem (breiten) Teil der Bevölkerung. „Einfache Bürger“, die der Mafia mehr vertrauen als dem Staat, weil sie sich ihrer „Probleme“ annimmt und für sie „sorgt“. Das zeigt sich auch jetzt, nach der Verhaftung des Paten, an den Reaktionen vieler Einwohner der Orte, in denen er jahrelang gelebt hat. Von Journalisten gefragt, was sie von der Verhaftung halten, hört man häufig Antworten wie: „Das war ein Fehler! Bisher haben hier alle von ihm gelebt – und auf einmal soll er nicht mehr gut sein?“. Oder: „Sollte er was Schlechtes gemacht haben (immerhin etwa 60 Morde, MH), ist die Verhaftung gut, wenn er aber Gutes getan hat (!), ist sie nicht richtig“. Die meisten hüllen sich in Schweigen oder erklären kurz angebunden, sie hätten nichts gesehen und gewusst. „Wir sind hier ehrliche Leute“.

Andererseits gibt es auch viele Bürger, Politiker und Staatsvertreter, die sich offen und mutig gegen die Mafia stellen – und das manchmal mit ihrem Leben bezahlen –, und die jetzt über die Verhaftung jubeln. Doch sie sind nicht die Mehrheit.

Geschäfte in Milliardenhöhe

Nach dem Abschluss der „terroristischen Phase“ in den 90er Jahren hat die Mafia ihre Strategie geändert. Nicht mehr den Staat angreifen, sondern ihn infiltrieren und „von innen erobern“, wie Roberto Saviano in seinem Artikel in der „Zeit“ vom 26. 1. erläutert: „Die heutige Cosa Nostra ist kein Anti-Staat mehr, sondern ein Teil von ihm, sie ist in alle Bereiche des öffentlichen Lebens eingedrungen, sie beherrscht das Bauwesen ebenso wie die Krankenhäuser“ und konzentriere sich darauf, die Geldflüsse von Parteien und Politikern zu steuern und die „richtigen“ Leute in Staatsämtern und Bürokratie zu platzieren.

So ist auch der letzte übrig gebliebene Oberboss vom Massenmörder zum Unternehmer und Manager mutiert. Der Schwerpunkt seiner Aktivitäten liegt nicht mehr bei illegalen Geschäften wie dem Drogenhandel, sondern in „sauberen“ Wirtschaftsbereichen (die er auch nutzte, um das akkumulierte „schmutzige“ Vermögen zu waschen): Windräder, Tourismus, Unterhaltungsindustrie, Supermärkte, Kraftstoffe. Äußerste lukrative Geschäfte. Bei den Strohmännern des Bosses, die diese in seinem Auftrag erledigten, wurden bisher ca. 5 Milliarden Euro konfisziert (zum Vergleich: das Vermögen Berlusconis lag 2022 bei ca. 7 Milliarden).

Justizminister will Abhören erschweren

Ausgerechnet jetzt, wo die Ermittler die entscheidende Rolle des Abhörens bei der Verhaftung von Messina Denaro herausstellen, lanciert Melonis Justizminister Nordio eine Gesetzesinitiative, um beim Abhören Restriktionen einzuführen. Es soll zwar bei Ermittlungen gegen Mafia und Terrorismus bestehen bleiben, nicht aber bei Fällen von Korruption oder obskuren Geldgeschäften, (es sei denn, es gibt einen klaren Zusammenhang mit der organisierten Kriminalität). Er wolle den Missbrauch dieses Instruments verhindern, der die „privacy“ unbeteiligter Bürger verletzt, so der Minister. Und übrigens dürfe sich das Parlament „nicht Staatsanwälten und Richtern unterordnen“, erklärte er in einer Rede vor dem Senat. Den „die sehen überall nur die Mafia“.

Das Abhören ist aber bei Ermittlungen gegen Korruption und Geldwäsche und für die Bekämpfung der Mafia essentiell, kontern die Justizbehörden und Experten. Und es sei geradezu fatal, dass ausgerechnet der Justizminister die eigenen Behörden diskreditiert. Auch die Opposition reagiert heftig, während Meloni zwischen einem gewissen Unbehagen und Vertrauensbekundungen zu ihrem Minister schwankt. Einer ist auf jeden Fall – nicht überraschend – begeistert: Berlusconi, der seiner Partei bedingungslose Unterstützung für das Vorhaben des Justizministers verordnet hat.

Anmerkung am Rande: Ministerpräsidentin Meloni hat die Verhaftung von Messina Denaro wortreich und medienwirksam als Sieg des Staates gepriesen und vorgeschlagen, den 16. Januar als „Feiertag zu Ehren der Männer und Frauen, die die Mafia bekämpfen“ einzuführen. Wunderbar. Sie sollte allerdings mit der gleichen Vehemenz die zahlreichen Fälle von Korruption und Begünstigung organisierter Kriminalität innerhalb ihrer eigenen Partei anprangern, die hier einen Spitzenplatz einnimmt.

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