Fratelli tutti

Die Enzyklika „Fratelli tutti“, die Papst Franziskus am 3. Oktober in Assisi unterzeichnete, hat mehr Feindseligkeit ausgelöst, als eigentlich zu erwarten war. Eine der ersten Reaktionen kam von Feministinnen, die schon am Titel Anstoß nahmen, weil „Fratelli“ die Frauen ausschließe – für sie war unerheblich, dass Bergoglio hier sehr absichtsvoll seinen Namenspatron Franz von Assisi zitiert, der den Begriff „Bruder“ so weit fasste, dass er in ihn auch Sonne, Wind, Meer und Feuer einbezog (während er dem Genus der italienischen Substantive folgend Mond, Sterne, Wasser und Erde „Schwestern“ nannte). Einen wunden Punkt trafen sie trotzdem, denn die Regel, das Priesteramt nur Männern anzuvertrauen, hat bisher auch der Papst nicht angetastet. Die deutsche Fassung umschifft das Problem, indem sie „Fratelli tutti“ durch den Untertitel „Dokument über Geschwisterlichkeit und soziale Freundschaft“ ergänzte. Anders als im Italienischen gibt es bei uns das Wort „Geschwister“, dem man zum Glück nicht vorwerfen kann, maskuline Dominanz zu verfestigen.

Franziskus unterzeichnet in Assisi die Enzyklika

Aber die Feindseligkeit, mit der häufig die Enzyklika aufgenommen wurde, hat zumindest in Italien tiefere Gründe. Einen Hauch davon war auch in Deutschland zu spüren, als z. B. Daniel Deckers in der FAZ vom 7. 10. hier einen „Offenbarungseid“, einen „moraltriefenden Protest statt nüchterner Analyse“ und „bildstarke Apokalyptik statt guter Theologie“ erkannte. Das Urteil darüber, was gute Theologie ist, überlasse ich Anderen, aber dass in der heutigen Situation auch apokalyptische Möglichkeiten stecken, scheint mir nicht ganz abwegig zu sein. Bei „nüchternen Analysen“ stehenzubleiben, erwarte ich von keinem Papst. Und wo es angesichts der Enzyklika zu „Offenbarungseiden“ kommt, beim Papst oder eher bei seinen Gegnern, wird sich noch erweisen.

Der Inhalt

Der Papst nennt seine etwa 140 Seiten Sozial- und Kulturkritik eine „Sozialenzyklika“. Sie beschreibt eine „kranke“ Weltgesellschaft, in der Angst, Egoismus, Einsamkeit, Abschottung („Kultur der Mauern“), Geschichtsvergessenheit, Rassismus und Krieg vorherrschen, eine Gesellschaft, die dem Schmerz den Rücken kehrt und „unnütze“ Schwache und Verletzte an den Rand drängt. Und die sich von der Logik des Markts und des Profits dominieren lässt, mit den Folgen Ungerechtigkeit, Arbeitslosigkeit, wachsende Ungleichheit, Armut und Exklusion.

Die Heilung sieht Franziskus in einem Gesinnungswandel zu globaler „Geschwisterlichkeit“. Gegen den rechten Populismus und Souveränismus plädiert er für einen dialogischen Volksbegriff, was der Ausbruch der Pandemie bestätigt habe: dass sich niemand allein retten könne und die Stunde gekommen sei, um „von einer einzigen Gesellschaft zu träumen“. Unter Bezug auf das Gleichnis vom barmherzigen Samariter fordert er eine Sozialpolitik „mit den Armen“ (und nicht nur für sie), damit sie zu „Schmieden des eigenen Glücks werden können“. Das Recht auf Privatbesitz müsse dem Gemeinwohl nachgeordnet werden, Arbeit und Familie geschützt und die Todesstrafe abgeschafft werden. Außerdem fordert er eine neue „Ethik der internationalen Beziehungen“, zumal es „gerechte Kriege“ nicht mehr gebe. Also Schutz der Menschenrechte, für die ärmeren Länder einen sozialverträglichen Schuldendienst, eine Reform der UNO und Religionsfreiheit. Der Geist der Öffnung über den Katholizismus hinaus zeigt der Hinweis auf die Begegnung mit Ahmed al-Tayyib, dem Großimam der Kairoer al-Azhar-Universität, die den Gedanken einer universellen Geschwisterlichkeit inspiriert und 2019 zu dem gemeinsam unterzeichneten interreligiösen Dokument „Über die Brüderlichkeit aller Menschen“ geführt habe.

Längere Passagen der Enzyklika sind der Migration gewidmet: Migranten sollen aufgenommen, geschützt, gefördert und integriert werden, wobei die Gastländer eine Balance zwischen Aufnahme und Schutz der eigenen Bürger finden müssten. Wer vor schweren Krisen flieht, für den müssten humanitäre Korridore eröffnet und der Erhalt von Visa vereinfacht werden, und Wohnraum, Sicherheit, Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten, Familienzusammenführung und Religionsfreiheit garantiert werden. Anzustreben sei eine global governance, die nicht nur auf akute Notlagen reagiert, sondern zur solidarischen Entwicklung aller Völker auch langfristige Projekte in Angriff nimmt.

Konzentrischer Gegenangriff

Dies ist in grober Zusammenfassung der Inhalt der Enzyklika, die  eigentlich keine großen Überraschungen enthält. Schon die Enzyklika „Laudato si‘“, die der Papst vor fünf Jahren herausbrachte und die sich auf die Verantwortung des Menschen für die Natur bezog, zeigte eine ähnliche (kapitalismuskritische) Herangehensweise. Aber während die öffentliche Reaktion damals noch überwiegend positiv und teilweise enthusiastisch ausfiel, hat sich nun das Klima verändert, so dass man heute von einem „konzentrischen Angriff“ (so Gad Lerner am 13. 10. im „Fatto Quotidiano“) auf Franziskus sprechen kann.

Den Anfang machten rechte italienische Zeitungen, in denen (in der „Verità“ vom 8. 10.) unter der Überschrift „Marx, Engels, Mao gemäßigter als Bergoglio“ stand: „Gott bewahre uns vor dem päpstlichen Kommunismus. Eine Enzyklika gegen den christlichen Westen. Würde Bergoglios Enzyklika Fratelli tutti tatsächlich umgesetzt, würden Gott, Kirche und Christenheit in ihrer uns bisher bekannten Form verschwinden.“ Vor allem wohl, weil der Papst die Bemerkung wagte, „das Recht auf Privatbesitz ist dem Prinzip der universellen Bestimmung der geschaffenen Güter“, also dem Gemeinwohl, „nachgeordnet“.

Als nächstes meldeten sich die innerkatholischen Gralshüter der reinen Lehre zu Wort, nun auch mit rückwirkender Kritik an der Enzyklika „Laudatio si‘“. In der Zeitung „Libero“ vom 13. 10. war zu lesen: „In der katholischen Lehre ging man immer von der grundlegenden Voraussetzung aus, dass der Mensch für den Rest des Planeten verantwortlich ist. Und die Natur zu personifizieren, als ob sie beseelt sei, wurde als heidnisches Konzept angesehen“. Der Häresie-Vorwurf kam bisher eher aus dem englischsprachigen Raum (Stein des Anstoßes: ob Wiederverheiratete die Kommunion bekommen können) – jetzt also gibt es ihn auch explizit in Italien. Die letzte Nachricht, dass sich Bergoglio inzwischen auch für die rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ausspricht, dürfte den Vorwurf noch lauter werden lassen – auch wenn er dies nur als seine „Privatmeinung“ äußerte.

Es geht auch um kirchliche Pfründe

Gad Lerner spricht einen Verdacht aus, mit dem er nicht ganz allein steht: dass sich hier eine Irritation Luft macht, die wenig mit der reinen Lehre zu tun hat, sondern eher damit, dass der Papst inzwischen begonnen hat, sich nicht nur mit schönen Worten zu begnügen, sondern auch im Klerus aufzuräumen. Wobei er nicht nur Kardinäle, die Pädophilie deckten und vertuschten, aus ihren Ämtern entfernt, sondern auch gegen die Korruption im Vatikan selbst vorgeht. Kurz vor Veröffentlichung seiner Enzyklika zwang er den als unantastbar geltenden Kurienkardinal Becciu zum Rücktritt, als herauskam, dass dieser seinen (leiblichen!) Brüdern Aufträge zugeschanzt und vatikanische Gelder wie den „Peterspfennig“ in undurchsichtige Finanzspekulationen gesteckt haben soll (Becciu antwortete, damit doch nur die günstigste Anlage für die Gelder gesucht und „niemanden sonst gekannt“ zu haben). Die Erfahrung, dass man nun auch im Vatikan seines Amtes nicht mehr sicher ist, scheint dort auch Panik ausgelöst zu haben. Da ist die Erkenntnis tröstlich, dass Bergoglio eben nur ein  „Kommunist“ und „Häretiker“ ist, was dann eben doppelt zu unterstreichen ist.

Schließlich kam den Angreifern noch ein Schwergewicht von Übersee zur Hilfe: Ende September schickte die Trump-Administration ihren Außenminister Pompeo nach Rom, um nicht nur die italienische Regierung, sondern auch den Papst nach klassischem imperialem Muster zum Abbruch aller Kontakte zu China aufzufordern. Und zwar in einem Moment, als Franziskus gerade ein vor zwei Jahren getroffenes Abkommen mit China verlängern wollte, das die dortige Situation der Christen erleichtern soll, mit einem Kompromiss in der lange strittigen Frage, wer die Bischöfe ernennt. Als Pompeo, ein ultrarechter Evangelikaler, Franziskus aufforderte, dies Abkommen nicht zu verlängern (mit dem etwas scheinheiligen Argument, dass sonst seine „moralische Autorität in Gefahr gerät“), verzichtete dieser darauf, Pompeo im Unterschied zu früheren Zeiten wieder zu einer Privataudienz einzuladen. Mit der Erklärung, man lasse sich nicht für den Wahlkampf in den USA „instrumentalisieren“.

In dieser Einheitsfront von Papstgegnern ist Salvini, auch wenn er die Madonna zu seiner Tribalgöttin ernannt hat und Rosenkränze wringt, nur ein kleiner Fisch. Charakterlich ist Bergoglio stark genug, um sich dagegen zu behaupten. Aber dafür braucht er auch eine gute Konstitution – er wird im Dezember 84 Jahre alt, und die merkt man ihm schon etwas an.

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