Wes Brot ich ess …

Ende April berichteten wir, dass die „Repubblica“, die bisher das große Aushängeschild des italienischen Linksliberalismus war, kurz vor Weihnachten an die Agnelli-Familie verkauft worden war. Und dass der Agnelli-Clan jetzt begann, Nägel mit Köpfen zu machen, indem er dem bisherigen „linken“ Chefredakteur Verdelli von heute auf morgen den Stuhl vor die Tür setzte, um ihn durch den „moderaten“ FIAT-Mann Maurizio Molinari zu ersetzen. Mit einem makabren Detail: Da man in der Öffentlichkeit Verdelli für den Anti-Salvini-Kurs der „Repubblica“ verantwortlich machte, bekam er anonyme Morddrohungen, deren Besonderheit in der Prophezeiung bestand, dass er den 23. April nicht überleben werde. Woraufhin John Elkann, der junge Chef des Agnelli-Clans, den Nerv hatte, Verdellis fristlose Kündigung ausgerechnet auf diesen 23. zu legen.

Der neue Besen beginnt zu kehren

Maurizio Molinari

“Nun wird aufgeräumt“, vermuteten wir damals, und es bewahrheitet sich schneller als erwartet. Einige Journalisten taten den neuen Besitzern den Gefallen, aus freien Stücken zu gehen – der markanteste war Gad Lerner, den unsere Leser bereits kennen. Schon wenige Tage nach Verdellis Rauswurf verabschiedete er sich, weil er, wie er schrieb, die Zeitung „nicht mehr wiedererkenne“. Die Journalisten hingegen, die sich vorerst zum Bleiben entschlossen, können nun ihre eigenen Erfahrungen sammeln. Zunächst schienen die Kröten, die sie schlucken mussten, noch vergleichsweise klein: Die Auslobung einer 600 €-Prämie für den „besten Journalisten der Woche“, eine Neuerung aus dem Lehrbuch für neoliberale Unternehmenskultur („Konkurrenz ist gut“), stieß schon manchem sauer auf, da sie sich mit dem bisher in der „Repubblica“ gepflegten Geist schwer verträgt. Auch die Selbstverständlichkeit, mit der der neue Chefredakteur Molinari nun jede Woche seinen eigenen Leitartikel neben Scalfaris „messa cantata“ setzt, muss erst einmal verdaut werden („messa cantata“ nennen Insider etwas respektlos die ausufernden Artikel, die Scalfari jeden Sonntag in die „Repubblica“ setzt – ein Erbrecht des inzwischen 96-Jährigen, der die Zeitung vor nunmehr 44 Jahren gründete).

Konflikt um Staatsbeihilfen für Fiat-Chrysler

Als es bald um die direkten Geschäftsinteressen der neuen Besitzer ging, wurde die Auseinandersetzung härter. Offenbar auf Druck Molinaris erschienen Mitte Mai in der Zeitung Artikel, welche unterstützten, dass der italienische Staat dem Fiat-Chrysler-Konzern eine staatlich garantierte Anleihe in Höhe von 6,3 Milliarden Euro gewähren solle. Eine Forderung, die  in der gegenwärtigen Situation durchaus im Trend liegt – bekanntlich drängen die Autolobbies in ganz Europa unter Verweis auf die ökonomischen Konsequenzen der Corona-Krise auf massive staatliche Unterstützung, sei es in Form von Abwrackprämien in Deutschland und Frankreich, sei es von Kaufprämien in Italien. Aus der deutschen Debatte, an der sich auch die Wirtschaftsweisen beteiligten, ist bekannt, dass man in diesen Unterstützungsmaßnahmen auch ein Problem sehen kann, das sich sowohl auf ihr Ob als auch auf ihr Wie bezieht. Was auch im progressiven Lager sorgfältig diskutiert werden müsste, da hier erneut deutlich wird, dass der Widerspruch zwischen sozialem Arbeitsplatzinteresse und Klimaschutz noch lange nicht überwunden ist.

Molinari setzt sich durch

Es scheint, dass sich auch bei einigen Repubblica-Redakteuren ähnliche Bedenken gegen die Forderung nach Staatshilfen für die Autoindustrie regten und sich dies mit der Sorge verband, dass sich hier die Zeitung wider besseres Wissen einfach vor den Karren der Geschäftsinteressen des neuen Besitzers spannen lassen könnte. Dies rief das „Comitato di Redazione“ auf den Plan, die (gewählte) innerbetriebliche Interessenvertretung der Redakteure, die u. a. die Aufgabe hat, über die professionelle Unabhängigkeit der Redakteure zu wachen. Und die zu aktuellen Fragen (auch kritische) Stellungnahmen abgeben kann, die üblicherweise veröffentlicht werden. Nachdem Mitte Mai in der „Repubblica“ die erwähnten Artikel erschienen waren, plante das Redaktionskomitee eine solche Mitteilung, nicht um die Autoren dieser Artikel anzugreifen, aber um, wie sie später berichtete, doch einige kritische „Signale“ zu setzen:

  • Der Herausgeber sollte daran erinnert werden, dass zur Tradition der „Repubblica“ die säuberliche Trennung der journalistischen Arbeit von den unternehmerischen Interessen des Herausgebers gehöre;
  • dem Chefredakteur sollte das Risiko verdeutlicht werden, dass sich die Zeitung von einem relevanten Teil ihrer Leserschaft entfernt (was viele Protestschreiben dokumentieren, die die Zeitung nach dem Wechsel des Eigentümers erreichten);
  • insgesamt habe man unterstreichen wollen, dass die Glaubwürdigkeit der Zeitung und  die professionelle Unabhängigkeit der Redaktion unbedingt zu erhalten sei.

Nun kam der Paukenschlag: Obwohl die Veröffentlichung solcher „Mitteilungen“ seit 1990 zu einem Gewohnheitsrecht des Redaktionskomitees geworden ist, wurde sie von Molinari untersagt, der damit klarmachte, welch neuer Wind ab sofort in der Redaktion wehen wird. Als daraufhin das Redaktionskomitee eine Versammlung aller Redakteure einberief, wurde es noch bitterer: Molinari erschien, und es gelang ihm offenbar, die Mehrheit der Anwesenden zu überzeugen, dass es klüger war, sich mit ihm und mit den neuen Verhältnissen zu arrangieren, als weiter auf Konfrontation zu setzen. Die Zeitungen befinden sich in der Krise, und auch die Journalisten haben Angst um ihre Arbeitsplätze.

Warten auf „Domani“

Dem Redaktionskomitee blieb nur der Rücktritt. Und die Schwergewichte  des schreibenden Gewerbes, die wie Roberto Saviano, Michele Serra, Francesco Merlo und Ezio Mauro noch auf der Gehaltsliste der „Repubblica“ stehen, sind angeblich zum Absprung bereit. Man hört, sie warteten auf eine neue Tageszeitung, für die auf seine alten Tage doch noch einmal Carlo De Benedetti als Herausgeber antreten will und die den Namen „Domani“ tragen soll.

Der Philosoph Massimo Cacciari, den unsere Leser schon kennen, hält das Geschehen um die „Repubblica“ für eine systemimmanente Notwendigkeit und dekretiert: „Dass sich eine Zeitung den Interessen ihres Eigentümers entgegenstellt, ist unmöglich“. Aber vielleicht ist es nur die halbe Wahrheit. Es unterschlägt beispielsweise die Chancen, die das von Carlo De Benedetti angestrebte Stiftungsmodell enthielt.

John Elkann und Carlo De Benedetti sind beides Verkörperungen des Kapitals, aber sie sind nicht einfach nur „Charaktermasken“ des gleichen Prinzips. Hier kommt die Subjektivität ins Spiel. Der eine braucht für sein Autogeschäft ein Instrument, eine Zeitung, die in ganz Italien gelesen wird. Dafür ist er ins Verlegergeschäft eingestiegen, und dafür muss er auch die Redakteure instrumentalisieren. Der andere ist Verleger aus Leidenschaft. Die Redakteure der „Repubblica“ erfahren es gerade am eigenen Leibe: Der Unterschied an Freiheit, die sie den Journalisten gewähren, ist konkret.

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