Aus Sorge um Italien

"Die Verfassung kann sich selbst nicht so leicht verteidigen.
Die Bürger müssen sie verteidigen."

Ugo de Siervo, Präsident a.D. des italienischen Verfassungsgerichts

Krise hautnah


Artikel von Hartwig Heine - Mittwoch, den 25. 04. 2012

Es regnete am Abend des 18. April, als sich vor dem römischen Pantheon eine schweigende Menge versammelte. Mit brennenden Kerzen unter den aufgespannten Schirmen gedachte man der Menschen, welche die Krise in den letzten Monaten in den Tod trieb. Es war eine „transversale“ Versammlung, Arbeiter standen neben Unternehmern. Selbstmord kennt keine Klasse. Es gab ihn bei Leuten, die ihre Arbeit verloren, bei Pensionären, die von ihrer gekürzten Rente nicht mehr leben können. Und auch bei vielen kleinen und mittleren Unternehmern. Für römische Verhältnisse war die Versammlung klein, nur etwa tausend Menschen hatten sich zusammengefunden. Zwar beeindruckt das katholische Verdikt gegen Selbstmörder kaum noch jemanden, aber das Thema mobilisiert nicht, es macht nur depressiv.

Dass die Regierung Monti Italien eine notwendige Kur der Sparsamkeit verordnete, aber unter dem Diktat von Brüssel und Merkozy zu wenig für das wirtschaftliche Wachstum tut, beschreibt die ökonomische Seite der Wirklichkeit. Psychisch hat Monti Italien (vorerst) von dem Alptraum B. befreit, aber ohne „Aufbruchstimmung“. Wie Mehltau liegt Bedrücktheit über dem Alltag vieler Menschen.

Italien befindet sich in der Rezession, und vieles deutet darauf hin, dass sie noch schwerer wird. In der Groß- und Mittelindustrie werden Hunderttausende auf Kurzarbeit gesetzt, und kaum jemand glaubt, dass es sich um vorübergehende Maßnahmen handelt, sondern dass es eher das Vorspiel zu Massenentlassungen ist. Die Lage vieler Kleinunternehmen – aus denen die häufigsten Selbstmord-Meldungen kommen – ist noch auswegsloser, denn sie leiden nicht nur unter sinkender Inlandsnachfrage, riesiger Steuerlast und gnadenloser Bürokratie, sondern auch unter fehlender Liquidität und immer stockenderem Geldverkehr.

Eine Schlüsselrolle kommt den Banken zu. Früher war es ihre „natürliche“ Funktion, den Wirtschaftskreislauf aufrecht zu erhalten, indem sie gesunden Unternehmen, die größere Investitionen planten, mit Krediten versorgten Aber obwohl sie die EZB mit Billiggeld überschwemmte, haben sie begonnen, unter Verweis auf neue „interne Richtlinien“ zur Liquiditätssicherung keine Kredite mehr zu vergeben – unser Freund A., der eine kleine, aber hoch technisierte landwirtschaftliche Familienkooperative betreibt, berichtet, dass ihm seine Bank solche Kredite seit einiger Zeit verweigert und ihm stattdessen einen Schuldentilgungsplan abverlangt, der nicht nur härter als früher ist (11 % Zinsen, für ausbleibende Raten dürfen keine Zahlungspläne mehr verhandelt werden), sondern ihn auch zwingt, das Anlagevermögen seiner Kooperative als Sicherheit einzubringen.

Auch der Staat trägt zum Stocken des Geldumlaufs bei, obwohl er seinen Bürgern Termintreue für immer höhere Gebührenzahlungen abverlangt. Dass eine Kommune oder Region ein lokales Unternehmen mit einer Leistung beauftragt, sich dann aber mit deren Bezahlung mehr als ein Jahr (manchmal sogar über drei Jahre) Zeit lässt, ist inzwischen die Regel, obwohl eine EU-Direktive dafür nur maximal zwei Monate erlaubt. So wird der ersehnte „Staatsauftrag“ zum Alptraum, denn aus dem Geld, das der Staat anschließend den Unternehmen schuldig bleibt, müssten diese ihre Löhne und Verbindlichkeiten bezahlen. Nicht selten kommt es zur Absurdität, dass ein Unternehmen bankrott geht, weil es nicht mehr seine Steuern und Abgaben an die Gemeinde zahlen kann – weil die Gemeinde ihre Schulden gegenüber dem Unternehmen nicht bezahlt und die Banken keine Überbrückungskredite geben. Die Idee, dass beide Seiten ihre wechselseitigen Schulden gegeneinander verrechnen, ist naheliegend, aber offenbar nicht umzusetzen.

Dann sollen wenigstens die Steuerhinterzieher bluten! Bis vor kurzem habe ich noch selbst in diesen Chor eingestimmt. Was mich nachdenklich macht, ist unser Freund R., der am Meer einen Kiosk betreibt und dessen mittägliche Spaghetti con Vongole bei einer Flasche Wein am rauschenden Meer ein hoher Genuss sind. Er ist Mitte 30, voller Unternehmungsgeist, hat zwei kleine Kinder und diesen Kiosk hochgebracht. Vor ein paar Tagen gestand er mir unter Verweis auf die Selbstmorde, welche die Titelseiten beherrschen: „Jetzt habe ich Angst. Wenn zu mir die Steuerprüfer kommen und ernsthaft nachschauen würden, wüsste ich nicht mehr weiter“. Er gehört zur Generation derer, die sich meist von einer prekären Arbeit zur nächsten hangeln und von der jeder Dritte sowieso arbeitslos ist. Vor vier Jahren entschloss sich R. zu dem Schritt, der ihm allseitiges Schulterklopfen einbringen müsste: Er gab sich einen „Ruck“, er „machte sich selbständig“. Aber was ist das für ein Land, in dem das nur geht, wenn man Steuern hinterzieht?

Die Steuerhinterziehung zerfrisst Italien wie ein Krebsgeschwür. Aber es gibt auch für sie keine Ein-Punkt-Lösung. Dafür ist die wirtschaftliche Situation viel zu verfahren.



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Hartwig HeineHartwig Heine , Soziologe, lebt teils in Deutschland, teils in Italien. Er engagiert sich in einer hannoverschen Bürgerinitiative, die sich um die Zusammenführung kroatischer und bosniakischer Studenten in Mostar (Bosnien) bemüht. Verschiedene Veröffentlichungen.

Deutschland und Italien (2) – der „Riesenarsch“

Da B. gerne mit Leuten telefoniert, gegen welche die Polizei ermittelt, werden diese Gespräche oft abgehört. Im vergangenen Herbst wurde bekannt, dass B. in einem dieser Gespräche Angela Merkel eine „Culona“ (weiblicher Riesenarsch) genannt hatte (z. B. der SPIEGEL berichtete am 19. September). In unserem Blog verzichteten wir bisher darauf, dies zu zitieren und zu [...]

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Deutschland und Italien (1) – Europa bleibt auf der Strecke

Unmittelbar vor seinem Besuch bei Angela Merkel am 11. Januar warnte Mario Monti in einem Interview mit der „Welt“:
„Wenn es für die Italiener in absehbarer Zeit nicht greifbare Erfolge ihrer Spar- und Reformbereitschaft gibt, wird in Italien ein Protest gegen Europa entstehen – auch gegen Deutschland, das als Anführer der EU-Intoleranz gilt, und gegen [...]

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Der Fluch der Bamboccioni

„Bamboccione“ heißt auf Deutsch so etwas wie „Riesenbaby“. So bezeichnet man in Italien – halb verächtlich, halb wohlwollend – diejenigen, die noch als Erwachsene bei ihren Eltern leben. Es sind nicht wenige, es werden immer mehr. Vor allem ausländische Kommentatoren erklären dies gern mit Besonderheiten der italienischen Mentalität: die Liebe der verhätschelten Jungs zur [...]

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Italien am Scheideweg

Vorbemerkung der Redaktion
Am Sonntagabend stellte der neue italienische Ministerpräsident Mario Monti in einer Presskonferenz das Programm vor, mit dem er die italienischen Staatsfinanzen sanieren will. Unser Redaktionsmitglied Antonio Riccò, der die Pressekonferenz verfolgte, schrieb dazu den folgenden ersten Kommentar. Auf wichtige Einzelmaßnahmen dieses Programms werden wir noch eingehen.

Man kann mit Recht diese oder jene Maßnahme [...]

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Das aufgezwungene Sparpaket

Wenn es nach B. gegangen wäre, hätte er für Italien ein Sparprogramm auf den Weg gebracht, von dem niemand etwas merkt. Zumal er ja bis vor kurzem geleugnet hat, dass es für Italien so etwas wie eine „Krise“ geben könne. Später brüstete er sich damit, gegen seinen Minister Tremonti die ursprünglich geplante sog. „Reichensteuer“ wieder [...]

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Nicht unterzukriegen

„Die Märkte bewerten unsere Kreditwürdigkeit nicht richtig“
(B. am 3. August im Parlament).
„Dass ich schlecht für die italienische Kreditwürdigkeit bin, ist eine Erfindung der Zeitungen. Nur sie sahen eine Verbindung zwischen meiner Rede und der Entwicklung der Börsen“ (B. am 4. August, nachdem im Anschluss an seine Parlamentsrede die italienischen Börsenkurse weiter abstürzten).
„Das internationale Vertrauen, [...]

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Die sieben Gegenvorschläge der PD

Bersani, der Generalsekretär der oppositionellen PD, fasste in der „Repubblica“ das Sparpaket der Regierung so zusammen: „Es zahlen wieder diejenigen, die schon immer zahlten, und jene, die noch nie gezahlt haben, brauchen es auch weiterhin nicht “. Womit er mit letzteren vor allem die Vermögenden und die Steuerhinterzieher meint, zu denen auch viele Selbständige gehören.
Ihre [...]

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Der Sanierungsplan

Am vergangenen Freitag hat die Regierung Berlusconi ihre Pläne zur Sanierung des italienischen Haushalts auf den Tisch gelegt. „Mit blutendem Herzen“, wie B. bei der dazu gehörigen Pressekonferenz hinzufügte. Die Repubblica kommentierte: „Krokodilsblut“.
Denn als guter Populist gewann B. drei Wahlen mit der Ankündigung – an die er sogar sein politisches Schicksal band -, er werde [...]

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Horror vacui

Italien wankt nach dem Börsenabsturz. Gerade jetzt, wo entschlossenes Handel nötiger wäre denn je, bietet die Regierung ein Bild des Elends: Sie ist zerstritten und konfus wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen. Der politisch geschwächte Ministerpräsident kümmert sich nur um seine Justizquerelen und Privatgeschäfte, der Finanzminister wird von den eigenen Leuten unter Beschuss genommen und ist in [...]

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B. hat nichts zu sagen

Während die europäischen Börsen, die italienischen vorneweg, abstürzen und schnell beträchtliche Verluste verzeichnen, sind es einzig Staatspräsident Napolitano und die – in diesem Punkt endlich vereinte – Opposition, die Verantwortung zeigen. Wer seit Tagen schweigt und sich wahrscheinlich in einer seiner Villen verkrochen hat, ist Berlusconi. Seit Tagen tritt er öffentlich nicht mehr auf. Sogar [...]

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Rückzug in zwei Jahren?

„Ich bin der einzige Garant für die finanzielle Stabilität des Landes und für die Verpflichtungen, die wir gegenüber Europa eingegangen sind. Aber Vorsicht. Wenn ich falle, fällt Italien, und wenn Italien fällt, fällt der Euro. Denn Italien ist zu groß, um gerettet werden zu können. Das ist eine Kette“
(Giulio Tremonti, italienischer Finanzminister).

Bisher war es [...]

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Das 750 Millionen Euro-Komma

Letzte Meldung
Soeben erreicht uns die Meldung, dass das Berufungsgericht im Fall De Benedetti gegen Berlusconi (bzw. CIR gegen Fininvest) entschieden hat, dass Berlusconi 540.141.059,32 € Entschädigung an De Benedettis CIR zu zahlen hat – als Entschädigung für den durch Richterbestechung eingesackten Mondadori-Verlag. Mit den Zinsen, die seit 2009 (Zeitpunkt des erstinstanzlichen Urteils) aufgelaufen sind, handelt [...]

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Italien ist nicht Griechenland, aber…

In einer Welt, die immer interdependenter wird, war schon lange zu erwarten, dass irgendwann das finanzielle Fieber Griechenlands auch andere Länder der EU ansteckt. Zu erwarten war auch, dass dessen fatale Auswirkungen zuerst Länder mit strukturellen Schwächen – wenig Wachstum, hohe Staatsverschuldung, ineffektive Regierung – treffen würden. In einer globalisierten und nur schwach regulierten Welt [...]

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Italienische Unternehmen werden schwächer

Politökonomische Betrachtungen (4)
Wirft man einen Blick auf den Bereich der Produktion von Gütern und Dienstleistungen (also auf den Bereich, der gemeinhin als „die Wirtschaft“ bezeichnet wird), so sind hier die Aussichten noch düsterer als bei den privaten und öffentlichen Haushalten. Ein paar Beispiele: Mit leichten Variationen geht die Produktion – inflationsbereinigt – seit einem [...]

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