Aus Sorge um Italien

Orbans und Berlusconis gemeinsame Rückendeckung

Artikel von Hartwig Heine - Donnerstag, den 8. 09. 2011

Alarmierende Nachrichten aus Ungarn. Das Land gehört zur EU, von der man eigentlich denken sollte, dass es nicht nur der Euro ist, der sie (schlecht und recht) zusammen hält, sondern auch die demokratische Verfasstheit ihrer Mitgliedsländer. Diese bescherte Viktor Orbans Fidesz-Partei im April 2010 eine parlamentarische Zweidrittel-Mehrheit, was an sich kein Unglück ist – wenn die politische Führung die Weisheit besäße, die ihr damit zugefallene Macht in Maßen zu nutzen. In den Maßen der Demokratie.

In Ungarn geschah das Gegenteil. Es begann damit, dass die neue Mehrheit eine Institution mit dem harmlosen Namen „Mediendienstleistungs- und Vermögensfonds“ (MTVA) ins Leben rief, die Orban sofort mit seinen Gefolgsleuten besetzte und die sich seitdem zum Orwellschen Großen Bruder der ungarischen Medien entwickelt. Als erstes richtete der Fonds eine zentrale Nachrichtenredaktion ein, die alle Programme und Produktionen in Auftrag gibt und dann entscheidet, welche „Nachrichten“ sie an die öffentlichen Medien verteilt. Daniel Papp, Mitgründer und politische Sprecher der rechtsradikalen Jobbik-Partei (welche ihre schwarz gekleideten Schlägertrupps, die Jagd auf Roma und Homosexuelle machen, „ungarische Garde“ nennt), wurde Chef der Nachrichtenredaktion. Als Schwule und Lesben bei der letzten Gay Pride Parade am 11. Mai durch Budapest demonstrierten, schlugen die Schwarzhemden – mehr oder minder unter Polizeischutz – wieder einmal blutig zu.

Orbans Zugriff auf die veröffentlichte Meinung ist fast total. Den wenigen kritischen Privatsendern wurden die öffentlichen Werbeaufträge entzogen, jetzt bangen sie um ihre Lizenzen. Im öffentlichen ungarischen Fernsehen und Rundfunk hat Orban 35mal mehr Raum als die Opposition.

Dem MTVA sind auch die Journalisten unterstellt, die in öffentlichen Medien arbeiten. Im Sommer kam es zur ersten Säuberung. Gruppenweise wurden die Journalisten zu Spezialkommissionen bestellt, die ihnen entweder die Erlaubnis zur Weiterarbeit oder die Entlassungspapiere überreichten – letzteres mit Maulkorb, denn nachträgliche Beschwerden über den bisherigen Arbeitgeber kostet die Abfindung. Journalisten, die als „kritisch“ bekannt sind, wurden ausgesondert. Bisher waren es etwas 500, weitere 400 werden noch vor Jahresende folgen.

Die alles rechtfertigende Ideologie ist die „nationale Einheit“. In ihrem Namen legte Orban das Verfassungsgericht an die Leine, erleichterte er Entlassungen und besetzte er den obersten Rechnungshof, die Gerichte, Universitäten und sogar Theater und Oper mit Parteigängern. Auch an die Arbeitslosen wurde gedacht. In einigen Orten der Provinz müssen sie sich jeden Morgen um 7 mit Hacke und Harke im gelben Einheitshemd zu „sozial nützlicher Arbeit“ versammeln. Ein noch nicht verabschiedeter Gesetzesentwurf plant „Unterbringungslager“ für nicht sesshafte Arbeitslose und sonstige „asoziale Elemente“.

Warum dieser Exkurs in einem Blog über Italien? Dafür gibt es zwei Gründe. Der erste ist der sich aufdrängende Vergleich Orbans mit Berlusconi. Im Interview mit der „Repubblica“ (17. 8. 2011) definiert die ungarische Philosophin Agnes Heller Orbans Herrschaft als antiliberales „bonapartisches Regime“, als „Konzentration der Macht in einer Hand, ohne Kontrollen und Checks und Balances“. Obwohl sie sich zu Recht gegen die schlichte Gleichsetzung Orban – Berlusconi wehrt, ist doch festzustellen: Auch B. führt einen verbissenen Kampf gegen die demokratischen Checks und Balances. Gegen die Meinungsfreiheit (wenn sie kritisch ist), gegen die Justiz (wenn sie ihn anklagt), gegen den Staatspräsidenten (wenn er nicht nach seiner Pfeife tanzt). Seine Partei, den „Popolo della Libertà“, setzt B. nicht von Ungefähr mit dem „Volk“ gleich. Der Unterschied ist, dass B. noch anstrebt, was Orban schon erreicht hat. Und dass B. dabei noch auf Widerstand stößt, denn die demokratische Tradition Italiens ist noch nicht tot.

Es gibt einen weiteren Grund, um auf das ungarische Beispiel zu verweisen. Wie B.s „Popolo della Libertà“ gehört auch Orbans Fidesz-Partei zur EVP. Einst hoffte ich, die CDU/CSU, die ja auch zur Fraktionsgemeinschaft der EVP gehört, würde irgendwann den Populisten Berlusconi in die Schranken weisen. Denn in Italien brüstet sich B. mit seiner EVP-Zugehörigkeit. Es war ein naiver Irrtum. Als Orban vor einigen Monaten im Europarlament seine Medienpolitik verteidigte, soll der Beifall der gesamten EVP-Fraktion, also auch ihres deutschen Teils, „frenetisch“ gewesen sein. Gegenüber den Nachfolgern Napoleons in Europa gibt es bei der EVP weder eine politische Grenze noch eine Schamgrenze. Die CDU/CSU hat eben zwei Gesichter. Auch B. muss sich da keine Sorgen machen.


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Hartwig HeineHartwig Heine , Soziologe, lebt teils in Deutschland, teils in Italien. Er engagiert sich in einer hannoverschen Bürgerinitiative, die sich um die Zusammenführung kroatischer und bosniakischer Studenten in Mostar (Bosnien) bemüht. Verschiedene Veröffentlichungen.

Santoro geht

Niemand soll meinen, die verlorenen Kommunalwahlen und Referenden hätten B. schon „weichgekocht“. Es ist paradox, aber im gleichen Maße, wie ihm die Macht zu entgleiten beginnt, nimmt die Bedenkenlosigkeit zu, mit der er sie nutzt. Er hat nichts zu verlieren.
Den Schuldigen an seinen Niederlagen hat B. gefunden. Vor allem Santoro sei es gewesen (keine Sorge, [...]

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Zwischenruf: Häutungen

„Da die Linke nun ihr Vorhaben aufgegeben hat, dem Kapitalismus den Garaus zu machen, fällt ihr die Aufgabe zu, elementare liberale Prinzipien zu verteidigen.“
(Sergio Benvenuto, „Gehirne im Tank“, Lettre International Nr. 89)
Ich kann nur für mich sprechen – aber die italienische Erfahrung verändert einiges, sogar die Gefühle. Sah ich früher Tifosi der italienischen Fußballnationalmannschaft, wie [...]

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Ferrara

Bei der Gleichschaltung des staatlichen Fernsehens hat B. einen weiteren Etappensieg erzielt. Zur besten Fernsehzeit, im Anschluss an die 8 Uhr-Nachrichten von RAI 1, bekommt Giuliano Ferrara täglich 5 Minuten für einen Kommentar eigener Wahl. Die Sendung heißt „Radio Londra“, Radio London. Die Requisiten: ein abgedunkelter Raum, das einleitende Bumm-bumm-bumm, das an die Nachrichten [...]

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Cara Silvia…

Liebe Silvia,

ich habe wenig Lust nach Italien zurückzukehren. Italien ist zwar immer noch ein wunderschönes Land, wo man gut Urlaub machen kann, aber mit einer sehr prekären politischen Lage. Wir müssen uns klar machen, welches Bild sich die europäische Öffentlichkeit von unserem Land macht und welche Meinung dazu insbesondere Jugendliche unseres Alters haben. Hier in Augsburg kann ich alles aus einer anderen Perspektive sehen.

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Die Zähmung der Talkmaster

In einem Land, in dem es immer noch demokratische Traditionen gibt, ist der Übergang zu einem autoritären Regime nicht mit einem Federstrich zu bewerkstelligen. B. hat zwar nicht nur sein privates Medienimperium, sondern auch die politische Macht. Aber sein Zugriff auf das staatliche Fernsehen ist ihm noch nicht vollständig genug.
Obwohl er hier eigentlich schon [...]

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Mutige Magyaren

Mutig erhoben sich die Ungarn am 23. Oktober 1956 gegen die Sowjetunion, kämpften für Freiheit und Demokratie. Der Aufstand gelang, weil sich auch die ungarische Armee mit den Bürgern auf den Barrikaden verbündete. Zunächst, denn am 4. November 1956 marschierte die Rote Armee massiv ein. Die Nato schaute zu. Sie fürchtete, in einen bewaffneten [...]

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Kopie und Original

Am 1. Januar hat ein Land die EU-Ratspräsidentschaft übernommen, das die Medienfreiheit qua Gesetz abgeschafft hat. Ministerpräsident Orban, Leader der rechtspopulistischen Regierungspartei Fidesz, hat dafür gesorgt. Die von ihm geschaffene Medienbehörde NMHH, der ausschließlich Mitglieder der Regierungspartei angehören und die nicht an Parlamentsbeschlüssen gebunden ist, kontrolliert sowohl die öffentlich-rechtlichen als auch die privaten Medienanstalten [...]

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Berlusconis Stützen (2): die EVP

Wenn man der „Repubblica“ glauben darf, war es ein Schauspiel, das dem deutschen Beobachter den Magen umdrehen musste: Während des EU-Gipfeltreffens in Brüssel gab es am 16. Dezember ein Essen der EVP-Führer. Als B. erschien, der eben zwei Vertrauensabstimmungen überstanden hatte, rauschender Applaus. Obwohl er diese Abstimmungen nur durch Stimmenkauf überstanden hatte. Obwohl er bekanntlich [...]

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Der stillgelegte Staatsbürger

Was bedeutet es, wenn der Regierungschef eines Landes sagt: „In meinem Land wird zuviel abgehört und gibt es zuviel Pressefreiheit“, und ankündigt, dem „Schutz der Privatsphäre“ wieder mehr Geltung zu verschaffen? Man müsste wohl antworten: Es kommt darauf an. Würde es sich um ein Land handeln, in dem die Medien gerne Hexenjagden mit wahren oder [...]

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Der Maulkorb

Seit Monaten tobt in Italien ein Kampf um ein Gesetz, das öffentlich „Maulkorbgesetz“ genannt wird. B. verfolgt es seit dem Sommer 2008, zuletzt mit höchster Priorität. Als Verpackungskünstler hat er es in eine glänzende Folie eingewickelt: ein Gesetz zum „Schutz der Privatsphäre für jedermann“. In Wahrheit geht es darum, die Mächtigen erstens vor der ermittelnden [...]

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Medienzar ist kein Medienstar

Italiens Regierungschef versteht etwas von den Medien. Silvio Berlusconi weiß sich medienwirksam in Szene zu setzen. Zwei Stunden lang ist er zur wichtigsten Fernsehzeit als Held des Wiederaufbaus, als Baumeister des neuen Familienglücks im Oktober 2009 im Erdbebengebiet der Abruzzen aufgetreten. Was macht es, dass er Talkshows zum Thema auf anderen Kanälen einfach verbieten ließ. [...]

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Der Santoro-Komplex

Erst Ezio Mauro, dann Eugenio Scalfari (zwei Journalisten der „Repubblica“, A. d. R.). Aber wo sind wir denn? Sie greifen mich an, sprechen in den Kanälen des öffentlichen Fernsehens schlecht über mich. Aber ist das denn die Möglichkeit?“
(Telefongespräch von Berlusconi mit Giancarlo Innocenzi)
Im italienischen Rechtssystem gibt es Merkwürdigkeiten. Zu ihnen gehört, dass die [...]

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Delirium der Allmacht oder Krise?

Man kann sie nicht mehr zählen, die Male, in denen Silvio Berlusconi am Telefon dabei erwischt wird, sich die Realität nach seinem Willen und Gusto zurecht rücken zu wollen. Diesmal ging es eigentlich um etwas ganz anderes, es waren, so heißt es, Abhörmaßnahmen in Verbindung mit einer Geschichte um Kreditkarten, und wie die Telefongespräche mit [...]

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Berlusconi, eine „historische Notwendigkeit“?

Einen ausführlicheren Artikel von Hartwig Heine können Sie hier herunterladen:
“Berlusconi, eine „historische Notwendigkeit“? – eine Erwiderung auf Ernesto Galli della Loggia”

Ernesto Galli della Loggia ist italienischer Historiker und laut Wikipedia (Italien) ein „nationalpatriotischer Liberaldemokrat“. Lettre International

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