Aus Sorge um Italien

"Die Verfassung kann sich selbst nicht so leicht verteidigen.
Die Bürger müssen sie verteidigen."

Ugo de Siervo, Präsident a.D. des italienischen Verfassungsgerichts

Santoro geht


Artikel von Hartwig Heine - Montag, den 20. 06. 2011

Niemand soll meinen, die verlorenen Kommunalwahlen und Referenden hätten B. schon „weichgekocht“. Es ist paradox, aber im gleichen Maße, wie ihm die Macht zu entgleiten beginnt, nimmt die Bedenkenlosigkeit zu, mit der er sie nutzt. Er hat nichts zu verlieren.

Den Schuldigen an seinen Niederlagen hat B. gefunden. Vor allem Santoro sei es gewesen (keine Sorge, er findet auch noch andere!), der ihn mit seiner Politshow „Annozero“ jeden Donnerstagabend in Rai 2 zur Strecke brachte. Sie sei „mörderisch“, Santoro müsse weg. Es ist schon merkwürdig: Der Medienmogul, der fast die gesamte Fernsehlandschaft eingeebnet hat, kommt zu dem Schluss, an seinem Niedergang seien die letzten noch verbliebenen Widerstandsnester schuld. B. glaubt an die unbegrenzte Manipulierbarkeit des Publikums. Und folgert daraus, seine Kontrolle über die Medien müsse noch totaler werden.

Es hat also durchaus seine Logik, wenn B. auf seine Niederlagen wie jeder moderne Diktator reagiert: indem er das Fernsehen säubert. Die RAI hat eine neue Generaldirektorin, die sich ihre ersten Sporen damit verdiente, dass sie ihm Santoros Skalp zu Füßen legte. „Im beiderseitigen Einvernehmen“ habe man sich getrennt. Auf seiner letzten „Annozero“-Sendung am 9. Juni erklärte Santoro, warum er aufgab: Niemand könne auf längere Sicht in einem Unternehmen arbeiten, in dem man sich nur durch Gerichtsurteile halte und dessen Führung einen nicht mehr haben wolle. Dabei war Santoro auch unter kaufmännischen Gesichtspunkten die berühmte Gans, die man nicht schlachten sollte, weil sie goldene Eier legt – seine „Quote“ lag im Durchschnitt bei über 20 %, und wer in seine Werbepausen zu Wort kam, zahlte Rekordsummen.

B. konnte nicht verhindern, dass auch Santoros Verzichtserklärung zu einem Medienereignis wurde. Allein seine letzte „Annozero“-Sendung am 9. Juni brachte einen neuen Quotenrekord von 32,3 %. So könnte Santoros Rückzug als B.s Pyrrhus-Sieg erscheinen. Aber B. geht es um die Macht, und da der nächste Wahltermin näher rückt – vielleicht schneller, als viele meinen -, sollen dem Staatsfernsehen die letzten oppositionellen Zähne gezogen werden. Auch wenn B. dabei nur schrittweise vorankommt, denn den etwas kleineren kritischen Journalisten, die sich noch in der RAI tummeln, werden wohl vorerst die Verträge verlängert. Man fürchtet sonst einen Sturm der Entrüstung. Schon der Abschied von Santoro kostet der RAI Millionen von Werbeeinnahmen.

Doch halt: Geht es B. wirklich nur um seine politische Macht, wenn er dies in Kauf nimmt? Der Medienkonzern Mediaset ist sein Privatbesitz, und der hat das Staatsfernsehen schon immer als einen Gegner betrachtet, den man niederringen muss. Wenn B. also die RAI zugrunde richtet, nutzt das indirekt seiner Mediaset. Kein Wunder, dass B. nicht versteht, warum es hier für ihn einen „Interessenkonflikt“ geben soll. Es ist doch die wundervollste Interessenharmonie, wenn er in diesem Fall etwas tut, was seinem politischen Machterhalt und seinen wirtschaftlichen Privatinteresse dient. Den Interessenkonflikt gibt es nur für die italienische Demokratie. Es gab Zeiten, als die heutige Opposition an der Regierung war und ihm im Fall von B. einen Riegel hätte vorschieben können. Sie hat darauf fahrlässig verzichtet, und Italien zahlt dafür immer noch die Rechnung.

Was wird jetzt aus Santoro? Wahrscheinlich geht er zu dem einzigen freien Privatsender, den es in Italien gibt, zu „La 7“. Wer in der letzten Zeit noch einigermaßen ungefilterte Nachrichten hören und sehen will, der wählt die von „La 7“. Ihre Einschaltquoten steigen unaufhörlich. Jetzt scheint „La 7“ auch zum Refugium der kritischen Talkshow-Moderatoren zu werden. Sie gehört der italienischen Telecom, die dem Sender bisher jede Freiheit lässt. Aber die Telecom steht finanziell auf wackligen Beinen und könnte irgendwann versucht sein, „La 7“ zu verkaufen. Eine Milliarde würde ihr angeblich reichen.

Es könnte sein, dass es Italien doch noch schafft, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Es wäre wunderschön, und je früher es geschieht, desto besser. Aber B. verschwindet nicht einfach von der Bühne, sondern er hinterlässt ein Trümmerfeld. Auch auf dem Gebiet der Medien. Und da der Moment des Verschwindens noch nicht gekommen ist, kann man ihm derzeit noch beim Zertrümmern zuschauen.



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Hartwig HeineHartwig Heine , Soziologe, lebt teils in Deutschland, teils in Italien. Er engagiert sich in einer hannoverschen Bürgerinitiative, die sich um die Zusammenführung kroatischer und bosniakischer Studenten in Mostar (Bosnien) bemüht. Verschiedene Veröffentlichungen.

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