Aus Sorge um Italien

"Die Verfassung kann sich selbst nicht so leicht verteidigen.
Die Bürger müssen sie verteidigen."

Ugo de Siervo, Präsident a.D. des italienischen Verfassungsgerichts

Parteien unter Druck


Artikel von Marcella Heine - Dienstag, den 17. 04. 2012

Gustavo Zagrebelsky von „Libertà e Giustizia“ warnte vor einem Monat: Die Parteien müssten der Korruption den Kampf ansagen und sich „von innen“ erneuern, andernfalls gerieten nicht nur sie, sondern das ganze demokratische System in Gefahr.

Prophetische Worte. Derzeit jagt ein Korruptionskandal den anderen, die Staatsanwaltschaften haben alle Hände voll zu tun. So scheint der Schatzmeister der inzwischen aufgelösten Zentrumspartei „Margherita“ 21 Mio. € aus der Parteikasse in die eigene Tasche gesteckt zu haben: für Immobilien, Luxusreisen und weiß der Geier was noch. Ihr ehemaliger Parteichef Rutelli will davon nichts gemerkt haben, was – sollte es zutreffen – auch ein Skandal wäre. Kurz danach explodierte der „Fall Lega“. Die Bossi-Familie (Freunde inklusive) bediente sich offenbar ungeniert aus Steuergeldern, die in schwarze Parteikassen umgeleitet worden waren, weitere Beträge flossen in dubiose Gold- und Diamantengeschäfte. Bossi-Senior und -Junior und weitere Lega-Vertreter traten unter dem Druck der Basis von ihren politischen Ämtern zurück.

Das sind nur die spektakulärsten Fälle. Fast täglich kommen neue hinzu, quer durch die Parteien. Schon ist die Rede von einer „zweiten Tangentopoli“, die zum Zusammenbruch des politischen Koordinatensystems führen könnte, wie schon einmal zu Beginn der 90er Jahre.

Die Debatte um die öffentliche Parteienfinanzierung ist heftig. Staatspräsident Napolitano mahnt mal wieder zum raschen Handeln, die Justizministerin kündigt Gesetzesänderungen an, während die Parteien die Regierung für „unzuständig“ erklären (eine seltsame Auffassung, handelt es sich doch um Steuergelder, wie Monti zu Recht anmerkte) und eigene Vorschläge ausbrüten.

Eine Änderung des aktuellen Finanzierungssystems ist schon deswegen überfällig, weil sich 1993 – nach „Tangentopoli“ – eine 90 %-Mehrheit per Referendum gegen jegliche öffentliche Parteienfinanzierung aussprach. Die Staatsgelder flossen trotzdem weiter, aber nun als „Rückerstattung von Wahlkampfkosten“ deklariert. Die Diskrepanz zwischen den tatsächlichen Wahlkampfkosten und den erhaltenen Beträgen ist riesig: Zum Beispiel für den Wahlkampf 2008 erhielten die Parteien insgesamt 503 Mio. €, während die Wahlkampfkosten nur 110 Mio. betrugen. Mit dem Rest werden „laufende“ Parteiausgaben gedeckt – wenn sie nicht in der eigenen Tasche oder in der von Freunden und Verwandten landen.

Es handelt sich also um eine getarnte Form der 1993 abgeschafften Parteienfinanzierung, aber ohne Kontrolle durch unabhängige Instanzen. Jetzt fordern die oppositionelle IdV des ehemaligen „Tangentopoli-Staatsanwalts“ Di Pietro und die skandalgeplagte Lega deren Beendigung und lehnen auch jede Wahlkampfkostenerstattung ab. Die regierungstragenden Parteien (PD, PdL, Terzo Polo) halten mit Recht dagegen, dass dann nur Parteien zum Zuge kämen, die von Reichen und mächtigen Lobbys finanziert werden. Sie einigten sich stattdessen auf einen Vorschlag, der Legalität und Transparenz durch eine doppelte Kontrolle garantieren soll: einerseits durch externe Prüfer, andererseits durch ein neu einzurichtendes staatliches Kontrollgremium aus Vertretern des Rechnungshofes, des Staatsrates (einer rechtlich-administrative Beratungs- und Kontrollinstanz) und des Kassationsgerichts. Außerdem sollen Spender ab 5.000 Euro namentlich aufgeführt werden und Parteienbilanzen im Internet öffentlich zugänglich sein.

Was der Vorschlag (bisher) nicht vorsieht, ist ein reduziertes Finanzierungsvolumen. Dieses wäre aber als „politisches Signal“ in Zeiten drastischer Einschnitte bei Arbeitnehmern und Rentnern wichtig, zumal Italien im europäischen Vergleich einen bedenklichen Spitzenplatz einnimmt: Hier erhalten die Parteien aus der Staatskasse jährlich insgesamt 285 Mio. €; während es in Deutschland 150 (Höchstgrenze), in Frankreich 80 und in Großbritannien (wo nur die Oppositionsparteien eine staatliche Finanzierung erhalten) 5 Mio. sind.

Noch muss die von PdL, PD und Terzo Polo favorisierte Neuregelung die parlamentarischen Hürden nehmen, während sich auch bei ihnen bereits die Stimmen mehren, welche die Staatssubventionierung drastisch reduzieren wollen. Denn der Unmut der Bürger wächst und ist längst dabei, in allgemeine Parteien- und Politikfeindlichkeit umzuschlagen. Damit wächst auch der Druck auf die Parteien, möglichst vor den Kommunalwahlen Anfang Mai zu einem Ergebnis zu kommen. Denn auf der Welle des Unmuts reitet die „Antipolitik“, d. h. Populisten wie der Ex-Komiker Beppe Grillo, der insbesondere bei enttäuschten Lega-Wählern – aber nicht nur dort – Stimmen fischen könnte.



Tags:, ,


Marcella HeineMarcella Heine , geboren in Rom, seit 1970 in Deutschland, arbeitete 1975-1991 als Lehrerin an einer Grundschule in Hannover. 1991-2006 war sie Referentin für Interkulturelle Bildung und für die Förderung von Migrantenkindern im Nieders. Kultusministerium. Ehrenamtlich in verschiedenen Projekten zur Integration von Migranten und Flüchtlingen tätig.

Bossis Rücktritt

Im Safe des – inzwischen zurückgetretenen – Schatzmeisters der Lega fand die Polizei eine Mappe mit der Aufschrift „Family“. In ihr waren die Zahlungen aufgeführt, die nach Auskunft der vernommenen Sekretärinnen aus schwarzen Parteikassen an die Bossi-Familie und einige ihrer engsten Vertrauten geflossen waren: für die Renovierung von Bossis Villa, für die Autos und Strafzettel [...]

weiterlesen »

„Es hängt von uns ab“

„Dipende da noi“ („Es hängt von uns ab“) heißt die Überschrift eines Manifestes der Vereinigung „Libertà e Giustizia“. Die zivilgesellschaftliche Organisation „Libertà e Giustizia“ ist seit 10 Jahren in Italien aktiv, zu ihren Repräsentanten zählen Persönlichkeiten wie der Verfassungsrechtler Gustavo Zagrebelsky und der Schriftsteller Umberto Eco. Die Vereinigung ist überparteilich, ihre Initiativen zielen auf die [...]

weiterlesen »


Omertà im Parlament

Wie zu befürchten war, hat die Regierungsmehrheit aus PdL und Lega Nord am vergangenen Mittwoch den Misstrauensantrag der Opposition gegen Landwirtschaftsminister Romano zurückgewiesen. Gegen Romano ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Unterstützung der Mafia. Er ist von der UDC zur Gruppe der „Responsabili“ übergelaufen und ein enger Freund des früheren Präsidenten der Region Sizilien, Totò Cuffaro, der [...]

weiterlesen »

Die Guten und die Bösen

„Alle Politiker sind Verbrecher“ ist die italienische Version der Ansicht, dass alle Politik „schmutzig“ ist. In dieser Allgemeinheit ist sie wohl überall falsch. In Italien hat sie den zusätzlichen Defekt, die Besonderheit des Berlusconismus zu verwischen. Welche die Journalistin Nadia Urbinati kürzlich (in der „Repubblica“ vom 4. 9.) so beschrieb:
„Eine Art der Politik, die [...]

weiterlesen »


Die Ehrenwerten

In Italien sind die Abgeordneten „Onorevoli“ („Ehrenwerte“). Aus Respekt vor ihrem hohen Amt werden sie so angeredet,. Dass einige dieser Ehrenwerten ein eher lockeres Verhältnis zur Ehre ihres Amtes und zu Recht und Gesetz überhaupt haben, ist nichts Neues. Die Zahlen, welche die Tageszeitung „La Repubblica“ vor ein paar Tagen veröffentlichte, haben es allerdings in [...]

weiterlesen »

Die korrupte Kaste verschanzt sich

Was die italienische Regierung im Sommer 2011 aufführt, ist ein Lehrstück. Mit dem Thema: Wie man der Politikverachtung, die im italienischen Volk sowieso vorhanden ist, weitere Argumente nachliefert.
Es sei zugestanden, dass die Regierung gegenwärtig vor einem Problem steht. Unter dem Druck der EU und drohender „griechischer Verhältnisse“ muss sie das Volk davon überzeugen, dass ein [...]

weiterlesen »


Freunde

„Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein…“
Friedrich Schiller, An die Freude
Der Dichter des Liedes „An die Freude“ wird zu den deutschen Idealisten gerechnet. Vielleicht deshalb übersah er, dass nicht jeder Freundesbund im Elysium beheimatet ist. Ein wahrer Freund versteht bekanntlich alles, auch irdische Interessen.
Als die italienische Polizei kürzlich wegen eines Korruptionsfalls (im [...]

weiterlesen »

Der Maulkorb

Seit Monaten tobt in Italien ein Kampf um ein Gesetz, das öffentlich „Maulkorbgesetz“ genannt wird. B. verfolgt es seit dem Sommer 2008, zuletzt mit höchster Priorität. Als Verpackungskünstler hat er es in eine glänzende Folie eingewickelt: ein Gesetz zum „Schutz der Privatsphäre für jedermann“. In Wahrheit geht es darum, die Mächtigen erstens vor der ermittelnden [...]

weiterlesen »


Das „System Anemone“

Anfang Mai ist der Minister für wirtschaftliche Entwicklung, Claudio Scajola (PdL), von seinem Amt zurückgetreten (worden). Berlusconi ließ ihn – nach einigem Hin und Her – wie eine heiße Kartoffel fallen. Der Grund: Ende April hatte die Tageszeitung „Repubblica“ ans Licht gebracht, dass sich besagter Minister offenbar seine römische Wohnung mit Blick aufs Kolosseum von [...]

weiterlesen »

Kamingespräch

B. macht nicht den Eindruck eines Diktators in spe. Als er vor den Regionalwahlen das auf der Piazza S. Giovanni versammelte Volk fragte, ob es eine (linke) Regierung will, die wieder die Steuern erhöht, Menschen ausspioniert oder Extracomunitari ins Land lässt, dachte zwar der Deutsche im Publikum an die Frage-und-Antwort-Spiele von Göbbels im Berliner Sportpalast. [...]

weiterlesen »


Der Macher

Guido Bertolaso ist ein wichtiger Mann. Er ist Chef des italienischen Zivilschutzes, aber inzwischen auch mehr: Berlusconi ernannte ihn zum Staatssekretär, er wurde zu seinem “Mann für alle Fälle”. Wenn sich in Neapel die Abfälle türmen, in Aquila das Erdbeben Städte und Dörfer verwüstet, in Lampedusa die Auffanglager für afrikanische Flüchtlinge aus allen Nähten platzen, [...]

weiterlesen »


Copyright © 2012 by: Aus Sorge um Italien • Design by: BlogPimp / Appelt Mediendesign • Anpassung: A.U. Riccò • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.