Aus Sorge um Italien

"Die Verfassung kann sich selbst nicht so leicht verteidigen.
Die Bürger müssen sie verteidigen."

Ugo de Siervo, Präsident a.D. des italienischen Verfassungsgerichts

Die sanfte Wende


Artikel von Marcella Heine - Donnerstag, den 9. 06. 2011

Die Ergebnisse der Kommunalwahlen in Mai sind mehr als eine Niederlage Berlusconis und seiner Regierungskoalition. Sie sind Zeichen eines Wandels der öffentlichen Meinung, der sozialen Bündnisse, der politischen Kommunikation und Kultur.

Junge „Precari“ und aufgeklärte konservative Unternehmer, Frauen jeden Alters und phantasiereiche Blogger, linke „Politprofis“ und sozial engagierte Pfarrer haben in Nord und Süd gemeinsam die Oppositionskandidaten zum Sieg getragen. Ihre Wahlkampagne prägten das direkte Gespräch mit den Bürgern, die soziale Vernetzung quer zu allen Lagern, Facebook und Internet. Und es war paradoxerweise der alte Medienzar Berlusconi, der da nicht mithalten konnte. Er, der Google immer noch mit Gogol verwechselt, verstand nicht mehr, was ablief. Seine eigenen Internet-Videos waren einförmig, langweilig, leblos. Während er mit starrem Gesicht auf fünf Fernsehkanälen über Zigeunerinvasionen, Stalingrad und islamische Gefahr delirierte (falls die Opposition siegen sollte), tobte sich das „Popolo della rete“ mit Witz und Satire im Netz aus. Das Internet-Video „Die phantastische Welt des Pisapie“, das die Angstkampagne der Rechte ad absurdum parodierte, war (und ist noch) ein Renner. Und wirklich zum Totlachen . Da begrüßt der sanftmütige Oppositionskandidat und jetzige Bürgermeister Pisapia ( „Der Mann, der den Wecker und die Mücken erfand“) „die Freunde von Al Qaida mit herzlicher Umarmung“, da werden kommunale Angestellte gezeigt, die in ihrer Amtsstuben Heroin verteilen und sittsame Bürger, die in öffentlichen Parks von wildgewordenen Schwulen gejagt werden. Dem aggressiven Geschrei von PdL und Lega begegnete man mit gelassener Ironie – oder gar nicht. Und suchte weiter den Kontakt zu der Bevölkerung, unabhängig von sozialer Provenienz oder politischem Couleur.

Eine Bevölkerung, welche die hohlen Versprechungen, die peinliche Vulgarität, die politische Handlungsunfähigkeit, die sexuellen Obsessionen und der gerichtliche Verfolgungswahn des alten Despoten zunehmend anwidern. Die Faszination des erfolgreichen Unternehmers, genialen Kommunikators, politischen Alleinunterhalters ist verflogen. Der Lack ist ab, B. verzaubert nicht mehr. „Der Kaiser ist nackt!“ rufen die jungen Blogger – und immer mehr Menschen rufen es mit.

Doch nicht allein auf B., sondern auch auf den polarisierenden, aggressiven Politikstil seiner PdL und der Lega reagieren immer mehr Menschen mit Ablehnung. Die Sehnsucht nach „Normalität“, nach zivilen Umgangsformen, nach politischer Partizipation und gemeinsamer Verantwortung nimmt zu. Für den Berlusconismo ist sie gefährlicher ist als jede Wahlniederlage. Der Sieg von Kandidaten wie dem sanften Pisapia in Mailand, dem jungen schweigsamen Massimo Zedda in Cagliari, dem fast „langweiligen“ Fassino in Turin und dem unerbittlichen Korruptionsverfolger De Magistris in Neapel verkörpert auch dies. Sie sind – jeder auf andere Weise – das genaue Gegenteil von B.

In einem Kommentar der „Repubblica“ vom 6. 6. 2011 skizziert Ilvo Diamanti treffend die „sanfte Wende“: „Ich habe den Eindruck, dass sich das Meinungsklima verändert hat. Dass sich ein zwanzigjähriger Zyklus seinem Ende nähert, der… auf privaten Werten gründete. Auf den Mythen Individuum, Wettbewerb und Markt. Auf einer aggressiven und angstmachenden Sprache, für die Worte wie Solidarität und Gemeinwohl tabu sind. Auf dem Misstrauen und der Distanz gegenüber allen staatlichen Institutionen.“

Concita De Gregorio, Chefredakteurin der linken Tageszeitung „L’ Unità“, schreibt in ihrem Artikel vom 31. 5. über den Sieg der „freundlichen Revolution“: „Höflichkeit mag zwar als Nebensache erscheinen, doch sie bildet die Grundlage für alles: für den zivilen Umgang, für Toleranz, Justiz, Regeln, Werte“. Eine solche Einstellung mögen viele in Deutschland für ein wenig muffig und konservativ halten. Für ein Italien, das sich vom Berlusconismo abwendet, ist sie revolutionär.



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Marcella HeineMarcella Heine , geboren in Rom, seit 1970 in Deutschland, arbeitete 1975-1991 als Lehrerin an einer Grundschule in Hannover. 1991-2006 war sie Referentin für Interkulturelle Bildung und für die Förderung von Migrantenkindern im Nieders. Kultusministerium. Ehrenamtlich in verschiedenen Projekten zur Integration von Migranten und Flüchtlingen tätig.

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