Aus Sorge um Italien

Schäuble und „La Repubblica“

Artikel von Antonio Umberto Riccò - Dienstag, den 28. 08. 2012

Vor acht Tagen kam ich voller Zufriedenheit aus Berlin zurück, nachdem ich dort den Tag der offenen Tür genutzt hatte, um – vom Kanzleramt bis zu den Ministerien – ein wenig in den Machtzentren der Bundespolitik herumzuschnuppern. Als ich zum Finanzministerium kam, wollte es der Zufall, dass dort gerade Schäuble zu reden begann. Das Publikum bestand aus einigen Journalisten, vielen Fotografen und Leuten wie mir, die sich voller Interesse, aber auch mit Kritik Sorgen um den Ausgang der Krise machen. Hier begannen aber auch schon die Unterschiede: Es gab jene, die sich vom Minister schwören lassen wollten, nie wieder den Geldbeutel für Griechenland oder andere den deutschen Wohlstand bedrohende Staaten zu öffnen, aber es gab auch jene, die auf Äußerungen des guten Willens hofften, die Idee eines geeinten und solidarischen Europas zu verteidigen und sich der Lösung der gemeinsamen Probleme zu öffnen. Es war sicherlich kein im demoskopischen Sinne repräsentatives Publikum, aber bot doch einen Querschnitt durch das heutige Deutschland, mit einem guten Anteil junger und auch weniger junger Leute „mit Migrationshintergrund“.
 
Schäuble sprach frei, mit Offenheit und ohne sich in technische Einzelheiten zu verlieren. Seine Botschaft war insgesamt beruhigend, für beide Seiten. Die Idee eines vereinten und wirtschaftlich und politisch starken Europas sei zu verteidigen, sagte er, und es gebe viele Gründe, warum Deutschland dafür eine besondere Verantwortung trage, und ein großes Interesse habe, einen gemeinsamen Ausweg aus der aktuellen Krise zu finden. Natürlich, so betonte er, müsse dazu jeder seinen Teil beitragen, sowohl die nord- als auch die südeuropäischen Länder, ohne darauf zu warten, dass andere die Probleme im eigenen Hause lösen.
 
Es mag auch an der besänftigenden Anwesenheit der griechischen Sängerin Nana Mouskouri gelegen haben, dass sich der Minister dabei weder zu Ultimaten noch zur Arroganz verstieg. Stattdessen warnte er vor (deutschen) Populisten, welche die Krise nutzen wollen, um sich ein paar flüchtige Wählerstimmen einzufangen. Er dachte dabei wohl vor allem an Mitglieder der Regierungskoalition wie Markus Söder (CSU), dem wir folgenden „Sinnspruch“ verdanken:

„An Athen muss ein Exempel statuiert werden, dass diese Eurozone auch Zähne zeigen kann. Die Deutschen können nicht länger der Zahlmeister für Griechenland sein.“

 
Stattdessen bat Schäuble an diesem Tag seine Zuhörer, sich der historischen Tragweite der Sparprogramme bewusst zu werden, die Griechenland, Spanien und Portugal in Angriff nahmen, und ihnen dabei Vertrauen entgegen zu bringen.
 
Um Missverständnissen vorzubeugen: Diese Rede Schäubles hat mich nicht zu seinem neuen Wähler gemacht. Es war die Rede eines gemäßigten CDU-Vertreters, der sich der Komplexität der Probleme bewusst ist, für die es keine einfachen und schnellen Lösungen gibt. Eine intellektuell redliche Rede, ohne die gewohnten dialektischen Spitzfindigkeiten der Berufspolitiker.
 
Kurz nach der Rede des Ministers hörte ich einen in Ton und Inhalt ähnlichen Vortrag von Martin Kotthaus, Schäubles Sprecher, mit dem ich dann auch ein paar Worte wechseln konnte. Er versicherte mir, dass Berlin die Maßnahmen der Regierung Monti sehr zu schätzen wisse: „Es sind Reformen, zu denen es in Italien schon in den letzten 10 Jahren hätte kommen müssen, die aber nicht stattfanden“. Die einzige Sorge betreffe die Zukunft, also die Zeit nach der nächsten Wahl. Was Berlin beunruhigt, hat Namen und Vornamen, nämlich Silvio Berlusconi. Eine Analyse, die „Aus Sorge um Italien“ schon seit Langem teilt.
 
Als ich dann aber die Sonntagsausgabe der „Repubblica“ sah, stieß ich voller Befremden auf Titel wie:

„Alarm für Griechenland, Berlin: Schluss mit der Hilfe“ und „Der deutsche Minister Schäuble ist gegen weitere Geldspritzen: Die europäischen Regierungen wären töricht, wenn sie keine Pläne für den Notfall hätten“.

 
Da fragte ich mich, ob ich in Berlin einen Doppelgänger von Schäuble gehört hatte. Nach der Lektüre des Artikels kam ich dann (schweren Herzens, denn ich bin eigentlich ein treuer Leser der Zeitung) zum Schluss, dass bei der Rede des Ministers wohl kein Journalist der Repubblica zugegen war. Und sich der Schreiber stattdessen von ein paar Zeilen einer Nachrichtenagentur inspirieren ließ.
 
Verstehen wir uns richtig: Die zitierten Äußerungen mag der Minister so gesagt haben, aber in einem ganz anderen Kontext, als ihn das römische Blatt suggeriert. Was schade ist, denn wenn Schäubles Rede in ihrer Gänze wiedergegeben worden wäre, gäbe es Gründe zu einem gewissen Optimismus. Und in Zeiten wie diesen ist Optimismus ein knappes Gut.


Tags: , ,


Antonio Umberto RiccòAntonio Umberto Riccò , geboren in Mailand, italienischer und deutscher Staatsbürger, war jahrelang Schul- und Erziehungsreferent an verschiedenen ital. konsularischen und diplomatischen Vertretungen in Deutschland. Lebt heute in Hannover, wo er neben anderen Tätigkeiten sozialkritische Romane verfasst. Webmaster von www.aussorgeumitalien.de/. (S. auch www.antonioricco.eu/)

Am Nasenring des Spread

 “Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen bringen, dass man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt”
(Karl Marx, Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie)
 
Was bei uns der Wetterbericht ist, ist in Italien seit einem Jahr der tägliche Bericht über den “Spread”. Im Unterschied zum Wetter besteht er nur aus einer 3-stelligen Zahl, von der jedoch die Befindlichkeit des [...]

weiterlesen »

Amartya Sen: Sparen allein ist ein Irrweg

Vorbemerkung der Redaktion

Während in Südeuropa der Zorn auf die gegenwärtige Krisenpolitik der EU und Deutschlands wächst, gibt es auch bei uns viel Unsicherheit, wie der Krise zu begegnen ist. Wir veröffentlichen dazu Auszüge aus einem Artikel des Nobelpreisträgers für Ökonomie, Amartya Sen (ursprünglich in der New York Times, in italienischer Übersetzung in der „Repubblica“ vom [...]

weiterlesen »


Deutschland und Italien (2) – der „Riesenarsch“

Da B. gerne mit Leuten telefoniert, gegen welche die Polizei ermittelt, werden diese Gespräche oft abgehört. Im vergangenen Herbst wurde bekannt, dass B. in einem dieser Gespräche Angela Merkel eine „Culona“ (weiblicher Riesenarsch) genannt hatte (z. B. der SPIEGEL berichtete am 19. September). In unserem Blog verzichteten wir bisher darauf, dies zu zitieren und zu [...]

weiterlesen »

Deutschland und Italien (1) – Europa bleibt auf der Strecke

Unmittelbar vor seinem Besuch bei Angela Merkel am 11. Januar warnte Mario Monti in einem Interview mit der „Welt“:
„Wenn es für die Italiener in absehbarer Zeit nicht greifbare Erfolge ihrer Spar- und Reformbereitschaft gibt, wird in Italien ein Protest gegen Europa entstehen – auch gegen Deutschland, das als Anführer der EU-Intoleranz gilt, und gegen [...]

weiterlesen »


Italien am Scheideweg

Vorbemerkung der Redaktion
Am Sonntagabend stellte der neue italienische Ministerpräsident Mario Monti in einer Presskonferenz das Programm vor, mit dem er die italienischen Staatsfinanzen sanieren will. Unser Redaktionsmitglied Antonio Riccò, der die Pressekonferenz verfolgte, schrieb dazu den folgenden ersten Kommentar. Auf wichtige Einzelmaßnahmen dieses Programms werden wir noch eingehen.

Man kann mit Recht diese oder jene Maßnahme [...]

weiterlesen »

Berlusconis Agonie?

Die Politik, welche die Finanzmärkte den in die Krise geratenen Ländern aufzwingen, scheint demokratische Entscheidungen auszuschließen. Als Papandreou eine Volksabstimmung über die Annahme des ihm auferlegten Sparpakets ankündigte, geriet alle Welt in Panik. Mit Recht, denn der Entscheidungsaufschub bis zu einer solchen Volksabstimmung riskiert, dass Griechenland schon vorher in den Staatsbankrott getrieben würde – mit [...]

weiterlesen »


Regierung der Unverantwortlichen

Mittlerweile wird sich kaum noch jemand daran erinnern, dass 1953 der damalige Sekretär der PSDI und spätere Staatspräsident Giuseppe Saragat – nach der Niederlage seiner Partei bei den Parlamentswahlen – dafür das “zynische und trügerische Schicksal” verantwortlich machte. Aber der Ausspruch wurde dann in Italien zum geflügelten Wort.
Nachdem sich Merkel und Sarkozy in ihrer Pressekonferenz [...]

weiterlesen »

Empörung reicht nicht

Am vergangenen Samstag wurde in der ganzen Welt gegen die Übermacht der Banken und eines entfesselten Finanzmarkts demonstriert. Auch in Rom. Dort versammelten sich um die 200.000 vorwiegend junge Menschen unter den Parolen „People of Europe Rise Up!“, „Verändern wir Europa, verändern wir Italien!“ und „Wir sind 99 %!“.
Sie wollten ihrem Protest auf der [...]

weiterlesen »


Bossis langsamer Abstieg

Stinkefinger und „pernacchie“ (laut Sansoni-Wörterbuch: „Furzähnliche Geräusche mit dem Mund“- ein entsprechendes Wort fehlt in der edlen deutschen Sprache) anstelle politischer Argumente, Hetze gegen illegale Migranten und faule Süditaliener, wüste Tiraden gegen das „diebische Rom“ (womit er die Zentralregierung meint, der er angehört), vulgäre Beleidigungen politischer Gegner. Das sind Markenzeichen des Lega-Chefs Umberto Bossi, die [...]

weiterlesen »

Nicht unterzukriegen

„Die Märkte bewerten unsere Kreditwürdigkeit nicht richtig“
(B. am 3. August im Parlament).
„Dass ich schlecht für die italienische Kreditwürdigkeit bin, ist eine Erfindung der Zeitungen. Nur sie sahen eine Verbindung zwischen meiner Rede und der Entwicklung der Börsen“ (B. am 4. August, nachdem im Anschluss an seine Parlamentsrede die italienischen Börsenkurse weiter abstürzten).
„Das internationale Vertrauen, [...]

weiterlesen »


Die sieben Gegenvorschläge der PD

Bersani, der Generalsekretär der oppositionellen PD, fasste in der „Repubblica“ das Sparpaket der Regierung so zusammen: „Es zahlen wieder diejenigen, die schon immer zahlten, und jene, die noch nie gezahlt haben, brauchen es auch weiterhin nicht “. Womit er mit letzteren vor allem die Vermögenden und die Steuerhinterzieher meint, zu denen auch viele Selbständige gehören.
Ihre [...]

weiterlesen »

Der Sanierungsplan

Am vergangenen Freitag hat die Regierung Berlusconi ihre Pläne zur Sanierung des italienischen Haushalts auf den Tisch gelegt. „Mit blutendem Herzen“, wie B. bei der dazu gehörigen Pressekonferenz hinzufügte. Die Repubblica kommentierte: „Krokodilsblut“.
Denn als guter Populist gewann B. drei Wahlen mit der Ankündigung – an die er sogar sein politisches Schicksal band -, er werde [...]

weiterlesen »


Unter Vormundschaft

Am 3. August hatte sich B., unter dem Druck der Opposition und der Finanzmärkte, endlich bequemt, seine Villa in Sardinien zu verlassen und im Parlament eine Erklärung zur Finanzkrise abzugeben. Tenor: „Kein Vorziehen des Sparpakets, Italien ist solide, die Finanzmärkte haben Schuld, die Regierung hat alles richtig gemacht, ich bleibe im Amt.“ Die Rede „von [...]

weiterlesen »

Griechenland liegt nahe…

… jedenfalls an Italien. Voller Stolz verkündete Pdl-Sprecher Daniele Capezzone am 8. Mai in den 13.30 Uhr Nachrichten des italienischen ersten Fernsehprogramms, Ministerpräsident Berlusconi habe die anderen europäischen Regierungschefs davon überzeugen können, im Fall Griechenland dem bedrohten europäischen Partner entschieden zur Hilfe zu eilen – womit der große Staatsmann einmal mehr seine außerordentlichen Führungsfähigkeiten unter [...]

weiterlesen »



Copyright © 2014 by: Aus Sorge um Italien • Design by: BlogPimp / Appelt Mediendesign • Anpassung: A.U. Riccò • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.