Aus Sorge um Italien

"Die Verfassung kann sich selbst nicht so leicht verteidigen.
Die Bürger müssen sie verteidigen."

Ugo de Siervo, Präsident a.D. des italienischen Verfassungsgerichts

Deutschland und Italien (2) – der „Riesenarsch“


Artikel von Hartwig Heine - Mittwoch, den 18. 01. 2012

Da B. gerne mit Leuten telefoniert, gegen welche die Polizei ermittelt, werden diese Gespräche oft abgehört. Im vergangenen Herbst wurde bekannt, dass B. in einem dieser Gespräche Angela Merkel eine „Culona“ (weiblicher Riesenarsch) genannt hatte (z. B. der SPIEGEL berichtete am 19. September). In unserem Blog verzichteten wir bisher darauf, dies zu zitieren und zu kommentieren, da das Zitat aus einem Abhörprotokoll stammt, das nicht offiziell zur Veröffentlichung freigegeben war, und weil B. der „Culona“ noch ein Adjektiv hinzufügte, das man sonst nur an den Wänden italienischer Pissoirs findet. Dass B. an verschiedenen Inkontinenzen leidet, auch beim Absondern vulgärer Zoten, schien uns hinreichend bekannt. Die Bundesregierung tat, was in solchen Situationen das Klügste ist: Sie nahm es nicht zur Kenntnis. Wohl in der Annahme, dass B. sich hüten werde, selbst noch einmal auf das Thema zurückzukommen.

Aber zum Jahresende geschah Erstaunliches. Für den „Giornale“, das Kampfblatt der Familie Berlusconi, schrieb dessen Chefredakteur Alessandro Sallusti am 31. 12. einen Leitartikel, dem er sicherlich mit bewusster Doppeldeutigkeit die Balkenüberschrift „È STATA LA CULONA“ gab (Der R. war es/Es lag daran, dass sie „R.“ genannt worden war). Schon mit der Überschrift und dann auch noch einmal im Text wird bestätigt, dass B. die Merkel wirklich „Culona“ genannt hatte.

Was die Frage aufwirft: Warum fühlt sich plötzlich B. selbst bemüßigt, die Sache noch einmal aufzuwärmen? Liegt es nur an B.s Infantilität? Eine andere Antwort liefert Sallustis Artikel, den wir im Anhang dokumentieren. Er zeigt, dass man in der italienischen Rechten dabei ist, sich eine Erzählung zusammen zu spinnen, in den die „Culona“-Sache hineinpasst. Der als Katastrophe erlebte Rücktritt von B. muss ja erklärt werden. Mit folgenden Bausteinen:

(1) Berlusconis Rücktritt ist nicht eigenem Versagen zuzuschreiben, sondern er ist das Opfer ausländischer Mächte, mit Merkel an der Spitze.
(2) Rückkehr der „hässlichen Deutschen“, siehe das Foto.
(3) Die Verschwörung: Ein von einer ausländischen Zeitung telefonischer Absetzungsbefehl (Dementis werden ignoriert): Lächeln bei einer Pressekonferenz; Montis Besuch in Berlin.
(4) Die Deutschen und das Ausland vergnügen sich damit, Italien zu demütigen (Napolitano werden „Befehle“ erteilt, über B. macht man sich lustig).
(5) Die Motive werden nur angedeutet: Libyen, Erdöl, Mega-Geschäfte, aber auch eine gemeinsame „kommunistische Vergangenheit“ von Napolitano und Merkel.

Ein Kontext, in dem die „Culona“ ihren Sinn bekommt. Es passt zur Verschwörungstheorie, dass Merkel B. auch aus persönlicher Rachsucht zu Fall brachte. Ansonsten setzt B. wieder einmal auf das augenzwinkernde Einverständnis der italienischen Macho-Szene – „so etwas wird man ja wohl noch sagen können“. Wenn Merkel jetzt dafür Rache nimmt, beweist es nur, wie kleinlich sie ist. Noch schöner wäre natürlich eine beleidigte Reaktion aus Berlin, denn es würde der Sache noch mehr Bedeutung geben.

So trostlos die Geschichte ist, so zeigt sie doch, wie schnell sich ein Populist wie Berlusconi mit staatsmännischer Attitüde in den primitivsten Nationalisten verwandeln kann. Von der Solidarität der Konservativen ist nichts mehr zu spüren. Leider hat aber auch Monti Recht: Wenn jetzt Deutschland – und damit Europa – aus kaum minder eigensüchtigen Gründen Italien seinem Schicksal überlässt, kann diese Saat aufgehen.


Auszüge aus dem Leitartikel, der am 31. 12. 2011 in Berlusconis „Il Giornale“ unter dem Titel „Es war der Riesenarsch“ erschien. Autor: Alessandro Sallusti, Chefredakteur

Vorbemerkung der Redaktion von AussorgeumItalien:

Der Artikel des New Yorker Wall Street Journals, von dem im Folgenden die Rede ist, „enthüllte“ einen Telefonanruf Angela Merkels beim italienischen Staatspräsidenten Napolitano am 20. Oktober 2011. In diesem Gespräch soll Angela Merkel Napolitano aufgefordert haben, Berlusconi abzusetzen. Eine Behauptung, die sofort von den Pressesprechern beider Seiten dementiert wurde, ohne dass sie in Frage stellten, dass es am 20. Oktober zu einem Telefongespräch zwischen Merkel und Napolitano kam, wie häufig in diesen Wochen.

Zunächst führt der Artikel aus, dass der erzwungene Rücktritt von Berlusconi und die dringliche Vereidigung der Regierung Monti nicht nur inneritalienische Gründe gehabt habe, sondern auch auf Angela Merkels Intervention zurückgehe. Dann wörtlich:

„Dies enthüllt die Tageszeitung Wall Street Journal, die über ein geheimes Telefongespräch vom 20. Oktober mit Napolitano berichtet, in dem die deutsche Kanzlerin nachdrücklich Berlusconis Amtsenthebung fordert und im Austausch dafür Hilfe und Nachsicht gegenüber Italien verspricht. Wir wissen nicht, welche Zusicherungen ihr dazu Napolitano machte, aber sicher ist, dass sie schon vier Tage später, also am 24. Oktober, von Berlusconis Ende so überzeugt war, dass sie während der G8-Pressekonferenz gemeinsam mit ihrem Kumpel Sarkozy über ihn lachen konnte.

Zwei Wochen später wird die Merkel endgültig zufrieden gestellt. Napolitano ernennt Monti zum Senator auf Lebenszeit. Monti selbst erzählt, wie es dazu kam: ‚Ich war gerade in Berlin, als ich einen Anruf vom Quirinal (dem Amtssitz von Napolitano, A.d.R.) bekam, dass..’. In Berlin? Was für ein Zufall. Sicherlich wird es auch dafür Erklärungen geben, aber hoffentlich nicht von der Art, wie Napolitano gestern das Telefonat begründete: Ja, es fand statt, aber wir sprachen über anderes. Vielleicht über das Wetter oder von ihrer gemeinsamen jugendlichen Begeisterung für den Kommunismus: sie bei ihrer ostdeutschen Karriere, er beim Flugblätter-Verteilen für den russischen Einmarsch in Ungarn und gegen den Nobelpreis für den Dissidenten Sacharow.

Alles in allem befand sich das Land im Oktober in keiner größeren Gefahr als heute. Es waren andere Interessen, die zu der institutionellen Inszenierung (der Vereidigung der Regierung Monti, A.d.R.) führten. Die Interessen des Kommunisten Napolitano sind offensichtlich und bekannt. Die der Merkel weniger. Ich glaube nicht, dass sich die Dame dafür gerächt hat, dass sie einer illegalen Abhöraktion entnehmen konnte, dass sie von dem scharfem Beobachter Berlusconi privat ‚der Riesenarsch’ genannt worden war. Nein, ich denke, dass die Frau gemeinsam mit Mister Obama und Sarkozy Großvater Napolitano umgarnte, um Italien ihren Willen in anderen Fragen aufzuzwingen, in Sachen Libyen, Achse mit Putin, Erdölleitungen und anderen Mega-Geschäften.

Aber darüber werden wir beim nächsten Telefonat mit Befehlen für den Quirinal (Staatspräsident, A.d.R.) und den Palazzo Chigi (Sitz des Ministerpräsidenten, A.d.R.) mehr erfahren.“.



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Hartwig HeineHartwig Heine , Soziologe, lebt teils in Deutschland, teils in Italien. Er engagiert sich in einer hannoverschen Bürgerinitiative, die sich um die Zusammenführung kroatischer und bosniakischer Studenten in Mostar (Bosnien) bemüht. Verschiedene Veröffentlichungen.

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