Aus Sorge um Italien

Eine Tüte mit einem kleinen Fötus aus Plastik (Aufschrift: „Abtreibung stoppt ein schlagendes Herz“) als „Willkommensgeschenk“ für alle, die am dreizehnten „World Congress of Families“ teilnehmen, der vom 29. bis 31. März in Verona stattfand. Wahlweise konnte man sich auch für eine Ansteckbrosche in Form von zwei vergoldeten Füßchen entscheiden, die laut den Organisatoren „exakt denen eines zwölf Wochen alten Fötus nachempfunden sind“.

Plastikfötus als Willkommensgeschenk

Plastikfötus als Willkommensgeschenk

Rechtsradikale aus der ganzen Welt, deren Spektrum von amerikanischen Bannon-Anhängern bis zu den Neonazis der italienischen Forza Nuova und der griechischen Goldenen Morgenröte reicht, militante Abtreibungsgegner, homophobe Organisationen und misogyne orthodoxe Patriarchen zelebrierten in Verona drei Tage lang die „natürliche Familie“, die „nur aus Mama und Papa besteht“, möglichst viele Kinder produziert und sich nie scheiden lässt. Abtreibung sei Mord („Seit der Einführung des Abtreibungsgesetzes 1978 wurden in Italien 6 Millionen Kinder ermordet“, so der Präsident des Family Day, Gandolfini, in seiner Eröffnungsrede). Homosexualität gilt hier bestenfalls als behandlungsbedürftige Krankheit, wenn nicht gar – so die Meinung der ugandischen Abgeordneten Luky Akello, die in Verona als Referentin auftrat – als Verbrechen, das die Todesstrafe verdient. Eine weitere Rednerin war die Schriftstellerin Silvana de Mari, die von einem Turiner Gericht verurteilt worden war, weil sie Homosexualität mit „Satanismus“ gleichsetzte.

Familienminister Schirmherr, Salvini Hauptredner

Die Schirmherrschaft hatten für diesen schauerlichen Konvent der italienische Familienminister Lorenzo Fontana (Lega) und die Gemeinde Verona übernommen. Der Bildungsminister und der Präsident der Region Venetien (beide ebenfalls Lega) nahmen teil, wie auch Giorgia Meloni, die Chefin der neofaschistischen „Fratelli d‘ Italia“, der Präsident des EU-Parlaments Tajani (Forza Italia) und zahlreiche Botschafter und rechtsextreme Abgeordnete aus Russland, Ungarn, Polen, Moldawien und anderen osteuropäischen Ländern. Am zweiten Kongresstag war Vizepremier Salvini der Hauptredner.

Die Themen standen unter relativ allgemeinen Überschriften, wie: „Europa und die Zukunft der Familie“, „Schutz des Lebens und demographische Krise“, „Gesundheit und Würde der Frau“, „Die Schönheit der Ehe“, „Integrierte Humanökologie“ u. ä.

Welche Inhalte und Ziele dahinterstehen, legt ein Dossier des „European Parlamentary Forum“ dar – ein Netzwerk europäischer Parlamentarier, die sich mit Fragen der sexuellen Selbstbestimmung und Gleichberechtigung der Geschlechter beschäftigt. Auf dem Index der christlichen Fundamentalisten stehen Abtreibungsrecht, Scheidung, Zugang zu Verhütungsmitteln, künstliche Befruchtung, Sexualerziehung in Schulen, Gleichberechtigung der Frauen und der Homosexuellen. Sexualität wird nur in Zusammenhang mit der Reproduktion im Rahmen der „natürlichen Familie“ als legitim angesehen. Alles andere widerspreche „dem Plan Gottes“.

In seiner Kongressrede versicherte zwar Salvini, es gehe nicht darum, die bestehenden Gesetze zur legalen Abtreibung, zur Scheidung oder zu gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften wieder abzuschaffen. Er betonte aber zugleich, das Familienrecht müsse„zum Schutz der Kinder“ geändert werden. „Kinder müssen eine Mama und einen Papa haben“, Adoptionen durch homosexuelle Paare seien abzulehnen. Ein Zickzackkurs, vor allem wohl aus wahltaktischen Gründen: die Lega ist inzwischen zu einer „nationalen Volkspartei“ geworden, zu deren Anhängern und potentiellen Wählern auch Frauen und Homosexuelle gehören, die nicht all zu sehr verschreckt werden dürfen.

Kritik vom Koalitionspartner

Die 5-Sternebewegung, der Koalitionspartner der Lega, hat sich von dem Kongress und dessen Zielen distanziert. Ihr Leader Di Maio, der mit Salvini Vizepremier ist, bezeichnete die Kongressteilnehmer als „Fanatiker“ und ihre Ansichten zur Abtreibung und zur Stellung der Frau als „inakzeptabel“. Er persönlich sei auch für eine Familie „mit einer Mutter und einem Vater“, aber man dürfe andere Lebensentwürfe nicht ausgrenzen. Auch andere Minister und Abgeordnete der 5SB – u. a. Justizminister Bonafede und Gesundheitsministerin Giula Grillo – äußerten Kritik und sprachen von einer „rechtsextremen Veranstaltung“ und einer „Rückkehr zum Mittelalter“.

Die zuletzt genannte Charakterisierung trifft allerdings nicht ganz den Kern, denn die Positionen und Gruppierungen, denen Verona ein Forum bot, sind ein sehr modernes Phänomen. In USA und in Europa breiten sich identitäre und nationalistische Bewegungen aus, in deren Mittelpunkt eine – reale oder „gefühlte“ – Bedrohung steht, die breite und vorwiegend männliche Schichten aus Angst vor sozialem Abstieg, Identitätsverlust, materieller und kultureller Konkurrenz von Frauen, ethnischen Minderheiten und „Andersartigen“ empfinden.

Dass sich die 5SB von ihrem Lega-Koalitionspartner so ungewöhnlich scharf distanzierte, hat mehrere Gründe. Einerseits muss sie als „hybride Bewegung“ stärker als die Lega Rücksicht auf ihre politisch heterogene Wählerschaft nehmen.Und andererseits muss sie angesichts sinkender Zustimmungswerte und dem Erstarken des Koalitionspartners versuchen, ihr politisches Profil zu schärfen. Nicht zuletzt mit Blick auf die Europa-Wahl im Mai, bei der Di Maios Partei eine Niederlage riskiert, die ihre Stellung in der Regierungskoalition – wenn diese überhaupt weiter besteht – zusätzlich schwächen würde.

30.000 demonstrieren gegen den Kongress

Schon vor dem Kongress hatte sich in Verona ein breites Bündnis gebildet, um gegen dessen Ziele zu protestieren und für Gleichberechtigung und sexuelle Selbstbestimmung einzutreten. Feministische Initiativen, Gewerkschaften, Verbände von Homosexuellen und weitere zivilgesellschaftliche Organisationen hatten landesweit für den 30. März zu einer Protestdemonstration aufgerufen, an der ca. 30.000 Menschen teilnahmen. An der Spitze des Zuges liefen Frauen der transnationalen Initiative „Non Una Di Meno“ („Keine Einzige weniger“), die erstmals 2015 in Argentinien als Reaktion auf die wachsende Anzahl von Frauenmorden und Vergewaltigungen auftrat und sich dann in viele andere Länder ausbreitete.

Am Tag danach hatten auch die Organisatoren des Familienkongresses mit erzkatholischen Gruppen und Abtreibungsgegnern zu einer Abschlusskundgebung „für die Familie und das Leben“ aufgerufen, zu der ca. 10.000 kamen. An ihr nahm auch die faschistische „Forza Nuova“ mit ihren Spruchbändern „Dio – Patria – Famiglia“ („Gott – Vaterland – Familie“) teil.

Die katholische Kirche beteiligte sich offiziell weder am Kongress noch an der Abschlusskundgebung, aber der Bischof von Verona sprach am Eröffnungstag ein Grußwort, in dem er sich für die „natürliche Familie“ und gegen Abtreibung aussprach. Der Staatssekretär im Vatikan, Kardinal Pietro Parolin, hatte zuvor erklärt, man sei „mit der Substanz grundsätzlich einverstanden, nicht unbedingt mit den Methoden“. Eine windelweiche Stellungnahme, der leider auch Papst Franziskus, die von Journalisten dazu gefragt wurde, seinen Segen erteilte („Verona? Ich habe mich damit nicht beschäftigt, aber die Worte von Kardinal Parolin scheinen mir richtig und ausgewogen“).

Anmerkung:
Drei Tage nach dem Kongress rettete das Schiff „Alan Kurdi“ der deutschen NGO „Sea Eye“ 64 Flüchtlinge vor dem Ertrinken, auch Frauen und Kinder. Wieder einmal verweigerte Salvini den Zugang zu italienischen Häfen. Er erklärte sich lediglich zur Gnade bereit, in Lampedusa zwei Kleinkinder und ihre Mütter von Bord gehen zu lassen, aber nicht ihre Väter bzw. Ehemänner. Als die Familien sich weigerten, voneinander getrennt zu werden, und die Frauen an Bord blieben, kommentierte Salvinis auf Twitter: „Frauen und Kinder weigern sich, das Schiff zu verlassen? Dann wünsche ich gute Weiterreise!“. Soviel zu den auf dem Kongress hoch gepriesenen Werten „Familie und Schutz des Lebens“. Für Flüchtlinge aus Afrika gelten sie nicht.



Marcella HeineMarcella Heine , geboren in Rom, seit 1970 in Deutschland, arbeitete 1975-1991 als Lehrerin an einer Grundschule in Hannover. 1991-2006 war sie Referentin für Interkulturelle Bildung und für die Förderung von Migrantenkindern im Nieders. Kultusministerium. Ehrenamtlich in verschiedenen Projekten zur Integration von Migranten und Flüchtlingen tätig.

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