Aus Sorge um Italien

„Was ist rechts? Was ist links?“

Artikel von Marcella Heine - Donnerstag, den 23. 05. 2013

„Destra – Sinistra“ („Rechts – Links“) heißt ein bekanntes Lied des verstorbenen Liedermachers Giorgio Gaber, das rechte und linke Klischees auf ironische Weise thematisiert. Dieses Lied paraphrasierte Beppe Grillo vor einigen Tagen in seinem Blog.

„Was ist rechts? Was ist links? Die 5-Sternen-Bewegung ist nicht links (und auch nicht rechts). Sie ist eine Bewegung von Italienern. Sie will nicht den gleichen Weg mit denjenigen gehen, die Italien ruiniert haben. Wir wollen keinen Ballast am Bord. PD, SEL oder PdL, die oder jene, für mich sind sie alle gleich … Etwas rassistisch zu sein ist rechts, alle rein zu lassen ist links. Der Illegale ist links, der extreme Nationalismus ist rechts. Doch was ist rechts? Was ist links? …’Forza Italia’ im Stadion zu rufen hat einen rechten Beigeschmack, aber eine Kanusportlerin, die auch noch halb deutsch ist, in die Regierung zu holen, ist eher dämlich als links. Doch was ist rechts, was ist links? …“.

Eine „Bewegung von Italienern“

Tolle Definition. Was heißt das eigentlich? Menschen ausländischer Herkunft sind unerwünscht? Scheint so, wenn man die Entscheidung, eine Ministerin deutscher Herkunft (Josefa Idem) in die Regierung zu holen, „dämlich“ nennt, weil sie „un po’ tedesca“ ist.

Der Liedermacher Giorgio Gaber

Der Liedermacher Giorgio Gaber

Es sind keine zufälligen Ausrutscher. Grillo spielt auf der Tastatur fremdenfeindlicher Ressentiments. Er verkündete schon mal „Marokkanern, die sich nicht benehmen, muss man die Fresse polieren“. Was er mit Italienern, die sich ebenso wenig benehmen, machen würde, sagte er nicht. Die Gewalttat eines Amokläufers aus Ghana, der vor einigen Tagen drei Menschen mit einer Hacke auf offener Strasse ermordete, nahm er zum Anlass, um auf seinem Blog zu posten: „Wie viele Kabobo (so heißt der Täter) gibt es in Italien? Hunderte? Tausende? Wo leben sie? Keiner weiß es“ und eine Liste von Übergriffen zu bringen, die Einwanderer verübten. Ein Portugiese, der „eigentlich in den Knast gehört“, ein Senegalese, „deren Abschiebung nie vollzogen wurde“, ein Ghanaer, der wegen Gewalttätigkeit „unter Sonderbeobachtung hätte gestellt werden müssen“. Mörder, Räuber, Vergewaltiger: alles Einwanderer. Vielleicht Hunderte? Vielleicht Tausende? Keiner weiß es! Zwar sind Zeitungen und Fernsehen auch mit Gewalttaten von Italienern voll: Morde, brutale Misshandlungen, Vergewaltigungen, Schießereien, tödliches Abrechnen zwischen Mafia-Banden. Die kommen in Grillos Schandliste nicht vor. Oft sind die Opfer Frauen – Verlobte, Ehefrauen, Töchter. Manchmal sind es unbeteiligte Passanten, die grundlos angegriffen werden, genau wie im Fall von Kabobo. Fast zeitgleich mit diesem erschlug ein Italiener zwei Menschen mit einem Hammer. Da eine Hacke, hier ein Hammer. Doch Grillo schaut nur auf die „Kabobos“.

Bedienung rechts, Bedienung links

Den Vorschlag der Integrationsministerin Kyenge, die in Italien geborenen Kinder von Einwanderern einzubürgern, erfüllt ihn ebenfalls mit Sorge. Eine so gravierende Entscheidung, welche die „geographische“ (hier redet Grillo Blödsinn, er meint offenbar die „ethnische“, oder glaubt er wie die Lega, Italien würde dann zu einem Teil Afrikas, M. H.) Landschaft Italiens verändern würde, könne nicht nur von ein paar Parlamentariern getroffen werden, hier sei eine Volksabstimmung nötig. Das erinnert mich doch stark an die Unterschriftensammlung des ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Koch gegen den rot-grünen Vorschlag zur doppelten Staatsangehörigkeit, wo die Leute am Stand fragten: „Ist es hier, wo man gegen die Ausländer unterschreiben kann?“. Für Koch eine gelungene Aktion, sie brachte ihm den Wahlsieg. Der rechte Abgeordnete La Russa, in der Jugend ein bekannter faschistischer Schläger, dann B.s Verteidigungsminister, lobte Grillos Äußerungen zur Staatsangehörigkeit von Migrantenkindern in höchsten Tönen.

Rechts und Links sind gleich, behauptet Grillo. Von wegen. Er weiß ganz genau, dass seine eigene Wählerklientel aus „Rechten“ und „Linken“ besteht und versucht, die einen wie die anderen zu bedienen. Also tönt er am Freitag gegen die vielen kriminellen „Kabobos“ und ruft am Samstag zur Teilnahme an der Demonstration der linken Metallgewerkschaft FIOM auf. „Was ist rechts? Was ist links?“ trällert er vergnügt, und beantwortet die Frage damit, dass er mal „rechts“, mal „links“ ist. Und immer ein gewiefter Populist.

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Marcella HeineMarcella Heine , geboren in Rom, seit 1970 in Deutschland, arbeitete 1975-1991 als Lehrerin an einer Grundschule in Hannover. 1991-2006 war sie Referentin für Interkulturelle Bildung und für die Förderung von Migrantenkindern im Nieders. Kultusministerium. Ehrenamtlich in verschiedenen Projekten zur Integration von Migranten und Flüchtlingen tätig.

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