Aus Sorge um Italien

Von Tag zu Tag

Artikel von Hans Karweik - Mittwoch, den 2. 02. 2011

Er kommt. Roberto Scarpinato bewegt sich lautlos, geschmeidig. Sein Gang ist dennoch fest. Seine Augen kontrollieren aufmerksam die ungewohnte Umgebung. Zugleich sind die Augen vieler hoch gewachsener, trainierter Männer auf ihn gerichtet – und auf den gesamten Vorraum im Wolfsburger Gewerkschaftshaus. Sie sind Polizisten, deutsche Polizisten. Roberto Scarpinato ist der am besten bewachte Mann Italiens. Auch hier in Deutschland.

Er ist einer der erfolgreichsten Mafia-Jäger, gehörte zu den Anklägern im Andreotti-Prozess. In der Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft in Palermo leitet der 57-Jährige die Abteilung Mafia und Wirtschaft. Roberto Scarpinato sah 1992 aber auch die weltweit bekannten Mafia-Jäger Giovanni Falcone und Paolo Borsellino sterben. Er könnte der nächste sein. Überall könnte eine Bombe präpariert sein. Damit lebt er. Wie, diese Frage beantwortet er nicht. In seine Augen treten sofort unterdrückte Tränen, seinen Mund umspielt ein gefrorenes, entschlossenes Lächeln. Eine, vielleicht zwei Sekunden lang zeigt er Gefühle. „Ja“, sagt er fast unhörbar flüsternd. Es sei sehr schwer.Trotzdem setzt er diesen schier aussichtslos wirkenden Kampf fort, entschlossen und erfolgreich. Er entlarvt mafiose Strukturen in den Behörden Italiens bis hinein in die Polizei, Verbindungen der Mafia zu Politikern, ihre Vernetzung in der bürgerlichen Gesellschaft, ihre illegalen Geschäfte, ihre brutalen Verbrechen und ihr ungeniertes Ausnutzen legaler Möglichkeiten zur Geldwäsche.

Von jedem Euro illegal verdienten Geldes fließen 70 Cent in legale Märkte.“Das ist ein Geldstrom, der einen einst klaren See verschmutzt“, sagt er. Gemeint ist Deutschland. Das Geld fließe in Hotels, in die Gastronomie, auch in die Telekommunikation. Das seien geeignete Märkte, um Geld zu waschen. An brutalen, auffälligen Morden sei die Mafia im Ausland weniger interessiert. Hier wolle „sie legal illegales Geld anlegen“. Bestechungsskandale, Blut und Bomben störten da nur.

Der Mafia liege daran, dass es in Deutschland still bleibt, um ungestört zu investieren. Sie erfreue sich aller Vorzüge eines Rechtsstaates. In Italien, erläutert Scarpinato, genüge der Verdacht auf Verbindungen zur Mafia, um das Telefon abzuhören. Die schärferen Gesetze in Deutschland erlaubten der Mafia unerlaubte Geschäfte am Telefon.Immer wieder blickt sich Roberto Scarpinato aufmerksam um, antwortet konzentriert, kontrolliert und kalkuliert.

Interviews sind Teil seines Kampfes gegen die Mafia: die Sensibilisierung der Bevölkerung in den europäischen Nachbarstaaten Italiens, die Offenlegung von Gefährdungen, noch mehr: des Ausmaßes der Gefahr, die sich noch durch das Auftreten der russischen Mafia und ihrer kleinen Schwestern in Kroatien, Rumänien und Bulgarien erhöhe. Die Mafia, nicht nur die italienische, auch die russische oder kolumbianische, seien im 21. Jahrhundert dabei, die Wirtschaft international zu kontrollieren.

„Die europäischen Staaten müssen zusammenarbeiten“, betont er deshalb, um der international agierenden organisierten Kriminalität wirksam entgegen treten zu können. Das erfordere eine gemeinsame Polizeistrategie und Kontrolle der Finanzmärkte.Roberto Scarpinato bleibt aufmerksam im Gespräch und wachsam gegenüber seiner Umgebung.

„Nein,“ erklärt er klar auf die Frage, ob Italien auch von der Mafia profitiere. Wirtschaftlich nur soweit, als deren Bosse verschiedener Hierarchie-Ebenen ihr luxuriöses Leben mit Produkten des Landes finanzierten. Ansonsten sei der Mafia daran gelegen, das Land auszusaugen, auszubluten und eine prosperierende Entwicklung im Süden Italiens zu unterlaufen.

Die Mafia benötige ein Umfeld wirtschaftlicher Unsicherheit, möglichst Not, um besser agieren zu können. So versickerten die Hilfsgelder aus Rom stets im sizilianischen Sand. Oder es gibt neue Gesetze. Da beschlagnahmte Scarpinato in Palermo drei Milliarden Euro und kurz darauf machte ein Amnestie-Gesetz diesen Erfolg zu nichte. Roberto Scarpinato verabschiedet sich mit herzlichem Händedruck.



Hans KarweikHans Karweik , Kulturredakteur, sagt: "Italia. Quo vadis? Wohin gehst du? Diese bange Frage stellen sich immer mehr Menschen. Nicht nur Italiener, auch Deutsche, Dänen, Schweden, Franzosen... Italien verbindet sich mit Fortschritt, weil das Land oft genug Avantgarde in Europa und damit auch in der Welt gewesen ist. Aber das darf sich nicht auf Fehlentwicklungen beziehen. Die Gefahr, dass der freiheitliche Rechtsstaat unterhöhlt wird, ist groß. Wir wollen dazu nicht schweigen."

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