Aus Sorge um Italien

Ferrara war an diesem Tag in eine angenehme späte Oktobermilde eingehüllt. Die Menschen saßen noch draussen in den Strassencafès und taten, was sie dort immer um die Zeit des späten Vormittags tun. Sie tranken einen Aperitif, eine Cola, einen Espresso.

Das schwarze Lamento…

Alleine an einem Tisch, die Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen und ein Gläschen Prosecco vor sich, saß da mein Nachbar und lud mich zu einem Gläschen an seiner Seite ein. Zu seinen ‘großen Zeiten’ war er ein in Italien nicht ganz unbekannter linker Journalist, der viel über die die ‘historischen Attentate’ der siebziger und achtziger Jahre geschrieben hat. Wortgewaltig ist er, er beherrscht mit beneidenswerter Ironie perfekt die anspielungsreiche Metaphernsprache der italienischen Politik vor und hinter den Kulissen. Um der Genauigkeit willen sollte ich bei ihm vielleicht besser im Imperfekt sprechen. Aus seiner einstmals so farbigen Ironie ist heute aller Witz und jede Phantasie gewichen. Nur noch schwarz sieht er die Welt um sich herum, und von ‘la sinistra’ spricht er nur noch in bitterbösen Sarkasmen. Von Renzi möchte er am liebsten überhaupt nicht sprechen, weil ihm dann nur übel werde. Der sei doch nichts weiter als ein junger florentiner Salonfaschist und Musterschüler Berlusconis. Um an die Macht zu kommen, habe er alle linken Ideale und Werte verraten, usw., im Ton tiefer Verbitterung.

Was sollte ich meinem so enttäuschten Nachbarn auf diese Suada des Untergangs erwidern? Die Welt des Matteo Renzi und seiner Anhänger war nie meine Welt. Die Ruppigkeit, Arroganz und Chuzpe, mit denen sie die Generation ‘vor ihnen’ – zu der ich ja auch gehöre – auf den Schrotthaufen werfen, ist nur schwer zu ertragen. Es war ja keine kalkulierte Selbstdarstellung, dass die ehemalige linke Sozialministerin Livia Turco vor laufenden Kameras in Tränen ausbrach, als sie sich über die ‚Verschrottung’ der Träume ihrer Generation beklagte. Diese Generation der Linken in Italien kann ja auch etwas vorweisen – viele Fehler, Versäumnisse und Verdrängungen eingeschlossen. Aber ihre Welt kennt im Gegensatz zur permanenten „Truman Show“ der ‚Renziani’ (Michele Serra) noch den Respekt vor den Lebensleistungen der Anderen. Soll man da nicht in Tränen ausbrechen, wenn ein Renzi jetzt in seinem Brief an ‚La Repubblica’ ausgerechnet Enrico Berlinguer und Piero Calamandrei zu seinen Vorbildern erklärt?!

… kreist um sich selbst

Das Castello von Ferrara

Das Castello von Ferrara

Und trotzdem verstehe ich nach der linken ‘Lectio Magistralis’ meines ferrareser Freundes am Fuße des Kastells besser, warum diese traditionelle italienische Linke heute in einem windstillen Winkel der Geschichte vor sich hin dümpelt und ‘grantelt’, wie man im bayerischen Idiom sagen würde. Während dieser in den letzten Jahren häufiger gewordenen sarkastischen und entmutigenden Begegnungen mit den linken ‘Compagni di Strada’ denke ich an ein Gespräch zwischen dem Gewerkschafter und Publizisten Vittorio Foa und seiner Freundin, der Schriftstellerin Natalia Ginzburg, das sie im Mai 1990 im Radiosender RAI Tre führten („È difficile parlare di sè“, Einaudi, 1999). Zum Ende ihres Gesprächs entwickelte sich zwischen den beiden Freunden eine kleine, aber für ihre unterschiedlichen Weltbilder emblematische Kontroverse. Foa kritisierte an seiner Freundin Natalia, sie habe einen zu pessimistischen Blick auf die Welt. „Es mag sein,“ antwortete sie, „aber die Welt ist nun mal nicht heiter.“ „Nein, natürlich nicht“ antwortete ihr Foa, „aber Natalia, trotzdem werden Kinder geboren und wachsen in dieser Welt auf.“

Die lakonische Antwort des ewigen Optimisten Vittorio Foa ermutigt mich nicht, Renzi und seinen Anhängern zu applaudieren. Aber eine politische Linke, die sich wie mein kluger, aber so pessimistischer Freund tief in den Verließen des Kastells von Ferrara einbunkert, vermittelt den heute geborenen Kindern auch keine Hoffnung mehr. Eine Antwort für die Lösung heute anstehender politischer wie sozialer Krisenbewältigung ist das nicht. Aber der Verweis auf die heute aufwachsenden kommenden Generationen – nicht nur in Italien – schlägt einen anderen Grundton an als das ewig zynische, im besten Fall pessimistische Lamento vieler ‚traditioneller Linker‘ zuerst gegen Berlusconi, heute gegenüber den ‚Renziani’.

Wenn Intellektuelle und einstmals treue Mitglieder der‚Comunità della Sinistra’ sich heute in den Zeiten der Wirtschaftskrise und rasanter globaler Veränderungen nur gegenseitig über den Verrat ihrer ‚linken Träume’ (welche waren das nochmal…?) unterhalten, dann werden sich die heute geborenen Kinder demnächst nicht einmal mehr daran erinnern, dass es in Italien einmal eine politische Linke gab.



Carl Wilhelm MackeCarl Wilhelm Macke (*1950 in Cloppenburg, mit Don Camillo aber ohne Peppone); lebt als freier Publizist in München und Ferrara (Italien); Koordinator von »Journalisten helfen Journalisten«e.V. (www.journalistenhelfen.org), Mitglied von »Libertà e Giustizia« und "Italia Nostra". Buchveröffentlichung zu Italien: "Bologna und Emilia Romagna. Eine literarische Einladung. Wagenbach-Verlag, Berlin, 2009

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