Aus Sorge um Italien…

…nicht wegschauen!

Tag: Salvatore Settis

Privatisierung der Politik

Donnerstag, 21. Januar 2010

Jene in Deutschland wie in Italien weit verbreitete konservative Obsession, alle Übel der Gegenwart irgendwie den schlimmen anti-autoritären, unpatriotischen, gewaltverherrlichenden, kinderverderbenden „68ern“ anzulasten, scheint langsam zu verblassen. In den Billigantiquariaten häufen sich jedenfalls die Erinnerungen, Biographien, die Streitschriften und Polemiken, in denen mit den kulturzerstörerischen 60er“ Jahren und dem „Untergang des Abendlands“ abgerechnet wird.
Manchmal aber wird man dann doch wieder plötzlich und aus einer vollkommen unerwarteten Ecke mit einem Slogan jener Jahre konfrontiert. „Das Private ist politisch“ war so ein damals besonders in feministischen oder ‚Sponti- Kreisen weit verbreitetes ‚Kampfmotto’ mit einer eindeutig ‚linken emanzipatorischen’ Zielrichtung.

Heute jedoch hat dieser Slogan eine ganz andere Färbung erhalten. Aktuelles Beispiel: das private öffentliche Leben von Silvio Berlusconi. Mit einer atemberaubenden Konsequenz hat der mailänder Medienunternehmer in den letzten Jahrzehnten versucht, das politische System Italiens in sein eigenes Firmenimperium einzugliedern. Diese von großen Teilen der italienischen Wahlbevölkerung jedoch keineswegs als ‚feindlich’ angesehene Übernahmestrategie ist ihm, von Ausnahmen abgesehen, in seinem Sinne auch durchaus gelungen. “Italia S.p.A.“ hat der angesehene Kunsthistoriker Salvatore Settis dann auch eines seiner letzten Bücher betitelt, mit dem er den Ausverkauf italienischer Kulturschätze in der Regierungszeit von Berlusconi beklagt. In dem von ihm propagierten Welt- und Menschenbild ist alles käuflich und verkäuflich, in der Politik genauso wie im Privatleben.

Das klassische Gerüst einer funktionierenden Demokratie (Gewaltenteilung, Medien als Kontrollorgane der Regierenden, Akzeptanz des politischen Machtwechsels, Trennung von öffentlicher und privater Sphäre usw.) hat Berlusconi im Stil eines sich barock kostümierenden Kim Il Sung des Westens immer mehr aus seinen politischen Befestigungen gelöst. Unterstützt und beraten von einem ihm servil ergebenen Hofstaat (in den Parlamenten und den Medien), hat er konsequent auch das Private politisch für sich und seine Macht zu nutzen versucht. Auf den Titelseiten – nicht nur seiner Hauspostillen – wurden seine diversen kosmetischen Operationen genauso thematisiert wie seine präsenilen Annäherungen an vollbusige Soubretten oder seine spätpubertären Witze auf Treffen mit Repräsentanten anderer Länder. Für ihn ist immer alles Private auch politisch, solange es ihm, seinem Reichtum, seiner Medienmacht, seinem Potenzgehabe dient. Berlusconi, der seit Jahr und Tag gegen die moralische Verkommenheit der politischen Linken ( „tutti comunisti“ ) bis hin zu den sozialen Katholiken der heutigen Oppositionspartei polemisiert, ist gleichzeitig der „größte Privatisierer der Politik unter allen derzeit politisch Mächtigen“ (Barbara Spinelli). „In dem Moment“, so die ebenfalls 1968 politisierte Barbara Spinelli in einem glänzenden Kommentar für die Turiner Tageszeitung La Stampa weiter, „in dem alles Private politisch wird, zerstören wir die Politik“. Diese Anklage war gegen Berlusconi gerichtet, aber mehr noch gegen einen Journalismus, der diese Zerstörung demokratischer Politik mit seinen Skandalberichten vorantreibt. Auch eine ansonsten gegenüber den Inhalten und dem Stil des „Berlusconismo“ stark kritisch eingestellte Tageszeitung La Repubblica verfängt sich mit ihrer Berichterstattung über das Privatleben des Ministerpräsidenten immer wieder in dessen strategischen Fallen. „Diese Personalisierung“, so der englische Politikwissenschaftler Colin Crouch,“ stellt….einen wichtigen Aspekt des Niedergangs der ernsthaften Diskussionskultur dar“. Und genau das ist ja auch das Ziel des politischen Projekts von Silvio Berlusconi.

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Und wo bleibt die Kultur?

Sonntag, 17. Januar 2010

Die Folgen der Budgetkürzungen der italienischen Regierung

700 Millionen weniger – so lautete die Sparvorschrift im Finanzdekret 112, mit dem das italienische Parlament im Sommer 2008 die Kulturschaffenden des Landes schockierte. Denn es war das Kulturministerium, das 700 Millionen Euro, verteilt auf drei Jahre, einsparen sollte. Jetzt, anderthalb Jahre später, sind wir also bei der Halbzeit und die Folgen der Kürzungen sind im ganzen Land zu sehen. Den kulturellen Kahlschlag mildern können nur private Sponsoren. „Einige wichtige Kunstdenkmäler konnten nur restauriert werden, weil wir die Kosten übernommen haben“ sagt Giuseppe Guzzetti, Präsident der Bankenstiftung „Cariplo“. Seit Jahrzehnten finanziert die Stiftung Projekte zum Erhalt denkmalgeschützter Bauwerke in öffentlicher Hand, -Kirchen, Abteien, Palazzi-, aber so viele Anfragen wie im vergangenen Jahr hat es selten gegeben. Bei Giuseppe Guzzetti sorgt das für gemischte Gefühle. Einerseits sei es ein Beweis für die professionelle Arbeit der Stiftung, andererseits „ können und wir dürfen nicht in die Lücke springen, die der Staat mit seinen Kürzungen aufreißt. Wir sind deshalb sehr kritisch gegenüber den politischen Entscheidungen“.

Die entscheidende Frage bei Restaurierungsprojekten ist nach Meinung Guzzettis heute die Frage, wie man einen restaurierten Palast nutzen will. Die Stiftung „Cariplo“ finanziere inzwischen nur noch Projekte, die über das bloße Restaurieren hinaus gehen. „Und so“, sagt Guzzetti, „müsste es der Staat auch machen, statt sich einfach aus der Verantwortung zu stehlen.

Das kulturelle Erbe voll ausschöpfen- diese Forderung kommt auch aus universitären Kreisen. Denn mit Kultur lässt sich Geld verdienen, wenn man es richtig anstellt. Statt die Denkmalpflege als reinen Kostenfaktor zu sehen, lohne sich ein Blick auf ihr Potential, das bisher nicht genutzt werde, meint Marilena Vecco, Professorin für Kulturökonomie in Venedig. „Wir sind von einem überholten Konzept aus den 50er Jahren, als die Kultur etwas so Hochangesehenes und Elitäres war, das man keinerlei Kosten-Nutzen-Kalkulationen aufstellen durfte, geradewegs zu einem Konzept übergegangen, das die Kultur zwar zugänglicher macht, aber eigentlich nur mit Kosten gleichsetzt. Dabei wird vergessen, dass Investitionen in Kultur die Gesellschaft allgemein voranbringen“ sagt Vecco. Sie hat den Kulturbetrieb anderer Länder studiert und attestiert Italien eine fatale Rückständigkeit. Nicht nur, weil die staatlichen Investitionen in Kultur nur circa 0,3 Prozent des italienischen Bruttoinlandsproduktes betragen. Die Ökonomin beklagt auch das Fehlen einer gewissen Managermentalität im italienischen Kulturbetrieb. Doch es gibt auch positive Beispiele. Etwa das berühmte Piccolo Teatro in Mailand. „Unser Theater finanziert sich bereits zu 50 Prozent selbst, weil wir heute vieles effizienter machen als früher“ erklärt Direktor Sergio Escobar. Die Bühnenbilder werden nicht mehr in Auftrag gegeben, sondern selbst gemacht, die Schauspieler haben weniger Leerlauf zwischen Proben und Auftritten, die Stücke werden öfter wiederholt. Was den Theaterdirektor Sergio Escobar an den Budgetkürzungen für den Kulturbetrieb am meisten ärgert ist das unterschiedslose, pauschale Streichen ohne Rücksicht auf die Qualität des Angebots. „Unser Modell ist vorbildlich und verdient staatliche Förderung. Aber die Politik macht genau das Gegenteil. Sie tut nichts, um diejenigen zu belohnen, die klug wirtschaften.“

Ebenfalls kritisch äußerte sich Salvatore Settis. Der Kunsthistoriker von internationalem Rang und Direktor der staatlichen Eliteschule Ecole Normale in Pisa war Präsident des Obersten Denkmalrates in Italien. Die Regierung hat ihn inzwischen aus dem Amt gedrängt.

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