Aus Sorge um Italien…

…nicht wegschauen!

Tag: Liebe und Hass

Wir waren da

Dienstag, 23. März 2010

Mindestens eine halbe Million von seinem Freiheitsvolk erwarte er, hatte B. zuvor erklärt, und dafür einen der größten Plätze Roms, die Piazza S. Giovanni, organisiert. Ein Massenprotest sollte es sein, gegen die „roten“ Verwaltungsgerichte, die es gewagt hatten, Listen des Freiheitsvolks für die bevorstehenden Regionalwahlen zurückzuweisen. Angeblich wegen irgendwelcher Unregelmäßigkeiten, aber Silvio brachte es auf den Punkt: „Die roten Roben wollen uns das Wahlrecht nehmen“. Gleichzeitig erklärte er die Kundgebung zum „Fest der Liebe“. Die Liebe steht rechts, der Hass links, am Ende – so stand es über dem Podium – siegt die Liebe. Wer kann einem so schönen Gedanken widersprechen?

Das Freiheitsvolk kam aus ganz Italien, in Bussen und Sonderzügen. Auch wir kamen, erwartungsfroh. Als wir den Platz erreichten, war dieser nicht ganz gefüllt – hinterher lasen wir, die (wohl ebenfalls „rote“) Polizei habe 150 000 Teilnehmer geschätzt. Silvio sagte, wir seien „tanti, tantissimi“, er liebe uns, und irgendjemand sprach sogar von „einer Million“. Auf dem Platz standen und lagerten vor allem Menschen mittleren Alters (und älter), eher dörflich als städtisch, eher kleinbürgerlich – kleine Handwerker, Kaufleute? –, eher brav als kämpferisch („un po’ mosci“, „etwas schlapp“, kommentierte leicht ungehalten Renata Polverini, die Kandidatin des Freiheitsvolks in Lazio). Aber wie viele Fahnen geschwenkt wurden! Für jeden auf dem Platz lagen ungefähr zwei bereit (überall stolperte man über sie). Natürlich hätten wir gern zugegriffen, aber wir sind ja schon etwas betagt und mussten befürchten, vom vielen Schwenken einen Muskelkrampf zu bekommen.

Zuerst sprach Alemanno, der römische Bürgermeister: Seit Mitte-Rechts in Rom regiere, sei die Stadt viel schöner geworden, und auch das Baracken-Viertel der „Nomaden“ gebe es nicht mehr (Jubel). Dann kam ER und verkündete: Italien sei besser als jedes andere Land durch die Krise gekommen, sein internationales Ansehen habe sich gewaltig erhöht, und für die Erdbebenopfer in Aquila sei ein neues Wohnviertel hochgezogen worden („ohne jede Infrastruktur“, kommentierten undankbare Aquilaner aus der Ferne, der Schutt liege immer noch in den Straßen; sie hatten ausdrücklich keine Delegation zur Kundgebung geschickt). Außerdem werde Silvio dafür sorgen, dass der Ministerpräsident (oder Staatspräsident, da hat sich B. noch nicht endgültig entschieden) demnächst direkt vom Volk gewählt wird. Und dass endlich („noch in dieser Legislaturperiode“) sogar der Krebs besiegt wird (Jubel).

Bei den bevorstehenden Wahlen gehe es erneut um eine Lager-Entscheidung. Dazu fragte er uns, das Volk! „Wollt Ihr, dass wieder die Linke an die Macht kommt, damit die Steuern erhöht werden?“. Alle (außer uns beiden, wegen des Muskelkrampfs) schwenkten die Fahnen und schrien: „NOOO!“. „Wollt Ihr, dass alle ausspioniert werden können?“. „NOOOO!“. „Wollt Ihr, dass Italien seine Türen wieder den Extracomunitari öffnet?“. „NOOOOOO!“ Da lobte er uns wegen unserer Intelligenz und unseres Durchblicks. Und versprach, sich an unsere Aufträge zu halten.
Dann der rührende Moment, in dem er den kranken Bossi, den Kämpfer gegen Italiens Überfremdung, auf dem Podium in den Arm nahm. Nun wurde es feierlich: Alle Kandidaten für die Regionalpräsidentschaft kamen auf die Bühne und schworen, im Falle ihrer Wahl mit der Berlusconi-Regierung einen „Pakt“ einzugehen. Sie sprachen den von Silvio geschriebenen Eid im Chor, mit der Hand auf dem Herzen, wie bei der Vereidigung des amerikanischen Präsidenten. Vorsorglich hatte Silvio klargestellt, dass die Wohltaten dieses Pakts nur den Regionen zugute kämen, in denen die Kandidaten des Freiheitsvolks auch tatsächlich gewählt würden. „Mit linken Regierungen kann man nicht diskutieren“.

Mit den Worten „Ich liebe Euch so, wie Ihr mich liebt“ entließ uns B., und wieder jubelten alle. Uns blieb der Jubel in der Kehle stecken. Noch nie hat uns jemand so unverblümt um die Ecke gesagt, dass er nichts von uns hält.


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Marcella und Hartwig Heine am 23. März 2010 (Dienstag) | Abgelegt unter: Meinungen | RSS 2.0 | TB | Tags: , , | Zur Zeit keine Kommentare. Sie können jedoch hier einen Kommentar hinterlassen.

Amore e odio

Dienstag, 5. Januar 2010

Damit Sie wissen, worum es in Italien derzeit wirklich geht: nicht um die Zukunft der Demokratie, nicht um die Institutionen, nicht um Machtmonopol oder Pressefreiheit, auch nicht um Verfassungsfragen, oder um die wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes. Nein. Worum es geht ist: Liebe und Hass.

Jawohl. Der Ministerpräsident hat es inzwischen mehrmals klar verlauten lassen, erst aus dem Krankenhaus, wo er infolge des auf ihn verübten Anschlags lag, dann aus seiner Villa in Arcore, wo er sich derzeit erholt:

Es gäbe eine Mehrheit, die ihn liebt, und eine Minderheit, die ihn hasst. Zu dieser Schlussfolgerung sei er nun gekommen. Er seinerseits würde alle lieben. Uns alle. “Io voglio bene a tutti”. Genau. So kennen wir ihn ja auch: jovial, zugewandt, etwas schelmisch, immer ein netter (na ja…) Witz auf den Lippen, immer das Wohl des Landes im Auge. Deswegen ist er ja so beschäftigt und hat auch keine Zeit, zu den diversen Gerichtsverfahren zu erscheinen, die gegen ihn laufen. “Legittimo impedimento” heißt das (auch dazu hat er eine “leggina”=”Gesetzchen” im Auftrag gegeben), Dass er ab und an eine internationale Konferenz sausen lassen muss, weil er unaufschiebbaren Damenbesuch hat, das steht auf einem anderen Blatt, wer will ihm das schon verdenken. Er liebt ja auch alle…

Die von ihm diffamierten Richter, die Vertreter der Oppositionsparteien und ihre Wähler, die er beim letzten Wahlkampf liebevoll ”coglioni” (ungefähre Übersetzung: “Miststücke” – wir entschuldigen uns bei unseren Lesern für die Verwendung solcher Ausdrücke…) titulierte, der von ihm beschimpfte italienische Staatspräsident, die von ihm angeklagten Zeitungen, alle spüren beinah täglich die Früchte dieser Liebe des Ministerpräsidenten.

Für sie alle dürfte daher seine feierliche Ankündigung in den vorigen Tagen, er sei wieder voller Tatendrang und die Liebe werde nun endgültig triumphieren, wohl eher wie eine Drohung klingen.

Nein, Herr Ministerpräsident: Es geht hier nicht um Liebe und Hass. Die haben im politischen Raum nichts zu suchen. Hier geht es um die “res publica” und um die Frage, wie Italien regiert wird und von wessen Interessen diejenige geleitet werden, die es regieren. Und um den Raum, in dem sich darüber unterschiedliche oder gar gegensätzliche Vorstellungen auf demokratische Weise auseinandersetzen (dürfen). Und um die Sicherung des Rechts – eines gleichen Rechts für alle – in dem von der Verfassung vorgegebenen Rahmen. Lieben müssen wir uns dabei nicht. Und hassen auch nicht.

Insofern ist mir der Triumph des Rechtsstaates in diesem Fall alle mal wichtiger als der Triumph der Liebe – den spare ich mir für andere Gelegenheiten auf.

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Marcella Heine am 5. Januar 2010 (Dienstag) | Abgelegt unter: Meinungen | RSS 2.0 | TB | Tags:  | Zur Zeit keine Kommentare. Sie können jedoch hier einen Kommentar hinterlassen.
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