Aus Sorge um Italien…

…nicht wegschauen!

Tag: Kultur

Und wo bleibt die Kultur?

Sonntag, 17. Januar 2010

Die Folgen der Budgetkürzungen der italienischen Regierung

700 Millionen weniger – so lautete die Sparvorschrift im Finanzdekret 112, mit dem das italienische Parlament im Sommer 2008 die Kulturschaffenden des Landes schockierte. Denn es war das Kulturministerium, das 700 Millionen Euro, verteilt auf drei Jahre, einsparen sollte. Jetzt, anderthalb Jahre später, sind wir also bei der Halbzeit und die Folgen der Kürzungen sind im ganzen Land zu sehen. Den kulturellen Kahlschlag mildern können nur private Sponsoren. „Einige wichtige Kunstdenkmäler konnten nur restauriert werden, weil wir die Kosten übernommen haben“ sagt Giuseppe Guzzetti, Präsident der Bankenstiftung „Cariplo“. Seit Jahrzehnten finanziert die Stiftung Projekte zum Erhalt denkmalgeschützter Bauwerke in öffentlicher Hand, -Kirchen, Abteien, Palazzi-, aber so viele Anfragen wie im vergangenen Jahr hat es selten gegeben. Bei Giuseppe Guzzetti sorgt das für gemischte Gefühle. Einerseits sei es ein Beweis für die professionelle Arbeit der Stiftung, andererseits „ können und wir dürfen nicht in die Lücke springen, die der Staat mit seinen Kürzungen aufreißt. Wir sind deshalb sehr kritisch gegenüber den politischen Entscheidungen“.

Die entscheidende Frage bei Restaurierungsprojekten ist nach Meinung Guzzettis heute die Frage, wie man einen restaurierten Palast nutzen will. Die Stiftung „Cariplo“ finanziere inzwischen nur noch Projekte, die über das bloße Restaurieren hinaus gehen. „Und so“, sagt Guzzetti, „müsste es der Staat auch machen, statt sich einfach aus der Verantwortung zu stehlen.

Das kulturelle Erbe voll ausschöpfen- diese Forderung kommt auch aus universitären Kreisen. Denn mit Kultur lässt sich Geld verdienen, wenn man es richtig anstellt. Statt die Denkmalpflege als reinen Kostenfaktor zu sehen, lohne sich ein Blick auf ihr Potential, das bisher nicht genutzt werde, meint Marilena Vecco, Professorin für Kulturökonomie in Venedig. „Wir sind von einem überholten Konzept aus den 50er Jahren, als die Kultur etwas so Hochangesehenes und Elitäres war, das man keinerlei Kosten-Nutzen-Kalkulationen aufstellen durfte, geradewegs zu einem Konzept übergegangen, das die Kultur zwar zugänglicher macht, aber eigentlich nur mit Kosten gleichsetzt. Dabei wird vergessen, dass Investitionen in Kultur die Gesellschaft allgemein voranbringen“ sagt Vecco. Sie hat den Kulturbetrieb anderer Länder studiert und attestiert Italien eine fatale Rückständigkeit. Nicht nur, weil die staatlichen Investitionen in Kultur nur circa 0,3 Prozent des italienischen Bruttoinlandsproduktes betragen. Die Ökonomin beklagt auch das Fehlen einer gewissen Managermentalität im italienischen Kulturbetrieb. Doch es gibt auch positive Beispiele. Etwa das berühmte Piccolo Teatro in Mailand. „Unser Theater finanziert sich bereits zu 50 Prozent selbst, weil wir heute vieles effizienter machen als früher“ erklärt Direktor Sergio Escobar. Die Bühnenbilder werden nicht mehr in Auftrag gegeben, sondern selbst gemacht, die Schauspieler haben weniger Leerlauf zwischen Proben und Auftritten, die Stücke werden öfter wiederholt. Was den Theaterdirektor Sergio Escobar an den Budgetkürzungen für den Kulturbetrieb am meisten ärgert ist das unterschiedslose, pauschale Streichen ohne Rücksicht auf die Qualität des Angebots. „Unser Modell ist vorbildlich und verdient staatliche Förderung. Aber die Politik macht genau das Gegenteil. Sie tut nichts, um diejenigen zu belohnen, die klug wirtschaften.“

Ebenfalls kritisch äußerte sich Salvatore Settis. Der Kunsthistoriker von internationalem Rang und Direktor der staatlichen Eliteschule Ecole Normale in Pisa war Präsident des Obersten Denkmalrates in Italien. Die Regierung hat ihn inzwischen aus dem Amt gedrängt.

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Berlusconis Beitrag zur Kultur

Freitag, 1. Januar 2010

Bei diesem Thema könnte man es sich einfach machen. Die Seichtigkeit der Sendungen, die der ehemalige Barsänger Berlusconi über seine Privatkanäle und nun auch über das Staatsfernsehen verbreiten lässt, spricht schon für sich. Als er 2008 erneut Ministerpräsident wurde, ernannte sein Kulturminister Bondi einen früheren Geschäftsführer von McDonald’s Italia (Mario Resca) zum Verantwortlichen für die Verwertung italienischer Kulturgüter. Wer eine Ahnung hat, um welche Schätze es hier geht, kann sich vorstellen, in welch guten Händen sie sich nun befinden.

Aber dabei bleibt es nicht, denn Berlusconi setzt Maßstäbe, bis in die italienische Alltagskultur hinein. Immerhin hat er Charme, den Charme des Newcomers, der sich mit „Furbizia“ (Verschlagenheit) hier durchschlängelt, dort durchboxt und am Ende alle überholt. Seine Witze über deutsche KZs, italienische Antifaschisten, Schwarze und, natürlich, Frauen sind bekannt und von keiner political correctness beschwert. Die Ikone der „Freiheit“, die er vor sich herträgt (seine Partei heißt „Popolo della Libertà“), ist nicht nur die Freiheit des wirtschaftlichen Erfolgs, sondern auch der abgestreiften Fesseln. Der von ihm vorgelebte Lebensstil mit Champagner, Mädchen und Putin demonstriert Reichtum, aber zugleich eine Leichtigkeit des Seins, an der alle, so auch die Botschaft seiner Fernsehkanäle, genesen könnten, wenn sie nur ihre Verklemmtheiten und Neidkomplexe hinter sich ließen.

Berlusconis Beitrag zur italienischen Gegenwartskultur ist der Tabubruch. Der Antifaschismus war Grundkonsens der italienischen Nachkriegsrepublik? Ein alter Zopf, weg damit. Die italienischen Männer sollen nicht mehr ihre Witze über Frauen machen dürfen? Damit verschwände ja alle Galanterie! (Originalton: „Warum es bei uns so viele Vergewaltigungen gibt? Weil die italienischen Frauen so schön sind!“). Auch die Fremdenfeindlichkeit der Lega Nord ist ja eigentlich nur ein weiterer Tabubruch. Soll man etwa über Ausländer nicht mehr seine Meinung sagen dürfen? Aber trotzdem schön locker bleiben!

Durchschlagend ist Berlusconis Beitrag zur politischen Kultur. Zur Verdeutlichung ein kleines Gedankenexperiment: Nehmen wir an, vor 10 Jahren, als in Deutschland die Parteispendenaffaire aufkam, seien Helmuth Kohl und die CDU noch an der Regierung gewesen. Und sie hätten gleich ein Gesetz verabschiedet, welches jede Strafverfolgung des Bundeskanzlers untersagte. Nehmen wir an, das Bundesverfassungsgericht hätte das Gesetz annulliert, worauf der Kanzler erklärt hätte, das Gericht bestehe aus „Kommunisten“, die gegen ihn „putschen“ wollten und demnächst aus dem Amt gejagt werden müssten. Nehmen wir weiter an, dass er sich an das Volk gewandt hätte, um zu erklären, dass jede Kritik an ihm eine Beleidigung des ganzen deutschen Volkes sei, das ihn ja „gewählt“ habe, und somit er, der von morgens bis abends „für das Wohl des Vaterlands“ arbeite, über dem Gesetz stehe. Nehmen wir weiter an, dass er daraufhin ein weiteres Gesetz aufgelegt hätte, um schlankweg alle Verfahren, die schon so lange wie seine eigenen liefen, für verjährt zu erklären. Und nehmen wir schließlich an, dass er zudem versucht hätte, noch vernehmbare Opposition einerseits durch wirtschaftlichen Druck zum Schweigen zu bringen, indem er die Unternehmerverbände aufgefordert hätte, bestimmten Zeitungen die Anzeigen zu entziehen, andererseits durch Schmutzkampagnen, indem er z. B. über den Chefredakteur eines Kirchenblatts verlauten ließ, er besitze Informationen, dass dieser schwul sei.

Ein aus den Fingern gesogenes Horrorszenario von einem anderen Stern? Für Deutschland, gegenwärtig, zum Glück ja. Für Italien leider nein, dort ist es, unter der Ägide von Berlusconi, bittere Realität, und zwar Punkt für Punkt.

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