Aus Sorge um Italien…

…nicht wegschauen!

Tag: Claudio Fazzone

Stille Revolution aus dem Wasser

Mittwoch, 11. August 2010

Di questo articolo esiste la traduzione in lingua italiana!
1, 4 Millionen Unterschriften, um ein Referendum gegen die Privatisierung des Wassers zu erzwingen. Die größte Unterschriftensammlung in der Geschichte italienischer Volksbefragungen, fast das Dreifache der gesetzlich erforderlichen Anzahl. Ein großartiges Ergebnis, welches das „Italienische Forum der Bewegungen für das Wasser“ mit seinen vielen lokalen Komitees erzielte. Mit Tausenden von Freiwilligen, die sich von den Großstädten bis zu den kleinsten Gemeinden selbst organisierten.

Berlusconis Gesetz zur Privatisierung des Wassers

Das Gesetz 133/08, gegen das sich die Unterschriftensammlung wendet und über das demnächst das Volk abstimmen kann, wurde 2008 von der frisch gewählten Berlusconi-Regierung verabschiedet. Sein erklärtes Ziel ist es, die Wasserversorgung in Italien zu privatisieren, durch Ausschreibung an den jeweils Meistbietenden, oder durch die Übergabe der Wasserversorgung an gemischte staatlich-private Träger, bei denen der Anteil des Privatkapitals jedoch bei mindestens 40 Prozent liegen muss.

Auch in Fondi waren wir aktiv: Zwei Monate lang standen wir mit unserem Tisch auf dem zentralen Platz der Stadt und kämpften um die Unterschrift der Vorbeikommenden. Alte Leute, die es mit ihrer kleinen Rente nicht mehr schaffen, die immer teurer werdenden Wasserrechnungen zu bezahlen. Junge Paare, die in Häusern wohnen, in denen das Wasser nicht einmal ankommt. Studenten, Angestellte, Arbeiter, kleine Geschäftsleute, Ärzte. Menschen aus jeder sozialen Schicht, mit allen politischen Orientierungen.

Das ist das Ergebnis einer Unterschriftensammlung, die ohne jede Unterstützung durch die Massenmedien stattfand (über die Berlusconi verfügt). Und dabei nicht nur auf die offene Gegnerschaft der Mitte-Rechts-Mehrheit, sondern auch auf die Obstruktion der im Parlament vertretenen Opposition (der Führung von PD und IDV) traf.

Die Bedeutung der vielen Unterschriften, die in Fondi und der ganzen Provinz Latina gesammelt wurden, geht darüber hinaus. Hier zeigte die Privatisierung des Wassers ihr brutalstes Gesicht, nachdem die Acqualatina AG die Versorgung übernahm. Sie hat zwar der Form nach eine „gemischte“ Kapitalstruktur, in der die öffentliche Hand über die Mehrheit verfügt. Aber de facto wird sie von der multinationalen französischen Veolia kontrolliert, zusammen mit einer Gruppe öffentlicher Administratoren, an deren Spitze politische Lokalfürsten stehen (ihr Präsident war bis vor kurzem Senator Fazzone, der im Verwaltungsrat weiterhin die Fäden zieht). Die Gebühren wurden erhöht, ohne dass sich an den bisherigen Leitungsverlusten und Versorgungsengpässen etwas änderte. Familien, die mit ihren Gebührenzahlungen in Verzug gerieten, wurden eingeschüchtert oder sogar von der Wasserversorgung abgekoppelt.

In diesen Jahren stieß die Acqualatina aber auch auf den Widerstand lokaler Initiativen, wie zum Beispiel in Aprilia. Dort beschlossen die Bürger schon 2005, ihre Wasserrechnungen nicht mehr an die Acqualatina zu bezahlen, als Signal dafür, dass sie die private Trägerschaft der Wasserversorgung nicht mehr anerkennen. Stattdessen überweisen sie das Geld direkt auf ein Konto der Kommune. So wurde Aprilia zum Symbol des Widerstands gegen die „Wasserverkäufer“.

Im Frühjahr 2011 werden die Italiener per Volksabstimmung entscheiden, ob sie die Wasserversorgung weiterhin profitorientierten Aktiengesellschaften anvertrauen wollen. Der Erfolg der Unterschriftensammlung zeigt, dass es in Italien eine Massenbewegung gibt, die nach Demokratie und sozialer Beteiligung verlangt. Und zwar nicht erst seit heute. Die Volksbefragung ist nur eine Station in einem Kampf, der seit fast zehn Jahren kapillar in allen Regionen ausgetragen wird. Inzwischen überführte die Region Apulien unter ihrem Präsidenten Nichi Vendola den dortigen Aquädukt, mit 20 000 Km der längste Europas, in ein öffentliches Unternehmen.

Nun machen die anderthalb Millionen Unterschriften Furore, der Chor der Gegner wird lauter. Wirtschaftsminister Tremonti ließ verlauten: „Die Volksbefragung ist ein Bluff, das Wasser gehört sowieso dem Volk“. Die Privatisierungsbefürworter behaupten, Berlusconis Privatisierungsgesetz entspräche verbindlich vorgeschriebenen europäischen Normen. Wir wissen, dass dem nicht so ist und die EU es den einzelnen Ländern überlässt, ob sie die „Integrierte Dienstleistung Wasser“ für „ökonomisch relevant“ halten oder nicht. Holland zum Beispiel überlässt die Wasserversorgung ausschließlich öffentlichen Trägern, in Frankreich soll dies noch im Jahr 2010 durchgesetzt werden.

Die Auseinandersetzung über das öffentliche Gut Wasser ist eröffnet. Nach einem Jahrzehnt neoliberaler Verblendung kann von Italien aus eine stille Revolution beginnen.


Verwandte Artikel

Umberto Barbato und Domenico Bartolomei am 11. August 2010 (Mittwoch) | Abgelegt unter: Meinungen | RSS 2.0 | TB | Tags: , , | Zur Zeit keine Kommentare. Sie können jedoch hier einen Kommentar hinterlassen.

Berlusconi, Mafia, Korruption

Samstag, 22. Mai 2010

Ein Nachwort zum Fall Fondi

Berlusconi ist Showman, seine Hauptrolle ist das Opferlamm (auf dem alle rumhacken, von den Linken bis zu den Staatsanwälten). Aber widmen wir uns einen Moment lang einer seiner Nebenrollen: die des Kämpfers gegen die Mafia. Dass B. sein Imperium auch mit illegalen Mitteln aufgebaut hat, ist wahrscheinlich – dient doch ein großer Teil seiner persönlichen und politischen Aktivitäten dem Ziel, gegen ihn anhängige Verfahren zu verhindern, zu verschleppen oder verjähren zu lassen. Dass beim Aufbau seines Imperiums auch Mafiageld eine Rolle spielte (sein Vater war ein Direktor der Mailänder Banca Rasini, die Mafiagelder wusch), dafür gibt es Indizien. Aber Indizien sind keine Beweise.

Ohne Zweifel jedoch unterhält er persönliche und geschäftliche Beziehungen zu Menschen, die im Dienst der Mafia stehen. Als Beispiel genügt Marcello Dell’Utri, seit 1974 B.s enger Mitarbeiter und Vertrauter, 1994 Mitgründer der Forza Italia, seitdem „politisch aktiv“. In erster Instanz wurde er schon 2004 wegen direkter Zuarbeit für die Cosa Nostra zu 9 Jahren Gefängnis verurteilt (er vermittelte ihr Kontakte zu Wirtschaft und Finanzwelt, die Gegenleistung der Cosa Nostra waren Pakete von Wählerstimmen). Trotzdem saß er als PdL-Abgeordneter (und Mitglied der EVP-Fraktion) noch bis 2008 im Europa-Parlament. Oder Nicola Cosentino, für Forza Italia aktiv seit 1996, Unterstaatssekretär in der Regierung Berlusconi, zuständig für Wirtschaft und Finanzen. Im November 2009 verhinderte B.s parlamentarische Mehrheit die Vollstreckung eines Haftbefehls, der gegen ihn wegen seiner Verquickung mit dem Casalesi-Clan und dessen Giftmüll-Geschäften ausgestellt worden war. Oder Nicola di Girolamo, allem Anschein nach Geldwäscher der kalabrischen ‘Ndrangheta, der sich 2008 mit ihrer tatkräftigen Unterstützung im Wahlbezirk Auslandsitaliener auf der PdL-Liste zum Senator wählen ließ.

Nur eine Häufung von Zufällen? Der Fall Fondi bietet die Möglichkeit, hier ein wenig in die Tiefe zu gehen. Er gibt Aufschluss über den Lebensraum, in dem soziale Realitäten wie Klientelismus, Korruption und auch die Mafia gedeihen. Nehmen wir den PdL-Senator Claudio Fazzone, der „die Verbindungen hat“ (nicht nur zur großen Politik, sondern auch anderswohin) und „Geld in die Stadt bringt“. Und der das Seine tut, um durch die missbräuchliche Verquickung von politischer Macht mit persönlicher „Fürsorge“ in jeder Richtung im Spiel zu bleiben (Ihr wählt mich, im Gegenzug sorge ich für Euch, siehe die Empfehlungsschreiben unter dem Briefkopf der Region).

Natürlich besteht dieser Lebensraum nicht nur aus Figuren wie Fazzone. Ihn bilden auch Geschäftsleute und Wähler, die zu ihren Komplizen werden und nicht fragen, woher das Geld in die Stadt kommt. Eine Tradition fehlenden Gemeinsinns, die es leider in Teilen der italienischen Gesellschaft gibt. Und schließlich ein Habitat, das die Verquickung von politischer Macht und Glücksrittertum begünstigt. Dieses Habitat ist B.s „Popolo della Libertà“. Da kommt vieles zusammen: B.s Bedenkenlosigkeit, mit der er „Honoratioren“ (wie Fazzone, Dell’Utri, Cosentino, Di Girolamo) eine politische Karriere ermöglicht, die Wählerstimmen garantiert. Seine Verharmlosung ihrer Machenschaften. Seine Ausfälle gegen Leute wie Saviano, die sich auf diese Verharmlosung nicht einlassen. Seine Verachtung von Spielregeln und parlamentarischen Prozeduren. Seine Neigung, Italien zu regieren, als befinde es sich im permanenten Notstand (gut für lichtscheue Geschäfte, siehe die nicht abreißende Kette von Skandalen um den Zivilschutz).

Noch versetzen die italienische Justiz und Polizei der Mafia harte Schläge. Kampferfahrene Mafia-Führer wissen, dass sie dagegen politische Verbündete brauchen. Nicht nur Verbündete wie Dell’Utri, die in ihrem direkten Auftrag handeln. Sondern auch Leute an der politischen Spitze, die die gleichen Gegner wie sie haben. B.s persönlich wohlbegründeter Hass auf die Justiz macht ihn zum natürlichen Verbündeten all derer, die sich ebenfalls im Konflikt mit ihr befinden – von Millionen kleiner Steuerhinterzieher bis zur Mafia.

Verwandte Artikel

Das Beispiel Fondi: Fortsetzung

Mittwoch, 19. Mai 2010

Di questo articolo esiste la traduzione in lingua italiana!
Was uns unsere Gesprächspartner bereits vorher über die Präsenz der Mafia in Fondi (siehe „Das Beispiel Fondi“ in diesem Blog) berichtet hatten, bestätigte sich am 10. Mai auf dramatische Weise. An diesem Tag nahm die Spezialpolizei DIA in ganz Italien 68 Verhaftungen vor, vier davon in Fondi. Begründung: Verdacht der Bildung einer kriminellen Vereinigung, um den süditalienischen Obst- und Gemüsemarkt in die Hand zu bekommen. Im Zentrum der Ermittlungen stand der MOF von Fondi.

Diese Ermittlungen ergeben bisher folgendes Bild: Nachdem der MOF im Laufe der Zeit von verschiedenen Mafia-Clans beherrscht wurde, ist hier seit 2002 „Stabilität“ eingekehrt. In diesem Jahr einigten sich der Camorra-Clan der Casalesi, die sizilianische Cosa Nostra und die kalabresische `Ndrangheta auf die Bildung eines Kartells, um mit dem Geld aus Drogen- und anderen Geschäften den Obst- und Gemüsetransport zu und von den großen Märkten des Südens unter ihre Kontrolle zu bringen („mafiöser Föderalismus“ wird dies genannt). Mit den altbewährten Methoden: Transportunternehmer und LKW-Fahrer, die nicht „kooperieren“ wollten, wurden zusammengeschlagen oder es wurde ihnen eine Maschinenpistole an die Schläfe gedrückt. Wem dies nicht genügte, dem wurde auf Reifen oder Beine geschossen, einige Laster verbrannten mit gesamter Ladung. LKWs aus dem Ausland, die zum MOF von Fondi wollten, erreichten nicht ihr Ziel, wenn sie nicht vorher eine „Gebühr“ von etwa 2000 € an die Mafia entrichtet hatten. Oder wenn sie nicht vorher in Rom ihre Fracht auf LKWs des Kartells umluden, die problemlos durchkamen. Bei den Durchsuchungen am 10. Mai fanden sich Waffenlager bosnischer Herkunft, einerseits zur Einschüchterung, andererseits zum Verkauf an interessierte Abnehmer. Die Obst und Gemüse-Transporte dienten auch zum Waffen- und Drogenschmuggel.

Die „Kartellisierung“ des Transports war der Grundstein. Dann wurde das Verpackungsgeschäft mit den gleichen Mitteln der „Überredung“ dem Kartell angegliedert. Die Belieferung der großen Kaufhausketten mit Obst und Gemüse lag nun allein in dessen Hand. Es gibt starke Indizien dafür, dass sich diese Kontrolle zunehmend auf die landwirtschaftliche Produktion erstreckte. Angefangen mit den Erzeugerpreisen, deren „Gestaltung“ immer mehr zur Angelegenheit der Mafia wurde. Man kann ihr nicht mangelnde Systematik vorwerfen, ihre Kontrolle erweiterte sich schrittweise auf den gesamten Zyklus von Produktion und Verteilung. Mit bitteren Konsequenzen für die Produzenten, deren Erzeugerpreise gnadenlos gedrückt werden, wie für die Konsumenten, die teure Endpreise zahlen müssen. Die „Repubblica“ schätzt den jährlichen Gesamtumsatz des von der Mafia kontrollierten Teils der süditalienischen Landwirtschaft auf etwa 50 Milliarden Euro. Auch wir persönlich sind um eine bittere Erkenntnis reicher: An der Büffelmilch-Mozzarella, die abends oft auf unserem Teller liegt, hat wahrscheinlich die Mafia mitverdient.

Nach der Polizeiaktion begrüßten Senator Claudio Fazzone und der neue Bürgermeister von Fondi (beide PdL) „natürlich“ den Schlag gegen die Mafia – um dann ihr „Aber“ folgen zu lassen. Fazzone warnte „die Linke, diese Maßnahme zu instrumentalisieren, um die Kommune zu spalten und einen Stadtrat zu diffamieren, der aus anständigen und demokratisch gewählten Personen besteht“ (über die „demokratische Wahl“ berichteten wir bereits im „Beispiel Fondi“). Er zeigte sich damit als treuer Schüler von B., der kürzlich auch Saviano vorwarf, mit seinen Reportagen über die Camorra das Ansehen Italiens in der Welt zu „beschmutzen“. Der Bürgermeister von Fondi erklärte, der MOF befinde sich nicht in der Hand der Camorra. Außerdem beziehe sich ja die ganze Operation nicht auf Leute aus Fondi, sondern „Fremde“, und bei der ganzen Angelegenheit handle es sich nur um eine „Episode, eine isolierte Erscheinung“. Vornehm nennt man das „Schadensbegrenzung“. Im Klartext ist es Verharmlosung.

Verwandte Artikel

Das Beispiel Fondi

Mittwoch, 5. Mai 2010

Di questo articolo esiste la traduzione in lingua italiana!

B. präsentiert sich und die PdL als Vorkämpfer gegen die Mafia. Aber dem Autor von „Gomorrha“, Saviano, wirft er vor, ein Nestbeschmutzer zu sein. Sehen wir genauer hin.

Fondi ist eine Kleinstadt von 37.000 Einwohnern im südlichen Latium. Der große Obst-und Gemüse-Markt (MOF) beliefert Italien und das Ausland. Während der Regionalwahlen im März gab es in Fondi auch Kommunalwahlen, der alte PdL-Stadtrat war wegen Verdacht auf mafiöse Durchsetzung vorzeitig zurückgetreten. Gegen den allgemeinen Trend stieg die Wahlbeteiligung von 75 auf 81 %, in der Kommune bekam die PdL erneut die absolute Mehrheit. Die Unterstützung für Renata Polverini, die PdL-Kandidatin für den regionalen Gouverneursposten, war plebiszitär: in Rom unter 50 %, hier über 72 %. Es war das „Land“, das die PdL in Latium an die Macht brachte, nicht die Hauptstadt.

Unser Dorf liegt 12 Km von Fondi entfernt, und wir haben drei oppositionelle Fondaner eingeladen: Antonio ist Landwirt in einer Familienkooperative, aktiv im alternativen Landwirtschaftsverband „Altragricoltura“; Umberto, fertiger Soziologe, ist Kreissekretär der „Sinistra, ecologia e libertà“ (SEL) von Nichi Vendola; Domenico engagiert sich in lokalen NGO’s, z. B. im Social Forum und der Zeitschrift Il Cantiere Sociale, und unterstützte im Wahlkampf die SEL und das Mittelinks-Bündnis.

Bei Weißwein und Mineralwasser sprechen wir über das „Phänomen Fondi“.

Redaktion (R): Gibt es in Fondi „mafiöse Strukturen“?

Umberto (U): Unbedingt. Die Mafia hat schon lange den MOF im Visier, wo sehr viel Geld im Umlauf ist. Außerdem gibt es hier noch Küstenabschnitte mit unberührter Natur, eine Einladung zur Bauspekulation. Neben dem MOF sind es das Gesundheits- und das öffentliche Bauwesen, wo die Geschäfte der organisierten Kriminalität blühen, die Deckung durch die Politik aber auch besonders wichtig ist.

R.: Wer beherrscht in Fondi die politische Bühne?

Antonio (A): Zentrale Figur ist der PdL-Senator Claudio Fazzone. Er war früher Polizist und Leibwächter. Als 1994 die PdL gegründet wurde, schloss er sich ihr sofort an. 2000 und 2005 kandidierte er für das Regionalparlament, bevor er 2006 Senator wurde. Er bekam jeweils über 30 000 Präferenz-Stimmen, für hiesige Verhältnisse unheimlich viel. Ein Drittel seiner Präferenzen kam aus Fondi. Er wurde dann auch sofort Präsident der Regionalversammlung.

R.: Weshalb diese Popularität?

Domenico (D): Er hat Macht, viel Macht. Und beste Beziehungen zu den Unternehmerfamilien, die den MOF kontrollieren. Für die Fondaner ist er der Mann, der „anpackt“ und Geld in die Gegend bringt. Egal, woher dieses Geld kommt. Gemeinsam mit dem ehemaligen Bürgermeister von Fondi war Fazzone Teilhaber einer Gesellschaft, zu der auch jemand gehörte, der enge Beziehungen zum Mafia-Boss Tripodo unterhielt, der wiederum mit der ‘Ndrangheta und mit den Casalesi in Verbindung steht. Diese Gesellschaft erhielt auch EU-Gelder, keiner weiß, wo sie geblieben sind. Die Untersuchung des Provinzpräfekten gegen den alten Stadtrat von Fondi brachte Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe öffentlicher Aufträge ans Licht.

U.: Bei Fazzone läuft alles über das System „Empfehlungen“. Er besorgt den Leuten Jobs, z.B. im Gesundheitswesen und in der Administration. Das schafft Abhängigkeit. Den Gerichten liegen Hunderte von Briefen vor, in denen Fazzone während seiner Zeit als Regionalpräsident unter dem Briefkopf der Region Empfehlungsschreiben verschickte. Auffällig ist, dass immer die gleichen Unternehmer öffentliche Aufträge erhielten

R.: Habt Ihr mit solchen Themen im Wahlkampf punkten können?

A.: Die Leute sagen: „Was willst du, die tun wenigstens was für uns!“ Einige haben mir sogar gesagt: „Klar, das sind Verbrecher. Aber wir können nicht anders“.

R.: Und die Gouverneurin der Region, Polverini? Kann sie es sich leisten, mit solchen Leuten zusammenzuarbeiten? Schadet ihr das nicht?

D.: Sie muss es sich leisten. Es war Fazzone, der ihr bei der Wahl die Stimmen der Fondaner auf dem Silbertablett servierte. Ihr hättet dabei sein müssen, als die Polverini während des Wahlkampfs ihren Auftritt in Fondi hatte. Es war eine Jubelfeier, von Fazzone bis ins Letzte durchorganisiert. Sogar die Fondaner Kleinkinder schwenkten Fähnchen. Es war perfekt. Damit machte er der Polverini klar, wem sie die 72 % Stimmen in Fondi zu verdanken hat.

R.: Gab es seitens der Politik Anläufe, die mafiösen Strukturen in Fondi aufzubrechen?

U.: Ja. 2008 wurde nach einem umfassenden Bericht des zuständigen Provinz-Präfekten eine Untersuchung über die mafiöse Infiltration in Fondi eingeleitet. In ähnlichen Fällen wurden die Gemeinderäte nach wenigen Monaten aufgelöst, nur in Fondi zog sich das hin, bis B. wieder an die Macht kam. Der Ministerrat lehnte die beantragte Auflösung dann ab.

D.: Obwohl sogar Innenminister Maroni (Lega, A.d.R.) für die Auflösung war! Aber dann intervenierte die lokale Politik. Wohl auf Druck von Fazzone traten die Mitglieder des Stadtrates von Fondi schnell „freiwillig“zurück, bevor sie aufgelöst werden konnten. Andererseits stoppten Fazzones Freunde im Ministerrat den Auflösungsbeschluss – unter anderem mit dem Argument, der alte Gemeinderat sei ja schon „freiwillig“ zurückgetreten.

A.: Mit dem Ergebnis, dass die unter Mafiaverdacht stehenden Mitglieder des Gemeinderats bei den Kommunalwahlen im März wieder kandidierten.

U.: Die alten PdL-Leute traten wieder an, zwölf von ihnen wurden wiedergewählt. Nur der alte Bürgermeister wurde geopfert. Als „neuen“ Bürgermeister Kandidaten schickte man ausgerechnet den früheren Assessor für Urbanistik ins Rennen – der Bericht des Präfekten beschrieb gerade diesen Bereich als Kernbereich mafiöser Durchdringung. Er wurde mit großer Mehrheit gewählt, obwohl ein Teil der PdL sich abspaltete und getrennt kandidierte. Im Grunde hat sich nichts geändert.

A.: Die Rechte steckte massiv Geld in den Wahlkampf und deckte die Stadt mit ihrer Wahlwerbung regelrecht zu. Weiß der Teufel, woher sie das Geld hatten. Wir hatten wenig Geld. Die wenigen Plakate, die wir klebten, wurden sofort wieder abgerissen.

R: Was habt Ihr, was hat die Opposition getan?

U.: 2008 gründeten wir ein Antimafia-Komitee. Dessen Aktivitäten gipfelten in einer großen Kundgebung in Fondi, die viel Aufmerksamkeit erregte. Für die Kommunalwahl bildeten die Oppositionsparteien PD, SEL, IdV und Grüne ein Bündnis, mit einer Unabhängigen als gemeinsamer Bürgermeisterkandidatin. Aber wir hatten auch diesmal keine Chance.

R.: Gab es Drohungen, gab es Einschüchterungen?

D.: Während des Wahlkampfes nicht so sehr, das war zu auffällig. Aber davor und danach, ja natürlich. Auf dem MOF durften wir uns mit unseren Flugblättern kaum blicken lassen. Die Arbeiter beschimpften uns und drohten uns Prügel an. Sie haben Angst um ihre Jobs.

U.: Es gab Schüsse und Brandsätze, z. B. haben sie versucht, das Auto des Vorsitzenden des Antimafia-Komitees anzuzünden. Es gibt Sprüche wie „Seid ihr schon wieder am Wühlen?“ oder „Warum gebt ihr nicht endlich Ruhe?“.

R.: Wie geht es weiter? Hält das Mittelinks-Bündnis trotz der Wahlniederlage?

D.: Ich denke ja. Wir treffen uns immer noch in dem alten Wahlkampfbüro und beraten gemeinsame Initiativen.

U.: Ich habe da meine Zweifel. Schon haben die Streitereien angefangen, ob die Opposition im Gemeinderat eine gemeinsame Fraktion bilden soll oder nicht. Wir werden sehen.

D.: Immerhin haben wir uns jetzt darauf verständigt, eine Initiative für einen Volksentscheid gegen die Privatisierung der Wasserversorgung zu starten, für die Menschen hier ein zentrales Problem. Wir haben vorgeschlagen, den Antrag gemeinsam einzubringen, das ist sehr positiv.

A.: Ja, zumal Fazzone auch Vorstandvorsitzender von Acqualatina spa ist, das Unternehmen, das die Wasserversorgung verwaltet. In anderen Gemeinden der Umgebung laufen erfolgreich ähnliche Initiativen, z.B. die sogenannte „Autoriduzione“ der teuren Wasserrechnungen. Die Leute bezahlen dann nicht mehr an Acqualatina, sondern überweisen einen reduzierten Betrag an die öffentlichen Kassen ihrer Gemeinde.

U.: Man kann sagen: In der Provinz Latina (zu der Fondi gehört, A. d. R.) gibt es einerseits die schlimmsten Auswüchse bei der Verquickung von Politik, Korruption und Mafia – und andererseits die besten Beispiele für den Widerstand dagegen. Das sind die zwei Gesichter unserer Provinz, und auch Italiens.

Verwandte Artikel

Aus Sorge um Italien… läuft unter Wordpress 3.0
Design: Gabis WordPress-Templates Anpassung: A. Riccò