Aus Sorge um Italien

Das Böse der Anderen

Artikel von Redaktion - Dienstag, den 4. 02. 2020


Vorbemerkung der Redaktion: Dass der Aufstieg des Rechtspopulismus nicht so unaufhaltsam ist, wie es in den letzten Jahren zuweilen schien, ist die Lehre, die uns gerade Italien erteilt. Ein Zeichen ist die Sardinen-Bewegung, die dort plötzlich aus dem Nichts entstand und jetzt Salvini die öffentlichen Plätze streitig macht, das andere das Wahlergebnis in der Emilia Romagna. Und es sind auch Menschen wie Liliana Segre, die jüdische Auschwitz-Überlebende aus Mailand, die Staatspräsident Mattarella 2018 zur Ehren-Senatorin auf Lebenszeit ernannte, „weil sie durch ihre außerordentlichen Verdienste dem Vaterland Ehre gemacht hat“. Am 30. Oktober des vergangenen Jahres beschloss der Senat die von ihr beantragte Einrichtung eines „Ausschusses zur Bekämpfung von Rassismus und Antisemitismus und von der Anstiftung zu Hass und Gewalt“, für den sie den Vorsitz übernahm (s. unseren Bericht vom 23. 12. 2019: „600 Bürgermeister als Personenschutz“).

Das Verhalten der Rechten während der Abstimmung – sie enthielt sich geschlossen und blieb demonstrativ sitzen, als sich die Abgeordneten zu Ehren von Segre erhoben – hatte ein Nachspiel. Obwohl im Dunstkreis des Rechtspopulismus auch der Antisemitismus wieder an Boden gewinnt, sind Leute wie Salvini (und in Deutschland die AfD) dazu übergegangen, sich öffentlich vom Antisemitismus zu distanzieren und die Schuld an seinem Wiedererstarken der politischen Linken und den muslimischen Migranten zu geben, und gleichzeitig jede Kritik an der Politik Israels „antisemitisch“ zu nennen. Offenbar im Bestreben, sich Trump, Boris Johnson und Netanyahu auch als Außenpolitiker zu empfehlen, veranstaltete Salvini am 16. Januar in Rom den Kongress „Neue Formen des Antisemitismus“, der genau diese Linie verfolgte. Und hatte die Idee, als Zeichen seiner Unvoreingenommenheit dazu auch Liliana Segre einzuladen. Aber die alte Dame sah die Falle und lehnte höflich ab. Den Antisemitismus könne man nur bekämpfen, wenn man sich gleichzeitig gegen jede Form von Rassismus wende, sagte sie.

Eine andere Einladung nahm sie an, nämlich die zum Straßburger Europaparlament. Wir übersetzen im Folgenden die (geringfügig gekürzte) Rede, die sie dort vor wenigen Tagen aus Anlass des Holocaust-Gedenktags hielt.

Zur Erklärung des „Bösen der Anderen“, von dem sie in ihrer Rede spricht: Primo Levi schrieb in seiner „Atempause“ über die „Scham“, die die russischen Soldaten empfanden, „die der Gerechte empfindet vor einer Schuld, die ein anderer auf sich lädt, und die ihn quält, weil sie unwiderruflich in die Welt der existenten Dinge eingebracht ist“.

„Zuerst möchte ich meinem Freund David Sassoli und dem ganzen Parlament für die heutige Einladung danken. Ich kann nicht verhehlen, dass ich beim Anblick der bunten Fahnen so vieler befreundeter Staaten vor diesem Gebäude tief bewegt bin – vor diesem Parlament, wo man miteinander redet, diskutiert und sich dabei gegenseitig in die Augen schaut. Es ist nicht immer so gewesen.

Liliana Segre vor dem EU-Parlament, neben ihr Sassoli

Liliana Segre vor dem EU-Parlament, neben ihr Sassoli

Dem Gedenktag am 27 Januar wird eigentlich eine Bedeutung zugeschrieben, die er nicht hat. An diesem Tag wurde Auschwitz nicht befreit. An diesem Tag kam dort die Rote Armee an. Und ich finde das Gespräch zwischen den vier russischen Soldaten sehr schön, das Primo Levi in seinem Buch „Die Atempause“ beschreibt: Die Soldaten befreien nicht das Lager – die Nazis waren schon vor vielen Tagen aus ihm geflohen -, aber sie stehen auf einmal vor diesem unglaublichen Anblick.

Ein unglaublicher Anblick auch für alle, die später bereit waren, sich ihm zu stellen – während andere sich noch heute weigern, hinzusehen, und sogar behaupten, das hätte es nie gegeben. Es geht um das Staunen über das Böse der Anderen. So drückt es Primo Levi mit großartigen Worten aus, die keiner der Auschwitz-Überlebenden je vergessen kann. Staunen, denn diese Menschen waren nicht irgendwelche Verrückte, sie kamen nicht aus fernen Welten, sie waren deine europäischen Brüder – und hatten sich das für dich ausgedacht.

Der Todesmarsch

Am 27. Januar war ich 13 Jahre alt, ich war Sklavenarbeiterin in der Waffenfabrik „Union“, die es übrigens immer noch gibt (sie gehört zur Siemens AG, A. d. R.). Plötzlich kam der Befehl, sofort den später so bezeichneten Todesmarsch anzutreten. Ich wurde am 27. Januar nicht von der Roten Armee befreit, sondern gehörte zu den mehr als 50.000 Gefangenen, die noch lebten und – in dem physischen und erst recht psychischen Zustand, in dem sie sich befanden – zu einem monatelangen Marsch gezwungen wurden. Wenn ich in Schulen spreche, sage ich, dass jeder im Leben immer einen Fuß vor den anderen setzen muss, aber hier durfte sich nie jemand auf auf einen anderen stützen, denn beim Todesmarsch war es nicht möglich, sich auf den Gefährten neben sich zu stützen, der sich im Schnee genauso wie man selbst mit geschundenen Füssen voranschleppte und beim Sturz von den Bewachern sofort erschossen worden wäre. Ermordet. Wie schafft man das bloß? Die Kraft des Lebens ist gewaltig. Das ist das, was wir der Jugend heute vermitteln müssen. Wir wollten nicht sterben, wir hingen wie verrückt am Leben, egal an welchem. Daher gingen wir immer weiter, ein Fuß vor den anderen setzen, wir schmissen uns auf Misthaufen und aßen Schnee, wenn er nicht mit Blut besudelt war. Wir aßen jeden Müll und fragten nach nichts, wir gingen immer nur weiter, weiter, weiter.

Wir kamen erst durch Polen und Schlesien, dann nach Deutschland. Wir kamen in neue Lager, erlebten weitere Grausamkeiten, weiteren Horror. Doch wir wollten überleben, in uns war etwas, das uns sagte: „Avanti, avanti, avanti…“. Nach vielen Monaten erreichten wir das Jugendlager in Ravensbrück. Wir waren alles junge Mädchen, aber wir sahen aus wie Alte. Ohne Geschlecht, ohne Alter, ohne Brüste, ohne Menstruation, ohne Unterhosen. Man darf vor solchen Ausdrücken keine Angst haben, weil man so einer Frau ihre Würde nimmt. Nach Tagen und Tagen, nach Lagern und Lagern kam ich Ende April 1945 in Ravensbrück an.

Es waren die eigenen Nachbarn

Wie weit entfernt war jener 27 Januar, wie viele Gefährtinnen waren unterwegs gestorben, ohne jegliche Hilfe, denn niemand machte sein Fenster auf und warf uns ein Stück Brot hin. Es herrschte Angst. Und sie führte dazu, dass es nur ganz wenige waren, die eine andere Wahl trafen. Warum spricht man so selten über diese Wenigen? Es waren nicht ganze Bevölkerungen schuldig. Aber es war auch nicht das deutsche Volk allein, sondern die Menschen in allen von den Nazis besetzten europäischen Staaten. Wir mussten zusehen, wie unsere eigenen Nachbarn zu willigen Helfern der Nazis wurden. In Italien waren es unsere Nachbarn, die uns anzeigten, sich unsere Wohnungen nahmen, sogar unsere Hunde, wenn es Rassehunde waren.

Dieses Wort – „Rasse“: Wir hören es immer noch und müssen deshalb diesen strukturellen Rassismus bekämpfen, der noch da ist. Die Leute fragen mich, wie es möglich sei, dass man immer noch von Antisemitismus redet. Ich antworte, dass er schon immer da war, aber es war noch nicht der richtige politische Moment gekommen, um den Rassismus und Antisemitismus, der in den Armen an Geist wohnt, aus ihnen herauszulocken. Dann kommt dieser richtige Moment im historischen Geschehen, in dem es leichter ist, sich abzuwenden, sich taub zu stellen oder nur auf den eigenen Vorgarten zu schauen und zu sagen: „Das betrifft mich nicht. Was geht mich das an?“. Und alle, die diese Situation nutzen wollen, haben leichtes Spiel, um sich nach vorn zu drängen.

Die Lage der Juden war in allen von den Nazis besetzten Ländern ähnlich. Faktisch ähnlich, wenn auch nicht immer rechtlich. Die Juden fühlten sich als volle Staatsbürger dieser Länder, als Patrioten. Sie fühlten sich als Deutsche, Italiener, Ungarn. Dieser Ausschluss aus den nationalen Gemeinschaften war extrem schmerzhaft. Es waren die eigenen Nachbarn.

Die Rückkehr: „Wo bist Du abgeblieben?“

Als ich, die ich durch Zufall überlebt hatte, gleich nach Kriegsende in meine in Trümmern liegende Heimatstadt Mailand zurückkam, traf ich ehemalige Mitschülerinnen, mit denen ich eigentlich 1938 die dritte Klasse hätte besuchen sollen (die italienischen Rassengesetze von 1938 verboten ihr den Schulbesuch, Anm. Red.), und die mich so begrüßten: „Hallo Segre, da bist du ja! Wo bist du bloß abgeblieben?“. Ich war ein verletztes, wildes Kind, das nicht mehr mit Messer und Gabel essen konnte und sich wie ein Tier ernährte. Ich (auf deutsch, Anm. d. R.) aß nicht, ich fraß – fressen nicht essen. Ich war bulimisch, ich war ekelerregend. Mich kritisierten auch die Menschen, die mich lieb hatten: sie hätten wieder das gut erzogene bürgerliche Mädchen zurückhaben wollen. Es fällt schwer, sich daran zu erinnern – und ich muss sagen, jetzt wo ich seit 30 Jahren in Schulen berichte, spüre ich eine psychische Barriere, damit weiterzumachen, auch wenn dies eigentlich meine Pflicht wäre, bis zum Tod.

Ich habe jene Farben gesehen, jene Schreie gehört und jene Gerüche wahrgenommen. Ich bin Menschen in diesem Babel verschiedener Sprachen begegnet, an die ich heute gerade hier – wo sich so viele Sprachen friedlich begegnen – erinnern muss. Hier in diesem europäischen Parlament, das mir ein ebenso großes Wunder zu sein scheint wie das Ausbleiben meiner Vernichtung. In den Lagern konnte man mit den Mitgefangenen, die aus allen von den Nazis besetzten Ländern kamen, nur durch ein paar gemeinsame Worte zu kommunizieren versuchen. Ansonsten gab es nur die absolute Einsamkeit des Schweigens. Und die Fahnen hier, von denen ich anfangs sprach, haben mich an meinen Wunsch erinnert: mit den Niederländerinnen, den Französinnen, den Polinnen, Deutschen und Ungarinnen ein gemeinsames Wort zu finden. Auf Ungarisch habe ich nur ein Wort gelernt, das Wort für „Brot“. Es ist das wichtigste Wort, das Hunger bedeutet, aber auch etwas Heiliges, was man heute manchmal wegwirft, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen.

Der gelbe Schmetterling

Seit mindestens drei Jahren fühle ich, dass die Erinnerungen des Kindes, das ich einmal war, mir keinen Frieden lassen. Sie lassen mir keinen Frieden, weil für mich – seitdem ich Großmutter wurde – dieses kleine Mädchen, das in den Todesmarsch gehen musste, eine von mir getrennte Person geworden ist. Ich fühle mich wie meine eigene Großmutter. Dieses Gefühl lässt mich nie mehr los.

Meine Pflicht ist es, in den Schulen zu berichten und Zeugnis abzulegen. Aber ich kann nur über mich selbst und meine Gefährtinnen im Lager sprechen. Immer bin ich es selbst, die aus den Erzählungen heraustritt. Jenes magere, skelettartige kleine Mädchen – verzweifelt, allein. Und ich kann es nicht mehr ertragen, weil ich die Großmutter meiner selbst bin und spüre, dass – wenn ich mich nicht zurückziehe und mit dem Berichten aufhöre – mir keine Zeit mehr bleiben wird, um mich alleine zu erinnern und auch um die Freuden der wieder gefundenen Familie zu genießen. Das würde ich dann nicht mehr schaffen können. Deswegen werde ich damit aufhören.

Auch heute kostet es mich Mühe, hier zu sprechen, aber das schien mir doch eine zu große Pflicht zu sein, diese Einladung zu akzeptieren, um an das Böse des Anderen zu erinnern. Aber auch daran zu erinnern, dass es möglich ist – einen Fuß vor den anderen setzen – wie das kleine Mädchen von Theresienstadt zu sein, das einen gelben Schmetterling malte, der über den Stacheldraht hinweg flog. Ich selbst hatte keine Farbstifte und auch nicht die wunderschöne Phantasie des Mädchens in Theresienstadt.

Möge der gelbe Schmetterling immer über den Stacheldraht hinweg fliegen. Das ist die einfache Botschaft, die ich als Großmutter meinen zukünftigen ideellen Enkeln überlassen möchte. Mögen diese ihre Wahl treffen. Und mit ihrer Verantwortung und ihrem Gewissen immer jenem über den Stacheldraht hinweg fliegenden gelben Schmetterling gleichen.“



RedaktionDie Redaktion von "Aus Sorge um Italien" besteht aus Marcella Heine, Hartwig Heine und Antonio Umberto Riccò.

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