Aus Sorge um Italien

Sardinen schwärmen aus

Artikel von Hartwig Heine - Dienstag, den 17. 12. 2019

Die Sardine ist ein kleiner Fisch, eigentlich der Inbegriff des kleinen Fisches. In der italienischen Küche gilt sie als „Pesce povero“, als armer Fisch für arme Leute. Auch wenn manche dagegenhalten, dass sie „gesund“ sei, wie es am vergangenen Sonntag Pietro Bartolo bei seinem Auftritt in Rom tat. Für die Konsumenten sind Sardinen Massenware, weshalb die „Sardinenbüchse“ zur Metapher für drangvolle Enge wurde. Im Meer treten sie in Schwärmen auf, scheinbar als geborene Opfer. Die Haie suchen solche Schwärme und durchschwimmen sie mit weit aufgerissenem Maul, um sie tonnenweise zu verschlucken. Aber sie haben auch die Fähigkeit, sich zu wehren. Die Schwärme können ihre Bewegungen so koordinieren und orchestrieren, dass die Haie schließlich entnervt das Weite suchen.

Das ist die Hinterlist, die in der „Sardinen“-Metapher steckt: Was auf den ersten Blick als klein, minderwertig und prädestiniertes Opfer erscheint, tut nicht nur gut, sondern kann zum Schwarm vereint auch Haie vertreiben.

Anfang in Bologna

Es begann vor gut einem Monat in Bologna. Salvini hatte sich dort für den 14. November angesagt, um seinen Wahlkampf in der Emilia-Romagna zu eröffnen. Bologna ist die stolze Hauptstadt einer „roten“ Region, die lange Zeit für die Rechte uneinnehmbar schien. Ende Januar steht die Wahl eines neuen Regionalparlaments an, und Salvini möchte nun auch dort den Siegeszug fortsetzen, mit dem er Italien aufrollt. Der haushohe Wahlsieg, den er Ende Oktober in Umbrien einfuhr, wäre dafür dann nur das Vorspiel gewesen. Fällt auch die Emilia Romagna, gibt es, so die Hoffnung der Lega-Strategen, auch für die schwächelnde Regierung in Rom kein Halten mehr.

Der Anstoß dagegen kam über Facebook von „ganz unten“, d. h. von vier parteipolitisch nicht gebundenen jungen Leuten, die sich vom Studium in Bologna her kennen. Und die gleich gegen den Lehrsatz verstießen, dass man nicht einfach nur „gegen etwas“ sein darf. Denn sie sind vor allem „gegen etwas“, und zwar aus ganzem Herzen: Salvini und den „populistischen Hass“, wogegen nun endlich etwas getan werden müsse. Die Parolen, die sie sich ein paar Abende vorher überlegten, waren „Bologna non si abbocca“ (Bologna schluckt den Köder nicht), und „Bologna non si lega“, ein Wortspiel zwischen fesselt-sich-nicht und wird-nicht-Lega. Das erste Ziel, das sie sich setzten und im Internet propagierten, war sportlich schlicht: am 14. November einfach nur ein paar mehr Leute auf die Beine zu bringen, als es Salvini tut. Da die Lega für das Ereignis eine Basketballhalle gemietet hatte, in die 5700 Leute passen, sollte es wenigstens einer mehr sein, um zu gewinnen. Man solle als Zeichen des Protestes einfach auf der Piazza Maggiore von Bologna erscheinen, um dort zusammengedrängt „wie die Sardinen“ zu stehen. Womit auch der Name der Aktion gefunden war.

Salvini bekam seine 5700 Leute zusammen, die ungefähr wussten, was sie dort erwartete. Die Leute, die zur Piazza Maggiore gingen, wussten es nicht, denn es gab keine Anführer, keine Organisation, keine Fahnen und keine Reden. Aber es kamen zwischen 12.000 und 15.000, die Piazza platzte aus allen Nähten. „Die Leute hatten eben Lust, auf die Piazza zu gehen“, sagte hinterher Mattia Santori, einer der 4 Organisatoren, der Politikwissensschaft studiert hat und heute als Sportlehrer arbeitet. Mangels Fahnen, die man ihnen „verboten“ hatte, brachten sie Sardinen aus Pappe, Stoff oder Draht oder Mützen in Sardinen-Form mit.

Die Sardinen vermehren sich

Die Sache erregte Aufsehen und fand Nachahmer. Das Schema wiederholt sich, mit Salvinis Wahlkampftour als Taktgeber: Wo er auftritt, erscheinen „Sardinen“. Drei Tage später in Modena sind es 7000, hier heißt es zur Abwechslung „Modena non si lega“, und die Menge singt im Regen Bella Ciao. Ein paar Tage später ist Reggio Emilia dran, obwohl hier Salvini gar nicht angesagt war. Dann greift die Bewegung nach Süditalien über, nach Sorrent und Palermo. Dann wieder in den Norden: Rimini und Parma. Ende November sind es 8000 in Genua. Dann Verona, Piacenza und Mantua, wo man neben Bella Ciao auch Lieder von Lucio Dalla und Fabrizio De André singt. Gelegentlich auch die Nationalhymne.

Am 30. November versammeln sich 40.000 Menschen in Florenz, die Menge reicht vom Platz der Republik bis zum Domplatz (2020 wird auch in der Toscana gewählt). Es folgen Cosenza, Pesaro und sogar die Insel Elba. In Mailand kommen am 1. Dezember bei strömendem Regen 25.000 zusammen, man liest Artikel aus der Verfassung. In Neapel sind es am 7. Dezember 10.000, hier stoßen „schwarze Sardinen“ hinzu, es sind Leute vom Movimento Migranti e Rifugiati, die schnellere Aufenthaltserlaubnisse für Migranten fordern. Dann Ancona, Ravenna, Trient, Siena, Salerno, Cagliari, Pescara, Bari, Catanzaro. In Ferrara, wo vor wenigen Wochen ein Legist Bürgermeister wurde, schwenkt man Bücher („Sardinen studieren für ein besseres Italien“). In Turin sind es am 10. Dezember 35.000.

Der 14. Dezember in Rom

Rom, 14. 12., Piazza San Giovanni

Rom, 14. 12., Piazza San Giovanni

Die Welle erreicht Rom. Man versammelt sich auf der Piazza San Giovanni, dem größten Platz der Hauptstadt. Er ist voll (die Polizei schätzt 35.000, die Veranstalter 100.000). Eine bunte Mischung, auch der Generationen. Seit dem Anfang in Bologna ist ein Monat vergangen. Die Konturen werden schärfer: antifaschistisch, sozial, humanitär, europäisch. Die erste Rednerin ist die Präsidentin des Verbandes ehemaliger Partisanen, die hervorhebt, dass Italien eine antifaschistische Verfassung habe. Eine junge Muslimin mit Kopftuch liest Art. 3 der Verfassung vor („Alle Bürger haben vor dem Gesetz die gleiche soziale Würde, unabhängig von Geschlecht, Rasse, Sprache, Religion …“, großer Beifall). Pietro Bartolo, der Arzt von Lampedusa und heute Europaparlamentarier, der nicht gewohnt ist, vor solchen Massen aufzutreten, redet sich in Rage: gegen die Rhetorik der „Invasion“, für die Rückkehr zu einer Politik, die den NGOs wieder Bewegungsfreiheit gibt und auch nach denen fragt, welche die italienischen Häfen nicht erreichen.

Santori trägt die ersten Forderungen der „Sardinen“ vor: Gewählte Politiker und Amtsträger sollen nicht permanenten Wahlkampf, sondern ihre Arbeit an den institutionellen Orten machen und nur über die offiziellen Kanäle kommunizieren. Der politische Gebrauch sozialer Netzwerke muss transparent sein. Verbale Gewalt soll mit physischer gleichgesetzt werden. Weg mit den Sicherheitsgesetzen. Stattdessen Gesetze, die nicht die Angst in den Mittelpunkt stellen, sondern eine inklusive Gesellschaft, welche die Partizipation fördert. „Was ihr hier heute macht, ist Politik“.

Der „kleine Kongress“

Am nächsten Tag treffen sich in Rom 160 Organisatoren der bisherigen Sardinen-Aktionen. „Wir treffen uns zu einem Glas Bier, und jeder sagt, was er denkt“, sagt vorher Santori. Klar ist, dass die „Sardinen“ keine Partei werden wollen, wie die Medien schon mutmaßten. Jetzt wird bekräftigt, dass sie für die bevorstehenden Wahlen keine Empfehlung aussprechen (woran sich einige nicht halten). Aber sie reiten auch nicht auf der Welle der „Antipolitik“, sondern zeigen Dialogbereitschaft gegenüber der PD, ohne gegenüber der 5SB dicht zu machen. Diskutiert wird über die Sicherheitsgesetze: Sollen sie nur „modifiziert“ oder abgeschafft werden, und waren nicht auch schon Minnitis Erlasse „rechts“? Einigung auf mittlerer Linie. Symbolisch wichtig: Man nennt sich wieder „Compagne“ und „Compagni“.
Typisch für eine Bewegung „von unten“: In den Regionen sollen ganz unterschiedliche Projekte verfolgt werden. Nur eines soll überall geschehen: Die Sardinen wollen sich darauf konzentrieren, nach den Städten nun auch in die „Provinz“, in die Kleinstädte und Dörfer zu gehen, wo Salvinis Anhängerschaft am größten ist. Für die Gründer der „Sardinen“, die aus der gehobenen städtischen Mittelschicht kommen, ein Sprung über den eigenen Schatten.

Neue Lage

Die Bewegung könnte vieles verändern. Salvini sieht sich plötzlich einem Gegner gegenüber, der ihn bei seiner Wahlkampftour in jeder Stadt (und vielleicht auch in jedem Dorf?) erwartet und ihm allein durch die eigene Präsenz die Schau stiehlt. Darauf war Salvinis Braintrust mit dem furchterregenden Namen „La Bestia“ nicht vorbereitet. Wie bekämpft man „Sardinen“? Salvinis Berater meinten offenbar, er solle es zunächst mit Sarkasmus versuchen. Also postete er auf Facebook ein Foto, wo ein niedliches Kätzchen eine Sardine verspeist. Sollte heißen: muss man nicht ernst nehmen. Aber nun nimmt er sie doch ernst: Seine Wasserträger, hört man, durchsuchen bereits die Vergangenheit der vier Gründer von Bologna. Irgendetwas werden sie schon finden. Oder erfinden. Salvini ist bekanntlich zu jeder Lüge bereit.

Auch die 5-Sterne dürften über die neue Konkurrenz nicht fröhlich sein. Neben den „Sardinen“ sehen sie ein wenig alt aus. Diese scheinen die Phantasie der Leute genauso anzusprechen, wie es einst Grillo tat, und sie sogar noch mehr zu eigener Kreativität anzustacheln. Während die „Sardinen“ gar nicht leugnen, eine „linke“ Bewegung zu sein, war die 5SB „weder links noch rechts“. Aber sie hat dies längst dementiert, indem sie zum Steigbügelhalter eines Ultrarechten wurde. An den sie auch die Hoheit über die Plätze, die sie einmal hatte, weitergab, die ihm jetzt wieder die „Sardinen“ streitig machen.

Wer sich etwas vom Aufstieg der „Sardinen“ versprechen kann, ist die PD. Aber sie geht dabei auf Zehenspitzen. Denn sie weiß, dass mit dem Ruf aller Parteien auch ihr eigener heruntergewirtschaftet ist und dass der Erfolg der „Sardinen“ auch darauf beruht, dass sie auf ihre Autonomie pochen. So hält man gegenseitig Distanz: Die „Sardinen“ beschränken sich darauf, jede Ambition zur eigenen Parteigründung zurückzuweisen, und die PD beschränkt sich auf Sympathiebezeugungen aus der Ferne, in der Hoffnung, dass so bei der Wahl ein paar Stimmen mehr für sie abfallen. Auf längere Sicht könnte der starke moralische Impetus der „Sardinen“ auch für die PD unbequem werden. Aber der gegenwärtige Hauptfeind ist Salvini.

Viele Italiener neigen zum Aberglauben, auch linke, und werden angesichts des unvermuteten Auftauchens der „Sardinen“ an ein Weihnachtswunder glauben. Dessen sofortiges Verschwinden sie nur mit gekreuzten Fingern und gemurmeltem „tiè“ verhindern können. Ich gestehe eine ähnliche Empfindung. Tiè.



Hartwig HeineHartwig Heine , ehemaliger Soziologe, lebt teils in Deutschland, teils in Italien. Er engagiert sich in dem hannoverschen Lampedusa-Projekt (www.lampedusa-hannover.de) und in der lokalen Flüchtlingsarbeit. Verschiedene Veröffentlichungen. Er spielt gerne Schach.

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