Aus Sorge um Italien

„Kulturnation Italien“? Von wegen!

Artikel von Marcella Heine - Dienstag, den 6. 08. 2019

Würde man, in Italien oder auch in Deutschland, nach den „größten Problemen“ Italiens fragen, lauteten die Antworten vermutlich: Wirtschaftslage, Staatsschulden, Arbeitslosigkeit, Korruption, Mafia, unfähige Politiker, Steuerhinterziehung. Oder auch EU und Flüchtlinge. Ein Bereich bliebe wahrscheinlich unerwähnt: der niedrige Bildungsstand in breiten Schichten der Bevölkerung und die damit einhergehende Geringschätzung der Ressourcen Bildung, Wissen und Kultur. Krasser ausgedrückt: die vorherrschende Ignoranz. Gepaart mit Verachtung und Verhöhnung derjenigen, die als Bildungs- und Kulturträger identifiziert werden.

Diese Aussage ruft wahrscheinlich bei manchen Staunen oder Kopfschütteln hervor. Ist denn Italien nicht „das“ Kulturland par excellence? Liegt nicht gerade darin, trotz der vielen Probleme, seine Stärke?

Die Antwort lautet leider nein. Es gibt diese herausragenden Stärken und Leistungen, aber sie sind – mehr noch als in anderen europäischen Ländern – das Privileg einer Minderheit. Und zunehmend viele derer, die dazu gehören, wandern aus, weil sie erkennen, dass ihnen ihr eigenes Land keine Zukunft bietet.

Ernüchternde Zahlen

Viele Schulgebäude sind baufällig oder beschädigt

Viele Schulgebäude sind baufällig oder beschädigt

Nicht allein empirische Erkenntnisse, sondern auch nüchterne statistische Zahlen zeigen die Misere.
Bei den Erwachsenen im arbeitsfähigen Alter, die nur über einen Hauptschulabschluss (in Italien „diploma di licenza media“ nach 8 Jahren Schulbesuch) verfügen, bildet Italien mit einem Anteil von 33% leider die europäische Spitze. Bezogen auf die Altersgruppe der 15- bis 64jährigen sind es sogar 41,1% (europäischer Durchschnitt: 26,2%). Auch der Anteil junger Erwachsenen zwischen 25 und 34 Jahren, die eine weiterführende Schule nicht bis zum Ende besuchen, ist mit 25,6% erheblich höher als im europäischen Durchschnitt (16,4%).

Dem steht die niedrige Anzahl derjenigen gegenüber, die einen Hochschulabschluss erreichen. 2018 waren es laut dem Statistikinstitut ISTAT unter 20% , was Platz 24 im europäischen Vergleich bedeutet, nach Rumänien und Griechenland (Deutschland steht hier auf Platz 8). In der EU ist Italien zudem das einzige größere Land, in dem in den letzten zehn Jahren die Zahl der Stellen für hochqualifizierte Fachkräfte zurückgegangen ist.

Angesichts dieser gravierenden Defizite, die schon seit Jahrzehnte andauern, wäre zu erwarten, dass die jeweils Regierenden dem Ausbau und Förderung von Bildung, Wissenschaft und Forschung höchste Priorität einräumen. Das Gegenteil ist der Fall.

Die Wirtschaftszeitung „Sole 24 ore“ berichtet, dass zwischen 2005 und 2015 die Bildungsausgaben Italiens (anders als in den meisten anderen EU- und OECD-Ländern) nicht zu, sondern abnahmen. Derzeit werden für Bildung 3,9% des BSP ausgegeben, weniger als im EU-Durchschnitt (4,6%) und in vergleichbaren Ländern (Deutschland: 4,5%, Spanien: 4,2%, Frankreich 5,5%).

Mezzogiorno besonders betroffen

Bei all diesen Bildungsindikatoren gibt es starke regionale Unterschiede, in der Regel zum Nachteil des italienischen Südens. Im eben erschienenen Bericht der „Svimez“ (Associazione Sviluppo dell‘ Industria del Mezzogiorno) wird dargelegt, dass Süditalien besonders massiv von der Emigration junger Qualifizierter betroffen ist, zwischen 2002 und 2017 waren es mehr als 2 Millionen. Ein negativer Wanderungstrend, der durch die Einwanderung ausländischer Arbeitskräfte nicht kompensiert wird. Der Bericht sieht darin (statt in Salvinis vermeintlicher „Invasion“) einen „nationalen Notstand“ .

Insgesamt sind die Bildungsangebote (wie auch die anderen öffentlichen Dienstleitungen) im Mezzogiorno quantitativ und qualitativ deutlicher schlechter als in Mittel- und Norditalien. Während zum Beispiel dort das Ganztagsangebot an Grundschulen bei über 48% liegt, beträgt es in Süditalien nur 15,9%.

Der Bildungsnotstand wird nicht nur dadurch verschärft, dass Schule, Ausbildung und Forschung chronisch vernachlässigt werden. Ein wichtiger Grund besteht darin, dass in Italien seit 25 Jahren – von Ausnahmen abgesehen – politische Kräfte an der Macht sind, die Ignoranz als „Stimme des Volkes“ verklären, statt sie zu bekämpfen. Gleichzeitig werden intellektuelle Leistungen und kritisches Denken als arrogantes Gehabe von „professoroni“ diffamiert, denen „das Volk“ misstrauen müsse.

Die Folgen der Berlusconi-Ära

Die zwanzigjährige Herrschaft Berlusconis hat in dieser Hinsicht ganze Arbeit geleistet. Der „Vater aller Populisten“ hat nicht nur durch seine Politik, sondern auch durch seine Kommunikationsweise und mit Hilfe seiner Fernsehsender (noch heute das vorherrschende Medium, vor allem in ländlichen Gebieten,) die „Entkulturalisierung“ vorangetrieben. Ein von ihm selbst verkörpertes und erfolgreich vermarktetes „Wertesystem“, das auf der Missachtung von Regeln und aller Leistungen gründet, die sich nicht auf Geld und Macht reduzieren lassen. Und zwar überall: in Wirtschaft, Politik, Verhältnis der Geschlechter und Gestaltung persönlicher Beziehungen im Alltag. Im Zentrum steht immer die Durchsetzung eigener Interessen. Auf Kosten anderer und, wenn es nützt, am Gesetz vorbei. Wer es nicht tut, ist ein „fesso“ (Idiot).

Dass in einem solchen „Lebensmodell“ Bildung und Bemühungen um die Erweiterung des eigenen kulturellen Horizonts nicht an erster Stelle stehen, ist evident. Wozu denn auch, wenn sie in der gelebten Wirklichkeit keinen Gewinn bringen oder sich gar als Ballast erweisen.

Die größte Sorge Berlusconis in Bezug auf Schule war es nach eigenem Bekunden, dass „unsere Kinder nicht mehr aus Geschichtsbüchern lernen, mit denen sie marxistisch indoktriniert werden“ (so mit eigenen Ohren gehört bei einem seiner Auftritte in einer süditalienischen Kleinstadt, zu dem mich mein Mann zu gesellschaftspolitischen Forschungszwecken mitschleppte). Die Schulreform seiner Bildungsministerin Gelmini bestand im Wesentlichen in einer drastischen Reduzierung und Vereinheitlichung von Curricula und Bildungsgängen und in der Abschaffung von Schulversuchen, Wahlangeboten und innovativen Projekten.

Ein wichtiger Nebeneffekt dieser „Kulturrevolution“ war es, dass sich um Berlusconi eine „politische Klasse“ breit machen konnte, der Professionalität, Sinn fürs Gemeinwohl und staatliche wie institutionelle Verantwortung fremd waren (und sind). Ein Haufen mittelmäßiger Emporkömmlinge und Befehlsempfänger, ohne eigene Überzeugung und – wie ihr Boss – nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Eine Degeneration, die sich weit über die „Berlusconi-Ära“ hinaus fortgesetzt hat. Die aktuelle politische Lage Italiens ist ohne den Blick auf diese Entwicklungen nicht zu verstehen.

Regression hat viele Gesichter

Reaktionäre Politik, moralische Verrohung und intellektuelle Regression gehören in in Italien zusammen und schreiten weiter voran. Neben dem Fernsehen, das immer noch großen Einfluss auf die Meinungsbildung hat (und das mit Antritt der Rechtspopulisten endgültig zum Regierungsorgan verkommen ist), spielen nun auch in Italien die digitalen Medien und die sogenannten „sozialen“ Netzwerke eine Schlüsselrolle bei der Eskalation von Hass, Menschenverachtung und kultureller Verflachung.

Salvini beherrscht – mit Hilfe seines Kommunikationsteams, das sich selbst den Namen „la bestia“ gegeben hat – die digitale Tastatur perfekt. Wie Trump macht er seine Politik im Wesentlichen über Twitter, Facebook und Co. Dabei sind seine Botschaften nicht „nur“ rechtsradikal, inhuman und rassistisch. Sie sind – mehr noch als bei Berlusconi – primitiv, verroht in der Sprache und „volkstümlich kumpelhaft“. Zwischen einem „Ciao amici!“ und einem „Bacioni!!“, mit einem Nutellabrot oder einem Stück Pizza in der Hand („Was esst ihr denn heute Leckeres?“), hetzt er tagtäglich gegen Neger, Zigeuner, Brüssel und Carola Rackete, die „deutsche Zecke“. Mit Erfolg.

Nicht allein die endemischen Bildungsdefizite sind das Problem. Sondern ihre unheilige Allianz mit Machthabern, welche die politische und kulturelle Verrohung selbst verkörpern und zum politischen Programm erhoben haben.



Marcella HeineMarcella Heine , geboren in Rom, seit 1970 in Deutschland, arbeitete 1975-1991 als Lehrerin an einer Grundschule in Hannover. 1991-2006 war sie Referentin für Interkulturelle Bildung und für die Förderung von Migrantenkindern im Nieders. Kultusministerium. Ehrenamtlich in verschiedenen Projekten zur Integration von Migranten und Flüchtlingen tätig.

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