Aus Sorge um Italien

„Italien hat sein Afrika nie um Verzeihung gebeten“

Artikel von Redaktion - Donnerstag, den 18. 07. 2019

Vorbemerkung der Redaktion: Migrantenfeindlichkeit ist in Italien mehrheitsfähig, sie trug Salvini nach ganz oben. Das bedarf der Erklärung, da es ähnliche Tendenzen auch in anderen europäischen Ländern gibt, aber nicht überall in gleicher Stärke. Die Schriftstellerin Francesca Melandri erklärt es in ihrem Roman „Sangue giusto“ (der in Deutschland unter dem Titel „Alle außer mir“ erschien) mit Geschichtsvergessenheit. Das Interview mit dem Afrikanisten Pierluigi Valsecchi, das am 9. Mai unter obigem Titel in der „Repubblica“ erschien und das wir hier auszugsweise übersetzen, bestätigt es. Valsecchi ist Professor für afrikanische Geschichte und Institutionen an der Universität Pavia.

Am Anfang des Interviews stellt Valsecchi fest, dass „die Italiener Afrika nicht als eigenständiges historisches Subjekt interessiert, sondern nur in Bezug auf Italien und Europa“. Dies zeige sich auch in der Afrikanistik, in der die „französischen, britischen, holländischen oder spanischen Kollegen einen weiteren Blick auf die afrikanischen Gesellschaften haben“. In der italienischen Kultur habe „die Entkolonisierung nie begonnen“.

Ist unsere Optik immer noch kolonialistisch?
„In gewissem Sinne ja. Die italienischen Geschichtsbücher über den Kolonialismus sind noch heute voll von Namen, Personen und einzelnen Individuen, während über die einheimische Gesellschaft nur in generellen Kategorien gesprochen wird; da gibt es keine Personen, sondern nur ‚Amharen‘ (ethnische Gruppe im Hochland Äthiopiens, A.d.R.), ‚Araber‘, ‚Senussi‘ … Uns interessiert nur, was die Ereignisse für die italienische Geschichte bedeuteten. In einer globalisierten Welt wie der unsrigen reicht das nicht mehr aus. Es genügt, sich die Kinder und Enkel in den Schulen anzuschauen, um zu sehen, wie diese Völker für unser Land konstitutiv wurden“.

Darum sagen Sie, dass bei uns die Entkolonialisierung nie begonnen hat?
„Das ist auch die Folge einer Besonderheit der italienischen Geschichte. Anders als die anderen 5 oder 6 europäischen Mächte, die afrikanische Kolonien hatten, hat unser Land seine dortigen Territorien zwischen 1941 und 43 ganz plötzlich verloren Bei uns gab es nicht diesen langen Entkolonisierungsprozess, der in den anderen Ländern die Intellektuellen und Historiker zwang, sich mit dem Untergang der kolonialen Imperien zu befassen. In Italien kam es auf politischer Ebene und auf der Ebene der Erinnerung zu einer klaren Zäsur. Und diese Zäsur bedeutete Verdrängung“.

Colonialismo1So haben wir die Verbrechen und hunderttausende Tote in Libyen und Ostafrika verdrängt.
„Das Unglück ist, dass wir so die Verbrechen verdrängt haben, aber auch die Erfahrungen, die vorher Generationen und Generationen von Italienern gemacht hatten: die Alltäglichkeit eines Zusammenlebens mit den Afrikanern, das voll von emotionalen, sozialen und ökonomischen Beziehungen war. Im Grunde haben wir unsere gesamte Kolonialgeschichte in die faschistische Klammer gesetzt und dabei auch gleich das liberale Italien vergessen. Als dies geschehen war, haben wir dann auch 20 Jahre Faschismus aus der Erinnerung gelöscht“.

Als ob wir aus unseren Alben der Erinnerung alle afrikanischen Fotos entfernt hätten.
„Ja, mit einer weiteren Besonderheit, der den italienischen Kolonialismus von den anderen unterscheidet: Während die Untertanen in den französischen oder britischen oder belgischen Kolonien Zugang zu den imperialen Mutterländern bekamen, zogen es die italienischen Regierungen vor, die Kolonisierten vom eigenen nationalen Territorium fernzuhalten. Mit relevanten Folgen: Seitdem dies Kapitel aus der Erinnerung verdrängt war, gab es auch keine Punkte der Begegnung mehr. Erinnern Sie sich in den 60er oder 70er Jahren an Schwarze auf der Straße? In der Schule einen äthiopischen Mitschüler zu haben, war schon eine eigene Meldung wert“.

Auch unsere Geschichtsbücher halfen da nicht weiter.
„Nein. Da las man von den ‚jungen Völkern‘, die durch ihre neugewonnene Unabhängigkeit ‚ins Rampenlicht der Weltgeschichte traten‘. Als ob es sie vorher nicht gegeben hätte. In Wahrheit hatten wir mit diesen ‚jungen Völkern‘ Beziehungen seit dem 15. Jahrhundert, als der Negus von Äthiopien eine Delegation zum Konzil von Florenz schickte (das Konzil von 1438/39 sollte die römische und byzantinische Kirche wieder vereinigen, A.d.R.). Zumal viele von uns auch familiäre Beziehungen dorthin hatten. Auch das Phänomen der ‚Mischlinge‘ wurde völlig verdrängt“.

Antonio Morones Buch ‚Das Ende des italienischen Kolonialismus‘ zeigt, wie in der Nachkriegszeit lange ein positives Bild von unserem dortigen Wirken vorherrschte.
„Ja, sehr lange wurde die zivilisatorische Leistung Italiens beim Bau von Straßen und Infrastrukturen hervorgehoben. Über die Gewalttaten gegen die lokale Bevölkerung wurde der Mantel des Schweigens gedeckt, auch weil die Kriegsverbrechen nie gerichtlich verfolgt worden waren, zum Beispiel im Fall von Rodolfo Graziani.“

Noch heute werden ihm Gedenkstätten gewidmet. So geschah es 2012 mit öffentlichen Geldern in Latium. Der Bürgermeister von Affile wurde zwar wegen Verherrlichung des Faschismus verurteilt, aber das Mausoleum gibt es immer noch.
„So wie es noch heute Straßen gibt, die Pietro Maletti gewidmet sind, der für das Massaker von Debre Libanos verantwortlich ist, bei dem zweitausend Menschen umgebracht wurden. Auf der Ebene der öffentlichen Erinnerung müsste mehr getan werden. Ich erinnere mich an die Rede, in der Staatspräsident Scalfaro 1993 vor dem äthiopischen Parlament um Verzeihung bat: Das war ein wichtiger Schritt, reichte aber nicht aus.“

2011 haben wir den hundersten Jahrestag des Kriegs in Libyen vergessen. 2015 wurde der achtzigste Jahrestag des faschistischen Kriegs in Äthiopien mit Schweigen übergangen.
„Ja, das verlängerte die Verdrängung. Das Schweigen von 2011 geschah aus politischer Opportunität: Es war das Jahr der militärischen Intervention gegen Gaddafi. Ich frage mich, ob es in Frankreich möglich gewesen wäre, den Jahrestag des wichtigsten Kolonialkriegs zu vergessen“.

Trägt die italienische Geschichtsschreibung eine Mitverantwortung für diese Verdrängung?
„Anfangs ja, da die bedeutendsten Afrikanisten der Nachriegszeit selbst Kolonisatoren gewesen waren. Die folgende Generation schien dafür zu abgehoben, aber es gab wichtige Ausnahmen …, die seit den 70er Jahren dazu beitrugen, die Wahrnehmung der Italiener zu verändern … Aber nicht immer wurden die Forschungsergebnisse ins kollektive Bewusstsein aufgenommen: Die Auseinandersetzung zwischen Del Boca und Indro Montanelli (berühmter Journalist der Nachkriegszeit mit kolonialistischer Vergangenheit, A.d.R.), der den Einsatz von Senfgas in Äthiopien leugnete, zeigt die Trennung der historischen Forschung von dem nationalen Bewusstsein“.

Eine Trennung, die es immer noch gibt. Hat die Verdrängung etwas mit dem schleichenden Rassismus von heute zu tun?
„Die Verbindung scheint mir evident. Wir haben uns nicht nur nicht für die Verbrechen entschuldigt, sondern verleugnen in unserer Vorstellungskraft und kulturellen Stereotypen weiterhin unsere Schuld gegenüber Afrika. Auch aus Ignoranz sind wir Rassisten.“

Nachbemerkung der Redaktion: Gegen die historische Ignoranz regt sich Widerstand. Dazu gehört ein Aufruf, der sich gegen das Zurückdrängen des Fachs Geschichte an Schulen und Hochschulen und für seine „Rettung als Gemeingut“ ausspricht („das kritische Wissen um die Vergangenheit und die Lehren, welche die Geschichte für die Gegenwart und Zukunft unseres Landes bereithält, befindet sich in großer Gefahr“). Er trägt mehr als 50 000 Unterschriften. Die Senate der Universitäten Turin und Rom 3 schlossen sich einstimmig an.



RedaktionDie Redaktion von "Aus Sorge um Italien" besteht aus Marcella Heine, Hartwig Heine und Antonio Umberto Riccò.

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