Aus Sorge um Italien

Franziskus im Visier

Artikel von Hartwig Heine - Sonntag, den 23. 06. 2019

Man muss kein gläubiger Christ sein, um der Hoffnung anzuhängen, dass zum positiven Kern der christlichen Botschaft Menschenliebe, Gleichheit und Menschenrechte gehören. Es ist Papst Franziskus zuzurechnen, dass sich diese Hoffnung in den letzten Jahren verstärkt hat. Neuerdings versucht aber auch Salvini, die christlichen Symbole für sich zu vereinnahmen –für eine Politik, die all dies mit Füßen tritt. Denkt man zu Ende, worum er in Mailand vor der Europawahl öffentlich das „unbefleckte Herz der Madonna“ anflehte, dann ist es der Segen für eine Politik, die die Menschen im Mittelmeer ertrinken lässt oder sie mit Gewalt in das Grauen libyscher Konzentrationslager zurücktransportiert.

Feind Franziskus

Salvini weiß, dass ihm in Italien nur noch wenige Gegner gefährlich werden. Zu ihnen gehört Franziskus, immerhin der Papst – fast jede Rede, die er in den letzten Monaten hielt, war (ohne Namensnennung) eine Rede gegen Salvini. Wenn Franziskus erklärt, dass „ein Politiker niemals Hass und Angst säen sollte, was schrecklich ist, sondern Hoffnung“, dass Flüchtlinge ihre Heimat nicht „aus Lust am Tourismus verlassen, sondern weil sie dazu gezwungen sind“, und dass Europas Aufgabe „Aufnahme und Integration“ sei, ist der Adressat klar. Soweit es mit seinem Amt vereinbar ist, münden Bergoglios Worte in Taten: Wenn Bootsflüchtlinge in Italien gegen Salvinis Willen an Land gehen können, weil der Vatikan erklärt, sie unter seine Fittiche zu nehmen, oder wenn Franziskus in Privataudienz eine Roma-Familie empfängt, gegen deren Unterbringung in einer Sozialwohnung Salvinis Anhänger gerade die Volkswut mobilisierten, dann sind es gezielt gesetzte Kontrapunkte.

Salvini muss diesen Papst demontieren. Was vordergründig ein Machtkampf ist, wird damit zu einem Kulturkampf, in dem aber die Rollen anders verteilt sind als in den Kulturkämpfen des 19. Jahrhunderts, in denen sich der Staat gegen eine reaktionäre Kirche durchsetzen musste. Im heutigen Italien ist die Staatsgewalt reaktionär, und die Kirche, die sie in die Knie zwingen will, fortschrittlich.

Demontage

Salvini ist schlau genug, die Auseinandersetzung vorerst nicht mit offenem Visier zu führen. Eigentlich wurde in Mailand am Wochenende vor der Europawahl schon alles durchgespielt: Zunächst gab er sich mit seinem öffentlich zelebrierten Devotionalienkult – geschwenkter Rosenkranz, geküsstes Kreuz, Anrufung der Madonna samt Heiligen – als tiefreligiöser Katholik (auch wenn im Hintergrund seiner Facebook-Auftritte auch noch eine Ampulle mit keltisch-„heiligem“ Po-Wasser steht). Wenn er die Päpste zitiert, dann vor allem Wojtyla, der genehm ist, weil er in eine europäische Verfassung den Hinweis auf die „christlich-jüdischen Wurzeln“ aufnehmen wollte. Ein einziges Mal sprach Salvini in Mailand auch Franziskus an (samt kurzer Pause fürs Pfeifkonzert), aber da waren Giftpfeile im Köcher: „Seine Heiligkeit“ wolle ja weniger Tote im Mittelmeer, und da es die Aufgabe des Politikers sei, „zu handeln und nicht zu reden“, habe er, Salvini, ihre Zahl „auf Null reduziert“. Eine geheuchelte Übereinstimmung samt einer Lüge, die zynisch ist, weil sie mit Schweigen übergeht, was mit denen geschieht, die lebend nach Libyen zurückgebracht werden.

Salvinis Verbündete

Für einen Kampf gegen den Papst braucht Salvini im katholischen Italien Bündnispartner. Auf das Kirchenvolk im wohlhabenden italienischen Norden, der schon immer Lega-Land war, kann er sich verlassen – hier verbindet sich Frömmelei mit einer Fremdenfeindlichkeit, die sich früher gegen süditalienische „Terroni“ und heute gegen die „Invasoren aus Afrika“ richtet. Dazu passend gibt es in der italienischen Priesterschaft eine national-klerikale Strömung, deren Vertreter kaum bereit sind, Franziskus‘ evangelikale Botschaft von der Kanzel aus zu verkünden. Die Empörung über Salvinis pseudoreligiöse Eskapaden hält sich bei ihnen in Grenzen.

Gleichzeitig nehmen die direkten Angriffe auf den Papst zu. Seit Anfang Mai kursiert ein Aufruf, in dem eine Gruppe von Katholiken, darunter Theologen, den Papst wegen seiner Haltung gegenüber Homosexuellen, Geschiedenen und Andersgläubigen der „Häresie“ anklagt. Am 12. Mai erschien die rechtsradikale „Forza Nuova“ auf dem römischen Peterslatz mit dem Spruchband: „Bergoglio come Badoglio – Stop Immigrazione“ (Bergoglio ist der Familienname von Franziskus). Nach dem Sturz des Faschismus hatte der italienische König Badoglio zum Nachfolger Mussolinis ernannt, der seitdem für die extreme Rechte zum Inbegriff des Vaterlandsverrats geworden ist. Ihn mit Franziskus wegen dessen Haltung zur Immigration gleichzusetzen, überträgt die Verschwörungsthese, die Immigration solle Europa „umvolken“, ins Italienische. Bisher taten sich faschistische Organisationen wie Forza Nuova und Casa Pound vor allem dadurch hervor, dass sie Stoßtrupps vor die Kirchen schickten, um die Essensausgabe an Roma und Flüchtlinge zu verhindern. Dass sie jetzt sogar den Angelus stören, um offen Franziskus anzugreifen, ist eine weitere Eskalation.

„Helfer“ Bannon war nicht dabei

Natürlich sollte die Mailänder Kundgebung auch Macht demonstrieren: Seht her, wir sind nicht allein. Aber einer, der viel Macht repräsentiert und eigentlich auch aufs Podium gehörte, war nicht eingeladen: Steve Bannon, der ehemalige Trump-Berater, der Italien zum „Labor“ dafür erklärt hat, dass die souveränistischen Bewegungen die EU von innen her zerstören können. Wofür Bannon großzügige Hilfe anbot: Ein von ihm gegründeter Verein mietete für 99 Jahre das Kloster Trisulti in Latium, um aus ihm ein Zentrum für die souveränistischen Parteien Europas und eine „Gladiatorenschule zur Verteidigung des Westens“ zu machen. Mit Kardinal Burke, dem bekanntesten Gegenspieler und „Häresie“-Ankläger von Franziskus, als „Ehrenpräsident“. Trisulti ist eines der schönsten Klöster Italiens – ohne tatkräftige Hilfe aus dem katholischen Klerus kann ein solcher Deal nicht zustande gekommen sein.

Nun scheint aus diesem Projekt nichts zu werden: Nachdem zunächst ein Bürgerkomitee gegen die Übernahme des Klosters durch den Bannon-Verein protestiert hatte, zog auch das italienische Ministerium für Kulturgüter und Tourismus (der Minister gehört zur 5SB) die Konzession zurück (Begründung: Es habe sich herausstellt, dass der Antrag falsche Angaben enthielt). Der wahre Grund könnte die noch ungeklärte Frage sein, ob sich die europäischen Souveränisten außenpolitisch eher dem Trump- oder dem Putinlager anschließen (Bannon steht für die erste Option). Dass Marine Le Pen im vergangenen Herbst erklärte, den Führungsanspruch der USA abzulehnen, könnte zur Nicht-Einladung Bannons geführt haben.

Die Unterweisung von Cremona

Ama il prossimo tuo - dafür gab's Prügel

Ama il prossimo tuo – dafür gab’s Prügel

Der Kulturkampf wird auch schon im Volk geführt, einige Bürger von Cremona haben dafür am 3. Juni ein erstes Zeichen gesetzt. Es gab Gemeindewahlen, für den Bürgermeister stand eine Stichwahl zwischen einem Mittelinks- und einem Lega-Mann an, und Salvini war angereist, um den Lega-Mann zu unterstützen. Alles war gut: Salvini redete, die Versammelten jubelten und hielten ihre vorgedruckten Plakate hoch: Prima l’Italia. Ein junger Mann hatte jedoch einen Schal mitgebracht, auf dem geschrieben stand: Ama il prossimo tuo (Liebe deinen Nächsten). Die Hoffnung, damit auf der sicheren Seite zu stehen, wurde ihm schnell ausgetrieben. Die Umstehenden erkannten die Provokation, beschimpften und schlugen ihn und versuchten, ihm den Schal zu entreißen. Drei Polizisten in Zivil verhüteten Schlimmeres, indem sie ihn zur Feststellung seiner Personalien in die Polizeidienststelle brachten, während diejenigen, die den Volkszorn exekutiert hatten, in der Menge verschwanden. Salvini, der das Getümmel von der Rednertribüne aus wahrnahm, erklärte den Störer zum „kommunistischen Dinosaurier“, der ins Museum gehöre und mit dem man nur „Mitleid“ haben könne. Die Menge klatschte – ihr Beifall galt ebenso Salvini wie der Unterweisung, die dem jungen Mann erteilt worden war. Nicht nur in Cremona wird das Evangelium umgeschrieben.



Hartwig HeineHartwig Heine , ehemaliger Soziologe, lebt teils in Deutschland, teils in Italien. Er engagiert sich in dem hannoverschen Lampedusa-Projekt (www.lampedusa-hannover.de) und in der lokalen Flüchtlingsarbeit. Verschiedene Veröffentlichungen. Er spielt gerne Schach.

2 Reaktionen zu “Franziskus im Visier”

  1. Manfred Schwab

    Der Norden Italiens schon immer >Lega-Land<? War er nicht auch das Hauptkampfgebiet des Widerstands gegen den italienischen Faschismus und die deutsche Besatzung? Und Turin das intellektuelle Zentrum des Sozialismus? Es geht heute wohl eher um ein Ausspielen der minimierten, ausgebluteten Landbevölkerung gegen die städtischen Zentren samt ihren sozialen Brennpunkten. Wenn Salvini sich nicht allein aufs Rosenkranz-Schwingen, Kruzifix-Abschlecken und Madonnen-Anrufen verlassen kann und schon gar nicht auf einen christlich-humanistischen Pontifex, sondern im Hintergrund das "keltisch-heilige Po-Wasser" (zum Reinwaschen des braunen Po?) in Reserve halten muss, dann spricht das nicht gerade für Siegesgewissheit. Mit einer ähnlichen Strategie waren schon Bayerns Christ-soziale kräftig auf dem Bauch gelandet. Dazu die enttäuschende "Superfraktion" im Europa-Parlament, die Spaltung der europäischen National-Populisten in einen Trump- und einen Putin-Fanclub und der von Prodi vorhergesagte Showdown bei den nächsten italienischen Haushaltsberatungen – ich denke, Salvinis Stern kann auf Dauer nicht mal die pseudo-christliche plus heidnische Rückversicherung retten. Die Frage ist nur: Ist die italienische Opposition entschlossen und geschlossen genug darauf vorbereitet?

  2. Hartwig Heine

    Stimmt, die Lega war nicht „immer Lega-Land“, die Lega Nord gibt’s auch erst seit dem Beginn der 90er Jahre. In diesem Fall beginnt meine Zeitrechnung mit dem Ende der KPI (1989), als ein paar Jahre später zum ersten Mal erzählt wurde, dass die einst „revolutionären“ Fiat-Arbeiter nun Lega wählen („in der Fabrik beschützt mich die FIOM, außerhalb die Lega“, war der damals kolportierte Spruch). Heute, sagen die Wahlforscher, ist die Lage eindeutig geworden: Die „einfachen Arbeiter“, soweit es sie noch gibt, wählen mehrheitlich nicht PD, sondern Lega. Muss die italienische Opposition einfach nur wieder „entschlossen und geschlossen“ genug sein, um alles wieder umzudrehen? Da gibt es ein paar strategische Fragen, die vorher noch zu klären sind: z. B. Thema Sozialstaat, Migration und Menschenrechte; oder z. B. die neue Polarisierung innerhalb der Mittelschicht, die auch die Arbeiter erfasst hat. Ist „Dänemark“ die Lösung? Dass die europäischen Rechtspopulisten die Religion als Schmiermittel nutzen, ist leider keine Garantie für ihr schnelles Wieder-Verschwinden.


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