Aus Sorge um Italien

Die Misere der italienischen Wirtschaft

Artikel von Wolf Rosenbaum - Freitag, den 20. 07. 2018

Nach dem „Wunder“ der 1950er und 1960er Jahre durchlebte die italienische Wirtschaft seit den 1970er Krisen und Aufschwünge, ähnlich wie die anderen Länder Europas. Allerdings fällt die italienische Wirtschaft in diesem Auf und Ab seit über 20 Jahren gegenüber den meisten Ländern der EU immer weiter zurück, die Aufschwünge werden schwächer, die Krisen tiefer.

Dies hat ziemlich wenig mit dem Euro und der „Austeritätspolitik“ im Euroraum zu tun, auch nichts mit der hohen Staatsverschuldung. (Diese wird allerdings in zukünftigen Krisen ein Problem, da der Staat kaum noch finanzielle Eingriffsmittel mobilisieren kann.) Der Beitritt zum Euro hat es unmöglich gemacht, durch Währungsabwertungen den Export anzukurbeln; doch diese früher übliche Praxis konnte die Strukturprobleme nicht beheben, sondern sie nur vorübergehend verdecken. Die expansive, die Zinsen drückende Geldpolitik der EZB hat den Staatshaushalt entlastet, aber auch nicht dazu beigetragen, die Wirtschaft zu anzukurbeln. Die Misere drückt sich aus in niedriger Produktivität, unterdurchschnittlichem Wachstum und hoher Krisenanfälligkeit.

Das „erste“ und das „zweite“ Italien

Foto aus alten Zeiten: Das Turiner Fiat-Werk

Foto aus alten Zeiten: Das Turiner Fiat-Werk

Um die Strukturprobleme zu verstehen, muss man zunächst die höchst unterschiedlichen Konstellationen in den Regionen beachten. Das „erste“ Italien findet sich im Nordwesten – Lombardei, Piemont, Aosta, Ligurien – mit traditionell starken Großunternehmen sowie größeren, produktiven, auch im Export erfolgreichen Mittelunternehmen. Allerdings hat man auch hier zunehmend Schwierigkeiten, mit der ausländischen Konkurrenz mitzuhalten. Manche Großunternehmen verlegen Teile der Produktion ins Ausland, die Zahl ihrer Beschäftigten ist deutlich zurückgegangen; im Nordwesten reduzierte sich die Zahl der Beschäftigten in Großunternehmen zwischen 1991 und 2005 um rund 30%.

Der Süden (und die Inseln) – das „zweite“ Italien mit immerhin 36% der Bevölkerung – fällt gegenüber den anderen Teilen Italiens weiter zurück und liegt im Pro-Kopf-Einkommen inzwischen um 45% unter dem im Norden. Die frühere Ansiedlung von Großunternehmen erwies sich als ein teurer Fehlschlag, zum einen weil diese defizitär arbeiteten, zum anderen weil von ihr keine Impulse auf die regionalen Klein- und Mittelbetrieb ausgingen. Die Finanzmittel der – inzwischen aufgelösten – cassa per il mezziogiorno schafften keine Wende; auch die Zuflüsse aus dem EU-Regionalfond bringen wenig; deren Wirkung wird vielfach blockiert durch Korruption, Verschwendung und Fehlleitung von Mitteln. Endogene Entwicklungskräfte sind schwach, Subventionsmentalität hat sich ausgebreitet.

Die einstige Hoffnung auf das „dritte Italien“

Seit Mitte der 1970er Jahre erweckte ein „drittes“ Italien (Friaul-Julisch Venetien, Trentino-Südtirol, Venetien, Emilia-Romagna, Toskana, Umbrien, Marken) große Hoffnungen. Hier breiteten sich florierende Mittelbetriebe in Feldern wie Textil- und Bekleidung, Leder, Möbel, Lebensmittel mit anspruchsvollen Produkten „made in Italy“ aus, die auch auf internationalen Märkten sehr erfolgreich waren. Seit den 1990er Jahren leiden jedoch viele von ihnen im Inland wie im Ausland unter Konkurrenten aus Schwellenländern mit niedrigeren Löhnen, die zudem oft flexibler und kreativer auf neue Trends in den Märkten reagieren. Vor allem diese Sektoren und Regionen, die als wichtige Stütze der italienischen Wirtschaft gelten, haben unter den Krisen nach 2008 gelitten; hier gibt es im Vergleich zu den Groß- und zu den Kleinstunternehmen überproportional viele Insolvenzen und Geschäftsaufgaben.

Die unterdurchschnittliche Produktivität der italienischen Wirtschaft hat mehrere Gründe. Ein ganz entscheidender ist der sehr große Anteil von Klein- und Kleinstunternehmen, wie wir ihn in keinem anderen EU-Land finden: 46% aller Erwerbstätigen arbeiten in Unternehmen mit weniger als 10 Leuten (in Deutschland sind es 19%) und 80% in Unternehmen mit weniger als 250 Beschäftigten (in Deutschland 60%). Es überwiegen eigentümergeführte Unternehmen mit einer oft patriarchalischen und traditionalistischen Geschäftspolitik. Die Eigentümer sind vielfach kapitalschwach und sehr risikoscheu in der Fremdfinanzierung; sie sind zögerlich beim Umstieg auf neue Produkte, auf innovative Produktions- und Organisationstechniken und neue Märkte.

Mangel an Fachkräften, rückständige Unternehmen

Ein anderer Grund für die unzureichende Produktivität der Wirtschaft ist der Mangel an technisch-wissenschaftlich qualifiziertem Personal in den Unternehmen. Eine Ursache ist das Bildungs- und Ausbildungssystem, eine andere dessen unzureichende Bezahlung, eine weitere, dass bei Einstellungen allzu oft Beziehungen und nicht Qualifikation entscheiden. Inzwischen verlassen viele Qualifizierte das Land in Richtung Schweiz, Deutschland, England.

Nicht nur bei kleinen und mittleren Unternehmen gibt es erhebliche Rückstände in der Digitalisierung und der digitalen Systemsteuerung, die nicht nur an dem mangelnden Ausbau der digitalen Infrastruktur liegen, sondern auch am Konservatismus von Unternehmensleitungen. Die italienische Wirtschaft leidet zudem unter viel zu geringen Ausgaben der Unternehmen (und des Staates) für Forschung und Entwicklung: nur 1,3% des Bruttoinlandsprodukts – gegenüber 1,9% im EU-Durchschnitt, 2,3% in der OECD, 2,8% in Deutschland.

Das Bankenproblem

Ein großes Problem für die Wirtschaft sind die Banken. Die italienischen Banken waren fast nicht betroffen von der Finanzkrise 2008, weil sie kaum ausländische Einlagen hatten. Sie kamen erst in große Schwierigkeiten durch die folgende Wirtschaftskrise, in der viele Gläubiger zahlungsunfähig wurden und die Banken dies wegen ihrer viel zu geringen Kapitalausstattung kaum auffangen konnten. Darunter litt die Vergabe von Krediten an die Unternehmen, vor allem an Klein- und Mittelbetriebe. Aus Sorge vor Kreditausfällen kamen überwiegend nur noch ihre traditionellen größeren Kunden zum Zuge, kleinere Unternehmen wurden abgewiesen oder mussten deutlich höhere Zinsen in Kauf nehmen. Schon immer hatten neue Unternehmen große Schwierigkeiten, an Kredite zu kommen; internationales Risikokapital meidet Italien, nur 2% des in der EU angelegten Risikokapitals landet hier.

Die unterdurchschnittliche Produktivität und Ertragskraft macht die Wirtschaft sehr krisenanfällig, was sich insbesondere in den Jahren nach 2008 zeigte. Und immer wieder stiegen die Löhne stärker als die Produktivität und damit die (Lohnstück-)Kosten – was übrigens nicht bedeutet, dass die italienischen Löhne im Vergleich mit den großen Ländern in der EU hoch sind.

Staatsversagen

Die italienische Misere ist aber nicht nur ein exemplarischer Fall von Marktversagen, sondern sehr wesentlich auch eine Folge von Staatsversagen. Das besteht zunächst in einem unterfinanzierten, vor allem aber auch fehlorientierten Bildungs- und Ausbildungswesen. Die Hochschulen folgen einem konservativen, z.T. elitären Bildungsideal. Die mittlere Ebene (Fachhochschulen) ist schwach entwickelt, ebenso wie die berufliche Ausbildung. Es fehlen ausreichende Mittel für Forschung und Entwicklung.

Die Infrastruktur, vor allem auch die digitale Infrastruktur ist unterentwickelt. Es gibt in vielen Regionen zu wenige Hilfestellungen der öffentlichen Verwaltungen für die große Zahl der kleinen und mittleren Unternehmen, wie sie in anderen Ländern mit ähnlicher Unternehmensstruktur angeboten werden. Das ist nicht primär ein Mangel an finanziellen, sondern vor allem an organisatorischen Hilfen im Sinne einer Wirtschafts- und Innovationsförderung, der Anbahnung von Kooperationen etc. Angesichts der überwiegend klein- und mittelbetrieblichen Struktur kann das nur vor Ort, im kommunalen und regionalen Rahmen erfolgreich sein. Doch die hierfür notwendige, und um die Jahrtausendwende tatsächlich gesetzlich eingeleitete Föderalisierung und (auch finanzielle) Stärkung der Regionen und Gemeinden wird nur sehr zögerlich umgesetzt. Noch immer dominiert der römische Zentralismus.

Den Unternehmen macht auch die vielfach schwerfällige und teilweise ineffektive Bürokratie zu schaffen (deren Kosten im Übrigen deutlich über dem Durchschnitt der EU liegen). Dazu kommt eine sehr schwerfällige Justiz – Zivilprozesse dauern im Durchschnitt 7 Jahre.

Natürlich leidet die Effektivität der Wirtschaft auch unter der verbreiteten Korruption, die trotz vieler Ankündigungen nicht eingedämmt werden konnte, und an dem großen Umfang der Schattenwirtschaft.

Aber Schuld sind die Anderen

Die politische Klasse ist – wie eigentlich schon immer – überwiegend mit sich selbst und nicht mit der Bewältigung der tiefgreifenden Strukturprobleme der Wirtschaft beschäftigt. Die Ursachen der Misere werden in den politischen Debatten der EU, dem Euro, den Deutschen, dem internationalen Finanzkapital angelastet, d.h. „externalisiert“. Das Wahldebakel von der PD und von Renzi, der immerhin – im Unterschied zu den meisten seiner Vorgänger – Reformen einleitete, die der Bevölkerung einiges zumuten mussten, dürfte für die derzeitige Regierung eine Warnung sein. Die Fokussierung auf Flüchtlinge, das Versprechen einiger sozialpolitischer Wohltaten und Attacken auf die EU sind der wahlpolitisch effektivere Weg – der allerdings immer tiefer in die Krise führen wird. Die Mehrheit der italienischen Bevölkerung erlebt im Alltag durchaus die vielen inneritalienischen Ursachen der Krise, verdrängt das aber an der Wahlurne, ahnt wohl auch, dass deren Lösung ihr einiges abverlangen könnte.



Wolf RosenbaumWolf Rosenbaum , Prof. (a.D.) für Soziologie an der Universität Göttingen. Arbeitsgebiete: Wirtschafts-, Rechts- und Umweltsoziologie. Seit über 40 Jahren passionierter Italien-Tourist.

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