Aus Sorge um Italien

Vorbemerkung der Redaktion: Der italienische Philosoph Massimo Cacciari, der zweimal Bügermeister von Venedig war und den deutschen Hannah-Arendt-Preis trägt, äußert sich häufig zu politischen Grundsatzfragen. Den folgenden Artikel, der die neueste Entwicklung Italiens auch als gesamteuropäisches Versagen interpretiert und den wir hier übersetzen, veröffentlichte er am 22. Juni in der Wochenzeitschrift „Espresso“.

Dass die „Werte“ unserer Zivilisation, derer wir uns so oft rhetorisch rühmen, für unser Handeln keine stabile Grundlage und keine gültige Perspektive darstellen, sondern eher fragile, stets gefährdete und von Grund auf negierbare regulative Ideen sind, das müsste uns die Geschichte bis zum Erbrechen gelehrt haben. Christentum und Aufklärung haben auf eine ebenso antagonistische wie untrennbare Weise fundamentale Aspekte unseres Lebens geformt, aber in den Momenten, in denen eine politische und soziale Ordnung ins Schleudern gerät und die Möglichkeit einer neuen Ordnung nur schwer erkennbar ist, neigen sie dazu, aus unserem „Lichtkegel“ zu verschwinden. Die „Mission“, die einige seiner großen Interpreten, Wissenschaftler, Philosophen und Politiker dem europäischen Geist zurechneten – das heißt jede Lebensform auf ihre rationale Kohärenz zurückzuführen und sie dabei von jedem Dogmatismus und Gehorsam gegenüber Autoritäten zu befreien, die von außen dem persönlichen Gewissen oktroyiert werden sollen -, diese „Mission“ scheint jedesmal von den kalten Leidenschaften der Angst, des Egoismus, des Geizes und den Neides überwältigt zu werden, wenn wir in einen epochalen Wandel eintreten. Es ist das, was heute geschieht und in dessen Kontext auch das Geschehen dieser Tage zu sehen ist. Schön wär’s, wenn es dabei nur um die ignorante halbstarke Dreistigkeit eines zeitweiligen Ministers ginge!

Massimo Cacciari

Massimo Cacciari

Und trotzdem schien es mehr als nur eine Hoffnung zu sein, auf die das Nachkriegseuropa seine eigene politische Einheit zu ersinnen und zu gründen begann. Wie hätte ein Europa, das die gesamte Menschheit auf unverzeihliche Weise in die tiefste Tragödie ihrer Geschichte geführt hat, erneut den kategorischen Imperativ vergessen können, sich zu föderieren, miteinander solidarisch zu sein, das Wohl des Nächsten zu wollen aufgrund der rationalen Einsicht, dass es sich dabei auf längere Sicht auch um unser eigenes Wohl handelt? Das neue Europa konnte gar nicht umhin, als sich der eigenen Verantwortung zu stellen: jede Form der nationalistischen oder revanchistischen Demagogie, jede Rhetorik, die in anderen Lebens- und Zivilisationsformen die Bedrohung oder den Feind sieht, schon an ihrer Entstehung zu hindern. So dachte man. War es eine Illusion? Vielleicht nicht, aber es gründete auf zwei Voraussetzungen, deren Wirksamkeit sich mit der Zeit abgeschwächt hat. Die erste war die damals noch wache Erinnerung, welche Welt zur globalen Katastrophe geführt hatte, welche Ideen, welche kollektiven Verhaltensweisen. Die zweite war die Erwartung, dass ein vereintes Europa jene Werte der Solidarität, der Gleichheit der Rechte und der Aufnahme praktizieren würde, die bei den Feierlichkeiten, den Jahrestagen der Tragödie, den Selbstanklagen über die Ursachen der Totilarismen des 20. Jahrhunderts gepredigt wurden. Die Erinnerung an den Krieg und seiner Ursachen hat für unsere Politiker inzwischen die gleiche Bedeutung wie Cäsars gallischer Krieg, und die Idee eines politisch und kulturell vereinten Europas schwindet unter unseren Augen dahin. Vielleicht bleibt der Euro, der europäische Wirtschaftsraum. Die Herrschaft von Shakespeares großer Hure der Menschheit stellt niemand in Frage. Aber Europa wird verschwinden.

Die Existenz Europas endet, wenn es gegenüber dem Bösen gleichgültig wird. Das Nachkriegseuropa wusste, dass es die Pflicht hat, das Böse in jeder Erscheinungsform zu bekämpfen, wenn es geistig und politisch wiedergeboren werden will: Ungerechtigkeit, Leiden, Gewalt. Aber das Böse ist nicht nur das willentlich verübte. Das Böse verüben wir auch, wenn wir nur einem Befehl gehorchen. Oder wenn wir zu Komplizen des Bösen werden, weil wir nicht wissen, wie wir gegen die rebellieren sollen, die es bewusst oder unbewusst verüben. Und dennoch ist seine am schwersten zu erkennende und zu bekämpfende Grundform, die sich wie eine Epidemie aus breiten kann, weil sie fast unbemerkt bleibt, die anonyme Indifferenz. Die Banalitär des Bösen, sagte Hannah Arendt. Das Böse verbreitet sich über die die Oberfläche unserer Leben, durchtränkt sie, wird alltäglich. Es macht keinen Skandal mehr. Dass es Menschen gibt, die fürchterlich leiden, ist für unser Gewissen kein Skandal mehr. Es genügt uns, sie von uns fernzuhalten, sie nicht zu sehen und dass sie nicht in der Nähe unserer Strände ertrinken. Das Problem sind nicht jenes Böse und unsere Unfähigkeit, ihm entgegenzutreten, sondern die Frage, wie sich dessen Auswirkungen auf unser Leben reduzieren lässt, wie es für uns indifferent gemacht werden kann. Die „Heilung“ besteht allein darin, es zu verdrängen oder an ihm vorbeizugehen, wie es die guten Judäer im Gleichnis vom Samariter taten…

Ein Europa, das die Verbreitung der Gleichgültigkeit gegenüber dem Bösen zulässt, in dem jeder politischer Wille fehlt, sich seiner versteckten Gewalttätigkeit zu widersetzen, ist ein Europa, das den ungeschriebenen, aber sehr realen „Schwur“ verrät. der die Nationen nach dem Krieg zusammenführte. Und es ist ein Europa, das gegenüber dem eigenen Schicksal mit tragischer Blindheit geschlagen ist, auf der Suche nach kurzatmigen Kompromissen mit angeblich „souveränen“ Staaten und Kleinstaaten, während draußen eine neue Welt zwischen Imperien geschaffen wird, für die jene „Werte“, deren Zeuge Europa hätte sein müssen, nicht einmal mehr in der politischen Rhetorik etwas gelten. Es ist ein Europa, das jahrhundertelang mit jedem Mittel jede Grenze überschritt und in alle Kontinente auswanderte und das sich nun in sich selbst verschließt, um sich gegen diejenigen zu wehren, die es in seiner Geschichte nie „in Frieden gelassen“ hat.

Ein Europa, das jetzt nur noch dadurch überleben will, dass es jenen ökonomischen Zustand konserviert, der ihm einst unter völlig anderen und nicht mehr wiederholbaren geopolitischen Voraussetzungen garantiert wurde. Ein gigantischer Widerspruch. Angesichts der Unfähigkeit unserer Pseudo-Führer, ihn zu erkennen und in Angriff zu nehmen, schieben wir uns einer nach dem anderen gegenseitig die Verantwortung für das Böse zu, das zur banalen, alltäglichen, oberflächlichen Nachricht geworden ist. Alle sind schuldig, alle sind unschuldig – schon immer das Motto der toten Seelen.



RedaktionDie Redaktion von "Aus Sorge um Italien" besteht aus Marcella Heine, Hartwig Heine und Antonio Umberto Riccò.

2 Reaktionen zu “In der Gleichgültigkeit gegenüber dem Bösen stirbt Europa”

  1. Manella Schlitter

    Was fuer manche als vorteilhaft empfunden wird, ist die anderen nachteilig. Also gut und boese. Was sich staendig wandelt.
    Schwarz und weiss mit allen Schattierungen, Yin und Yang.

    Religionen die sich bekaempfen, Ideologen, Sommerzeit gut oder boese, …
    Cacciari ist als Philosoph, bekennender Linker und staendiger Fernsehmeinungsmacher nicht viel anders als die von ihm gescholtenen rechten Populisten.

  2. Sven Sevens

    Cacciari ist tatsächlich im italienischen TV häufig präsent – vor allem auf La 7 – und dort ist er häufig ein Polemiker.
    „Das Böse“ und immer wieder „Das Böse“ – das ist kindisch-christliche Sprache – geschrieben für Italiener, die sich längst nicht mehr für das Vokabular der Kirche interessieren.


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