Aus Sorge um Italien

Europas Müllhauptstadt

Artikel von Gerhard Mumelter - Sonntag, den 14. 05. 2017

Vorbemerkung der Redaktion: Diesen Artikel entnehmen wir wieder dem Bozener „Salto“

Zwei ponti (Brückentage, A.d.R.), an denen die Strassenkehrer der Hauptstadt nicht zu Arbeit gehen, haben Rom ins Müllchaos gestürzt. Keine Neuigkeit, gewiss. Aber für die Fünf-Sterne-Bürgermeisterin Virginia Raggi eine denkbar schlechte Werbung. Auch in zentralen Stadtvierteln wie Prati in unmittelbarer Nähe des Vatikans türmen sich seit Tagen übelriechende Müllberge rund um die übervollen Container. Die zuständige Stadrätin Pinuccia Montanari – nach dem Rücktritt ihrer umstrittenen Vorgängerin Muraro erst seit vier Monaten im Amt – entschuldigt den Missstand mit den „sattsam bekannten strukturellen Problemen“- keine Deponie, keine Müllverbrennungsanlage, mangelnde Mülltrennung. Noch immer karrt Italiens Hauptstadt ihren Müll zur Verbrennung in die Regionen des Nordens oder ins Ausland, etwa nach Wien.

Die vom Partito Democratico regierte Region Latium stellt Raggi nun die Rute ins Fenster: „Die Verwaltung des Zyklus der Abfälle scheint Rom in die Krise zu stürzen“. In vielen Stadtteilen steigt schwarzer Rauch auf, weil genervte Bewohner die Müllberge anzünden.

Die Ursache des Übels liegt freilich nicht nur in der Disziplinlosigkeit der Römer, die alte Matratzen oder Waschbecken neben die Container stellen und ihren Bauschutt samt ausgedienten Waschmaschinen nachts über die Böschungen des Ausfallsstrassen kippen wie auf der Via Aurelia.

Ursache des Übels ist Roms skandalöser Müllbetrieb AMA, ein kommunales Unternehmen, in dem seit Jahrzehnten politischer Klientelismus und Missmanagement vorherrschen: 7900 Beschäftigte, ein jährliches Defizit von 300 Millionen und ein Schuldenberg von 1,2 Milliarden Euro.

Der ehemalige Generaldirektor Franco Panzironi wurde im Zuge der Mafia Capitale-Ermittlungen verhaftet und wegen des Parentopoli-Skandals zu einer Haftstrafe verurteilt. Die AMA-Bediensteten genießen skandalöse Privilegien, jede Streikdrohung wird zum Alptraum für die Gemeinde. Täglich bleiben rund 1000 Bedienstete der Arbeit fern, fast 13 Prozent des gesamten Personals. 1600 Bedienstete kommen in den Genuss des Gesetzes 104, das sie dazu berechtigt, drei Tage im Monat zuhause zu bleiben, um kranke oder behinderte Angehörige zu pflegen. Ein Anteil, der mit fast 20 Prozent weit über dem italienischen Durchschnitt von 1,5 Prozent liegt. 1200 Bedienstete wurden von willfährigen Ärzten kurzerhand für arbeitsunfähig erklärt. Jeder AMA-Müllarbeiter darf nur im eigenen Wohnbezirk zum Dienst eingeteilt werden. Obwohl Bürgermeisterin Raggi mit Antonella Giglio als Präsidentin und Stefano Bina als Generaldirektor zwei Vertrauenspersonen mit der Führung der AMA betraute, hat sich an den Missständen nichts geändert.

Im Gegenteil: Mit den von ihnen unterschriebenen Verträgen wurde die tägliche Arbeitszeit de facto auf sechs Stunden und 20 Minuten verkürzt – bei einer Gehaltserhöhung von 120 Euro im Monat.

Was im Juli passiert, wenn einige der Müllverarbeitungsanlagen in Latium wegen Wartungsarbeiten vorübergehend außer Betrieb sind, kann sich bei solchen Zuständen jeder vorstellen. Nicht aber AMA-Generaldirektorin Giglio: „Wir sind für die Null-Abfälle-Strategie“. Raggi hält unbeirrt an ihrer Prognose fest, die Mülltrennung in vier Jahren von 43 auf 70 Prozent zu erhöhen und jährlich 220.000 Tonnen weniger Müll zu produzieren.

Latiums Präsident Nicola Zingaretti reißt bei derartigen Aussagen der Geduldsfaden. Er will die Regierung auffordern, Europa Müllhauptstadt kommissarisch zu verwalten. Dann würde die AMA-Führung vermutlich wieder ausgetauscht. Damit nach dem bekannten Motto von Tommasi di Lampedusa alles so bleibt, wie es ist. Cambiare tutto per non cambiare niente.

Nachbemerkung der Redaktion: Wer Lust hat, sich ein wenig in die römische Atmosphäre zwischen Müllbergen, Mafia Capitale und Papst Franziskus einzufühlen (und keine Angst hat, den Boden unter den Füßen zu verlieren), dem empfehlen wir den auch auf Deutsch erschienenen Roman von Giancarlo de Cataldo und Carlo Bonini, „Die Nacht von Rom“. Der Buchdeckel verheißt zwar einen „Thriller“, was heißen könnte, dass es sich bei dem Roman nur um Fiktion handelt. Aber in Rom nähern sich Fiktion und Realität.



Gerhard MumelterGerhard Mumelter ist Korrespondent der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ und journalistischer Mitarbeiter des italienischen Wochenmagazins „Internazionale“.

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