Aus Sorge um Italien

Wenn das Amerika von gestern auf die Straße geht

Artikel von Redaktion - Freitag, den 3. 02. 2017


Vorbemerkung der Redaktion:

An Trump scheiden sich die Geister, siehe Seehofer in Deutschland. Über Grillos Elogen für ihn haben wir bereits berichtet. Roberto Saviano, Jahrgang 1979, ist ein italienischer Schriftsteller und Journalist, der die sozialen und politischen Verhältnisse seines Landes genau beobachtet und dessen Eigenschaften Unabhängigkeit und reflexive Unbestechlichkeit sind. Seine Enthüllungen über die Camorra bezahlte er damit, dass er ab 2006 nur versteckt und unter Polizeischutz leben kann und sich häufig in die USA zurückzieht. Berlusconi hat ihn gehasst, aber auch Renzis Süditalien-Politik hat Saviano scharf kritisiert. Analytische Schärfe zeigt sich in seinem Urteil über Trump – und mit ihm über die populistische Welle, die derzeit über Europa und (in Gestalt der Lega und der 5-Sterne-Bewegung) Italien hinwegschwappt. Im Folgenden übersetzen wir einen Beitrag, den er am 23. Januar in der „Repubblica“ veröffentlichte und in dem über seine amerikanischen Erfahrungen berichtet. Man versteht, warum Grillo seinen Anhängern dringend abrät, Zeitungen wie die „Repubblica“ zu lesen.


„Die Anti-Trump-Demonstrationen, die in vielen Städten Amerikas und der Welt stattfanden, prägten Fröhlichkeit und Multikulturalität. Und nicht nur das: Neben den älteren Aktivisten, die den Marsch organisiert hatten, war auch die Jugend präsent. Das Klima eines Festes der Demokratie in einem Land, das sich nicht leicht mobilisieren lässt. Die Einführungszeremonie von Trump wirkte dagegen düster: alles nur Weiße, wenig Musik. Nur ein Viertel der Leute, die bei Obama waren. Aber das genügt nicht, um seine Einführung einen Reinfall zu nennen. Im Gegenteil: Die Demonstrationen gegen Trump hatten auch den Geruch des Antiquierten und Verstaubten. Man fühlte sich zurückversetzt zu den Anti-Vietnam-Protesten, den Friedensmärschen der 70er Jahre. Slogans der Vergangenheit, verkürzt auf Twitter-Format. Auch in der Einführungsrede von Trump gab es Töne, die wir für überholt gehalten haben. Aber im Unterschied zu dem Protestmarsch bedeutete seine Rede das Neue (das Neue, das nicht das Richtige bedeutet). Trump hat es geschafft, den altbekannten rassistischen, protektionistischen und chauvinistischen Slogans den Anstrich des Neuen zu geben, weil er sie im Ton der banalen Alltäglichkeit und ohne Erklärung vortrug. Ohne irgendeinen Versuch, mit Argumenten zu überzeugen. Das ist die eigentliche Revolution, die er verkörpert. Es war eine Einladung, die Frustrationen von allen zu bündeln.

saviano1Zu denen, die gegen Trump demonstrierten, gehörten sehr viele Feministinnen, die sich empörten, Prinzipien und Rechte verteidigen zu müssen, die sie in den USA für längst durchgesetzt hielten. Natürlich stand ich bei der Demonstration neben ihnen, gegen Trump, aber ich wusste gleichzeitig, dass das Neue, das schreckliche und dramatische Neue Trump war, und dass die Vergangenheit die Demonstranten zu sein drohten, mit denen ich in New York marschierte. Das ist der Kurzschluss. Also der Kampf für die Rechte, gegen den Sexismus, gegen die Homophobie wären von gestern? Nein, aber die Art und Weise, wie dies angepackt wird, muss noch eine Sprache finden, die auch den erreicht, der in diesem Moment keinem politischen Projekt mehr traut, jedem intellektuellen Argument misstraut und sich in der Gleichgültigkeit und in der Distanz gegenüber allen Institutionen einschließt.

Trump hingegen schafft es, diesen Teil der Wähler anzusprechen, wenn auch auf unglaublich betrügerische Weise, indem er jede Art von Frustration, von Wut, von Empörung anzieht, sei sie nun persönlich, individuell, privat oder sehr privat. Es ist die Wut einer Mittelschicht, die Obama vernachlässigt hat, die Frustration der weißen amerikanischen Arbeiter, die alle Sicherheiten verloren haben. Dasjenige Amerika, das in Regeln den Anfang vom Ende des Business sieht. Aber Trump unterstützen nicht nur diejenigen, die an ihn glauben, im Gegenteil. Wer Trump wählt, meint nicht, dass er ein loyaler Mensch ist, viele sprechen sogar offen vom Betrüger. Die Kraft Trumps besteht darin, dass er die Politik völlig revolutioniert hat: Wer ihn wählt, muss nicht mit ihm einverstanden sein, ihn in vielen Fällen nicht einmal achten und Kohärenz erwarten. Das ist die Art von Populismus, die ihre Führer unschlagbar macht. Sich wählen zu lassen, ohne irgendjemand überzeugen zu müssen.

In der Demokratie wird jede politische Entscheidung analysiert, hin und hergewendet, bewertet, während im Fall von Trump – und seiner Revolution, bei der er sich direkt von den schlauesten TV-Größen inspirieren ließ – die Logik ist: Egal, dass er ein offensichtlicher Steuerhinterzieher und expliziter Rassist und Sexist ist, egal, dass die von seiner Familie autorisierte Biographie berichtet, der Aufstieg der Familie Trump habe mit einem Großvater Frederic begonnen, der sein Geld damit machte, dass er eine Bar in ein Bordell verwandelte. Wer Trump wählt, tut es nicht, weil er ihn für korrekt oder kohärent hält. Praktisch sein gesamter Wahlkampf gründete sich auf den Angriff gegen die Finanzmächte, die Hillary unterstützten, und dann war er es, der sofort nach seiner Wahl Rex Tillerson zu seinem Außenminister machte, den Präsidenten der Erdölgesellschaft (Exxon, A.d.R.), und der sich seine wirtschaftspolitischen Berater aus dem Gotha des Finanzkapitals aussuchte, d.h. aus den exklusivsten Lobbies, die es gibt. Aber seiner Wählerschaft ist das völlig egal. Sie verlangt von ihm nur zwei Dinge: Gib uns das Geld wieder, das sie uns weggenommen haben. Und hör auf, von Rechten, Emotionen, Freiheit zu reden. Und rede, wie es sich gehört: direkt, unhöflich, stark. In einem Wort: authentisch.

Trump hat dem Fernsehen und der Kommunikation in den social networks ein fundamentales Element entlehnt: Gewinner ist, wem es gelingt, den Hater, den Hasser, den Gescheiterten anzuziehen, also denjenigen, der es nicht geschafft hat und deshalb andere beschuldigt, ihn nicht akzeptiert zu haben. Genau dies geschieht überall in der Welt: Jedes Zentrum, das die Talente auswählt und ausbildet – von den Universitäten bis zu den Zeitungen und zur Kunst –, wird als Instrument der Verfälschung und der Lüge betrachtet. Ebenso wie die Universitäten haben auch die großen Medien ihre Glaubwürdigkeit in den Augen eines Großteils der Abgehängten oder Fast-Abgehängten verloren, also die Kinder derjenigen, die es noch geschafft hatten, eine Arbeit oder ein Häuschen zu haben, und die es heute nicht mehr schaffen, das, was ihre Väter noch erreicht hatten, für sich zu wiederholen oder zu erhalten. Auf diese ganze Wut antwortet Trump – und mit ihm die gesamte populistische Politik Italiens, Frankreichs, Spaniens, Griechenlands – mit nicht realisierbaren Absichtserklärungen, setzt sie Behauptungen in die Welt, ohne Beweise zu liefern und ohne es noch nötig zu haben, glaubhaft zu sein und beweisen zu müssen, wie sich das eigene Projekt realisieren lässt. Die Absichtserklärung genügt.

Aus diesem Grund ist Trump das Neue, und dieses Neue ist schrecklich, und wir werden es in den nächsten Monaten, um nicht zu sagen: Tagen auch bei uns erleben. Denn in Italien regiert die gleiche Logik: den Bürger in den Hater zu verwandeln, den Hater in den Wähler. Darin besteht der Sieg.“



RedaktionDie Redaktion von "Aus Sorge um Italien" besteht aus Marcella Heine, Hartwig Heine und Antonio Umberto Riccò.

Eine Reaktion zu “Wenn das Amerika von gestern auf die Straße geht”

  1. hans schmitz

    das der Populist den ‚Hater‘ anspricht ist eine interessantes Argument. Man hat ein neues Ventil gefunden und nutzt es: waehlen.

    Und dreht dabei gerne alles um, Demokratie ist Sklaverei, deren Politiker Volksverraeter.. Bildung (sekunderer Bildungsbereich, Hochschulen, allg. Bildung) ist gleich Verdummung..
    Orwell’sche Thesen (Freiheit ist Sklaverei.. Krieg ist Frieden.. Unwissenheit ist Staerke..) in neuer Verpackung.
    Dabei ist die schrittweise Unterdrueckung der eigenen Meinung DAS Schluesselelement aller Diktaturen.
    Was diese auch sehr wohl wissen. Zitat: „Freiheit ist die Freiheit zu sagen, dass zwei plus zwei vier ist. Wenn das gewährt ist, folgt alles weitere.“ – sprich das Ende der Diktatur.


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