Aus Sorge um Italien

Rebellion der „Forconi“: die Mafia mischt mit

Artikel von Marcella Heine - Freitag, den 3. 02. 2012

„Forconi“ sind zu Deutsch „Heugabeln“. Unter diesem Namen, der die Landbevölkerung symbolisieren soll, breitet sich jetzt in Sizilien – und anderen Regionen Süditaliens – eine Protestbewegung von Bauern und Schäfern aus, der sich inzwischen auch Fischer, Lastwagenfahrer, Händler und Arbeitslose angeschlossen haben.

Gründe zum Protest gibt es genug: die Krise trifft die kleinen Landwirte und Bauern gewaltig, die Preise für ihre Produkte liegen unter den Produktionskosten, sie bekommen keine Bankkredite mehr, die Transportkosten sind horrend hoch. Die regionale Wirtschaft stagniert, die Dienstleistungen für die Bürger sind katastrophal; im privaten wie im öffentlichen Sektor grassieren Korruption, Vetternwirtschaft und Steuerhinterziehung. Kein Wunder also, dass sich gerade jetzt, wo den Menschen noch zusätzliche Opfer abverlangt werden, Verzweiflung und Wut breit machen. Die „Forconi“ haben es in den vergangenen Tagen und Wochen geschafft, halb Italien lahm zu legen und der Wirtschaft harte Schläge zu verpassen. Betriebe mussten die Arbeit einstellen, weil der Warentransport blockiert war, die Regale in den Supermärkten waren leer, die Preise für frische Lebensmittel verdreifachten sich.

Man ist geneigt, der Rebellion Verständnis und Sympathie entgegenzubringen. Aber so einfach ist die Sache nicht. Die sizilianischen „Forconi“ sind eine schillernde Bewegung, in der Kräfte sehr unterschiedlicher Herkunft mitmischen. Neben Vertretern von autonomen Bauernverbänden und linksgerichteten „Centri sociali“ spielen in ihr auch bekannte Mafiosi und Anführer der militanten neofaschistischen Organisation „Forza Nuova“ eine gewichtige Rolle. Die Wut von Kleinbauern und Fischern, die ihre Existenz bedroht sehen, vermischt sich mit reaktionären Parolen „gegen die Politik“, bei den Demonstrationen sind rechtsradikale gewaltbereite Gruppen aktiv. Ausgerechnet jene Mafia-Bosse, die mit ihrer kriminellen Machenschaften die Region ausbluten und ihre Macht im Bedarfsfall mit mörderischer Gewalt durchsetzen, präsentieren sich als Rächer der Entrechteten. Neofaschistische Schläger „verbrüdern“ sich mit Jugendlichen aus den „Centri sociali“ unter der dubiosen Parole „Unsere Bewegung ist antipolitisch, sie kennt weder rechts noch links“. Das ganze paart sich mit separatistischen Aufrufen, die in Sizilien Tradition haben und den Sizilianern versprechen, die Trennung vom „Kontinent“ (womit Italien gemeint ist) würde all ihre Probleme lösen, wie es auch die Lega für Norditalien tut.

In Süditalien ist es nicht das erste Mal, dass Mafia und Rechtsradikale die Unzufriedenheit und den Protest der Bevölkerung für ihre eigenen Zwecke zu nutzen versuchen. So gab es Anfang der 70er Jahre blutige und gewalttätige Aufstände in Kalabrien, die die Zentralregierung arg in Bedrängnis brachten. Zwar versuchen jetzt einige Vertreter der „Forconi“, zu ihren zweifelhaften Verbündeten auf Distanz zu gehen, aber es ist keineswegs ausgemacht, dass es gelingen wird.

Auch in der Kleinstadt in der Nähe „unseres“ Dorfs im südlichen Latium, wo einer der größten Obst- und Gemüsemärkte Italiens angesiedelt ist und die Camorra die Geschäfte beherrscht, kam es zu heftigen Protesten von Bauern und Händlern. Unser Freund Antonio, ein kämpferischer Landwirt mit linker Gesinnung, erzählte uns vor ein paar Tagen dazu Folgendes: Seine jungen Genossen hätten gemeint, man müsse sich doch der Bewegung anschließen. Daraufhin wollte er sich die Sache genauer anschauen und ging zu einer der Protestversammlungen. Als er dort den altbekannten Visagen der örtlichen Camorra-Bosse begegnete, die das große Wort führten, sagte er seinen jungen Genossen kurz und knapp: „Da lassen wir lieber die Finger von“. Ein kluger Mann.

Noch ist also nicht abzusehen, in welche Richtung sich der Aufstand der Forconi entwickeln wird. Gelingt es der Bewegung nicht, gegenüber ihren mafiosen und rechtsradikalen Komponenten klare Trennungslinien zu ziehen, könnte sich der populistischen Rechten um B. eine günstige Gelegenheit bieten, um im Trüben zu fischen.


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Marcella HeineMarcella Heine , geboren in Rom, seit 1970 in Deutschland, arbeitete 1975-1991 als Lehrerin an einer Grundschule in Hannover. 1991-2006 war sie Referentin für Interkulturelle Bildung und für die Förderung von Migrantenkindern im Nieders. Kultusministerium. Ehrenamtlich in verschiedenen Projekten zur Integration von Migranten und Flüchtlingen tätig.

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