Aus Sorge um Italien

Trotz allem Berlusconi

Artikel von Kirstin Hausen - Donnerstag, den 25. 11. 2010

Ein ganz neues Programm verspricht Parlamentspräsident Gianfranco Fini seinen Anhängern. „Verräter“ nennt ihn Silvio Berlusconi und seine Wähler greifen diese Sichtweise gierig auf. Die Einzelhandelskauffrau Olga Vattini aus Como zeigt sich enttäuscht über Gianfranco Fini: „Wir haben diese Regierung gewählt, damit sie bis zum Ende der Legislatur etwas für dieses Land tut. Nun hat Fini alles kaputt gemacht. Berlusconi tut gut daran, nicht zurückzutreten.“

Gianfranco Fini gefällt sich in der Rolle des Hüters der Verfassung und des Retters der Demokratie. Seit Monaten kritisiert er Silvio Berlusconis maßgeschneiderte Gesetze, die ihn vor Strafverfolgung schützen. Viele hat er leider mit getragen, doch nun will Fini mit moralischer Integrität punkten. Bei den Wählern des moderat rechten Spektrums kommt das jedoch einem Verrat an Berlusconi gleich. Dass gegen Berlusconi Strafprozesse wegen Steuerhinterziehung und Bestechung laufen, denen er sich durch ein Immunitätsgesetz entzieht, regt fast niemanden mehr auf. “In der Politik machen doch alle Gesetze, die ihnen oder ihrer Klientel nützen. Wichtig ist, dass sie allen Vorteile bringen“, sagt Metzgermeister Anselmo Bararotta. Er würde heute wieder Berlusconi wählen: „Er ist Unternehmer und weiß, dass die Steuerlast zu hoch ist“. Gesenkt hat Silvio Berlusconi die Steuern entgegen seiner Versprechungen jedoch nur für die Reichen. Der Arbeiterklasse und dem Mittelstand hat er nur vereinzelte, kleine Wahlgeschenke gemacht wie die Abschaffung der Steuer auf Eigenheime. In der Wahrnehmung seiner Wähler trägt er aber nicht die Schuld für die desolate wirtschaftliche Lage, in der sich Italien befindet. „Die Linksregierung hat uns ruiniert, da braucht es, Zeit, uns aus der Krise herauszuholen“ glaubt die Verkäuferin Grazia Pandolfi aus Verona.

Die kurze Episode einer von Romano Prodi geführten Regierung hat sich im Kopf vieler Italiener als Grund für die andauernde schlechte wirtschaftliche Situation des Landes festgesetzt. Ein Trugbild, denn in den anderthalb Jahren, in denen Berlusconi auf der Oppositionsbank saß, hat Italien die Neuverschuldung zurückgefahren und sich international eine gewisse Glaubwürdigkeit zurück erkämpft. Umsonst, wie der Meinungsforscher Renato Mannheimer in Umfragen festgestellt hat:

„Dem Großteil der Bevölkerung ist das Bild Italiens im Ausland egal. Das interessiert nur die, die viel reisen, die im Ausland herumkommen, aber das ist eine Minderheit.“

Die Menschen haben eben andere Sorgen.

„Die Frage der Arbeitsplätze, der Gehälter und der Steuern bewegt die Gemüter der Leute. In den Umfragen sprechen die Italiener als erstes von der Sorge um die Arbeit“

so der Meinungsforscher.

Dass es die drei Regierungen Berlusconi waren, die das Arbeitsrecht lockerten und mit ihrer Politik die höheren Einkommensschichten bevorzugten, wollen viele der Betroffenen nicht wahrhaben. Sie machen auch die allgemeine Wirtschaftskrise für die italienische Misere verantwortlich und glauben damit das, was ihnen die Berlusconi-Sender vorgaukeln. Unerschütterlich halten sie an ihrem Idol fest. Daran ändern auch seine zweite Scheidung und seine Sexskandale mit Minderjährigen und Prostituierten nichts. „Das sind private Angelegenheiten, das interessiert mich nicht“ sagt dieser Mann von Anfang Sechzig mit einem Augenzwinkern. So schlimm scheint er die amourösen Eskapaden des Regierungschefs nicht zu finden. An seinen Frauengeschichten wird Silvio Berlusconi nicht scheitern. Und vielleicht erlebt sein Herausforderer aus der Regierungskoalition Gianfranco Fini beim Misstrauensvotum im Parlament am 14. Dezember 2010 noch eine Überraschung. Derzeit versuchen Berlusconis Leute mit dem Anbieten von Posten und Ämtern, möglichst viele „Abtrünnige“ zurückzuholen. Das Parlament hat sich in einen Jahrmarkt verwandelt.



Kirstin HausenKirstin Hausen geb. 1974, studierte Politik- und Rechtswissenschaften in Bonn (D) und Pavia (I). Nach journalistischen Erfahrungen bei WDR (Zeitgeschehen) und taz (Parlamentsredaktion), erhielt sie ein Stipendium der italienischen Regierung und forschte zum Thema Italienische Parteiengeschichte und Lega Nord. Seit 2000 berichtet sie als freiberufliche Journalistin für Hörfunk, TV und Print aus Mailand. Seit 2009 betreibt sie ihr persönliches Blog (s. SOS Italien.)

2 Reaktionen zu “Trotz allem Berlusconi”

  1. Abruzzese

    Liebe Kirstin Hausen,
    weisst du eigentlich was du da schreibst?

    der Italiener hat das alles verdient. Da hilft kein Mitleid, da hilft keine Intervention. Helfen lassen will der Italiener sich nicht. Denn der gemeine Bewohner der Stiefelhalbinsel glaubt von sich, in einer perfekten und mustergültigen Gesellschaft zu leben.

    Laut der allgemeinen Einstellung sind die Universitäten des Landes die BESTEN DER WELT. Der Wein ist der ALLERBESTE. Die Nudel das TOLLSTE UND WICHTIGSTE Lebensmittel….

    Nur Italiener können Häuser bauen! Schimmel an den Wänden? Das ist normal… Aber schliesslich hat der Italiener das Colloseum erbaut! Literatur gibt es nur in Italien. Alles andere ist kopiert! Andere Völker haben keine Kultur und keine Ahnung. Der Italiener glaubt nicht einmal dass es in DE ein Gesundheitswesen gibt… denn sein ASL System ist das Alleinbeste! … <— Das sind O-TÖNE, die ich in 4 1/2 Jahren in der It-Provinz gesammelt habe…. Italien besteht zu 95% aus Provinz!!!!

    Auch wenn man sich für einen Besuch beim Zahnarzt verschulden muss, so ist der Italiener in seinem Mist, den er selbst fabriziert hat, gut aufgehoben. Jeder der helfen will oder das System kritisiert wird gnadenlos fertig gemacht und ausgeschlossen.

    Wer nicht betrügt, Vorteile nimmt und korrupt ist, der verliert in der Gesellschaft. Dass ist das LEITMOTIV des Italieners. Man muss das erst einmal verstehen… Nicht der Politiker ist korrupt – DAS VOLK IST KORRUPT!

    Du hast vielleicht in Mailand gearbeitet …
    Aber versuch doch mal in den Abruzzen zu LEBEN … Mailand ist nicht Italien.

    Wenn du hier unten lebst und niemanden wichtiges kennst, dann hast du verloren. Also tu nicht so, als ob das italienische Volk ein Opfer wäre…. Es ist der Täter!

    Ein Mensch, der hier nicht aufgewachsen ist, kann das Volk und seine Politiker gar nicht verstehen! Mensch Kirstin, wenn du dir keinen Luxus leisten kannst, weil du immer deine Steuern zahlst, dann lachen die Leute über dich! Bist du aber ein bekannter und sogar verurteilter Betrüger, Steuerhinterzieher und "Überleichengeher" will jeder dein Freund sein und du bist geachtet und kannst alles "organisieren" …

    "Selbst Menschen die in der Partei "ITALIA DEI VALORI" aktiv sind, fangen an für Ihre Freunde DINGE zu organisieren – auch wenn es nicht so in die ursprünglich propagandierten Werte passt. Sobald man MACHT hat, macht man halt… "

    Es soll sich doch gar nichts ändern. Man lebt ohne den Staat in einer Art von kontrollierter Anarchie. Man macht was man will und lässt andere machen was Sie wollen!

    Was soll dein Blog? Kümmer dich lieber um die wilden Hamster in der Ückermark, die haben es verdient. Der Italiener nicht!

  2. Kirstin Hausen

    Hallo Abbruzzese,

    absolut klar, was du schreibst. Eine Frage hab ich aber auch: was machst du da noch? wieso lebst du in den Abruzzen?


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