Aus Sorge um Italien

Sieben unangenehme Fragen

Artikel von Redaktion - Sonntag, den 29. 11. 2009

Carlo Cosmelli ist Professor für Physik an einer römischen Universität. Aber er befasst sich nicht nur mit komplizierten und interessanten Fragen der Naturwissenschaften. Auf seiner Website „Sette domande al Signor Berlusconi su mafia, corruzione, riciclaggio“ stellt er auch unbequeme politische Fragen. Und zwar aus folgenden Gründen:

Die italienischen Bürger haben das Recht, über öffentliche und private Angelegenheiten des Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi informiert zu werden.
Sie haben das Recht, über die Entstehung des immensen Vermögens von Herrn Silvio Berlusconi informiert zu werden.
Sie haben das Recht zu erfahren, nach welchen Kriterien Herr Berlusconi die Menschen auswählt, die uns im italienischen und  europäischen Parlament vertreten.
Sie haben das Recht zu wissen, warum Gesetze erlassen wurden – direkt von der Regierung, ohne parlamentarische Debatte -, die tiefgreifend das Wesen des italienischen Staates verändern.

Mit Bezug auf Informationen,  die ein Buch von Elio Veltri e Marco Travaglio (“L’odore dei soldi”, Editori Riuniti, 2001) enthält, hat er folgenden Text verfasst:

Sieben Fragen an den italienischen Premierminister, Herrn Silvio Berlusconi

An den Premierminister der Italienischen Republik wurden zehn Fragen hinsichtlich seiner Beziehungen zu einer Minderjährigen gerichtet, die mehrmals auch zu offiziellen Banketten eingeladen wurde. Bisher lehnte dieser es ab, darauf zu antworten.  Nun könnte man Herrn Silvio Berlusconi eine Art Rabatt einräumen, indem man ihn bittet, hier nur sieben Fragen zu beantworten.

Herr Berlusconi, würden Sie bitte öffentlich folgende Fragen beantworten?

Vorbemerkung (der Redaktion?):

Die Mailänder Bank Banca Rasini, die in den 70er Jahren im Besitz von Carlo Rasini war, war laut Sindona und laut zahlreichen öffentlichen Dokumenten von Richtern, die gegen die Mafia ermittelten, die Bank , die von der Mafia vorwiegend zur Geldwäsche in Norditalien benuztzt wurde. Zu ihren Kunden zählten Pippo Calò, Totò Riina und Bernardo Provenzano, und zwar in den Jahren, in denen sie die „Kuppel“ der Mafia bildeten. Im gleichen Zeitraum arbeitete ein Herr Luigi Berlusconi bei dieser Bank, anfangs als Angestellter, später als Zeichnungsberechtigter und schließlich als Direktor.

  1. 1970 genehmigt der Bankprokurist Luigi Berlusconi einen recht eigenartigen Vorgang: Die Banca Rasini erwirbt einen Anteil der „Brittener Anstalt“, einer Gesellschaft in Nassau, die in Verbindung zur Cisalpina Overseas Nassau Bank steht und in deren Verwaltungsrat Personen wie Roberto Calvi, Licio Gelli, Michele Sindona und Monsignor Paul Marcinkus sitzen. War der genannte Luigi Berlusconi, Zeichnungsberechtigter der Banca Rasini, Ihr Vater?
  2. Im gleichen Zeitraum, also in den 70er Jahren, ließ ein Herr Silvio Berlusconi bei der Banca Rasini dreiundzwanzig Holdinggesellschaften als „Friseur- und Kosmetikläden“ registrieren. Sind Sie dieser Silvio Berlusconi?
  3. Sie ließen bei der Banca Rasini dreiundzwanzig „Italienische Holdinggesellschaften”, die über einen langen Zeitraum das Kapital von Fininvest besaßen, und weitere 15 Holdings eintragen, die mit Tätigkeiten auf ausländischen Märkten betraut waren. Sind die dreiundzwanzig Friseur-Holdings, die die Steuerfahnder bei einer ersten Ermittlung nicht fanden, und die dreiundzwanzig italienischen Holdings identisch?
  4. 1979 legte der Polizeibeamte für Steuerkontrolle, Massimo Maria Berruti, der die Ermittlungen der Steuerfahndung gegen die dreiundzwanzig Holdings der Banca Rasini leitete und in der Folge einstellte, sein Amt bei der Steuerfahndung nieder. Ist dieser Herr Massimo Maria Berruti derselbe, der unmittelbar nach seiner Kündigung bei der Steuerfahndung von Fininvest eingestellt, später wegen Bestechung verurteilt und danach als Parlamentarier von Forza Italia gewählt worden ist, und der mit den Beziehungen der vier Fininvest-Gesellschaften zu dem Londoner Anwalt David Mills beauftragt war, der kürzlich von der englischen Justiz angezeigt und in Italien verurteilt wurde?
  5. 1973 befasste sich der Vormund der damals minderjährigen Erbin Anna Maria Casati Stampa mit dem Verkauf des Landguts der Famiglie Casati in Arcore an Herrn Silvio Berlusconi. Dieses Gut der Familie Casati umfasste eine Million Quadratmeter und ein Gebäude aus dem 18. Jahrhundert mit zugehörigem Park, dieVilla San Martino, mit einer Fläche von 3500 m² und 147 Zimmern, eine Pinakothek mit Werken aus dem 15. und 16. Jahrhundert, eine Bibliothek mit circa 3000 antiken Bänden, einen immens großen Park, Stallungen und Schwimmbecken. Ein unschätzbarer Wert, der für eine Summe von 500 Millionen Lire (250.000 Euro) verkauft und mit Aktien von Gesellschaften bezahlt wurde, die zur damaligen Zeit nicht an der Börse notiert waren. Diese Aktien wurden von Ihnen wenige Jahre später für 250 Millionen (125.000 Euro) zurückerworben. Der Vormund der Erbin Casati Stampa war ein Rechtsanwalt namens Cesare Previti. Ist dieser Anwalt derselbe, der in der Folge Ihr Fininvest-Anwalt, Senator von Forza Italia und Verteidigungsminister war, der von den Gerichten wegen Bestechung verurteilt und dem die  bürgerlichen und politischen Rechte und das Recht auf die Bekleidung öffentlicher Ämter aberkannt wurde, und mit dem Sie weiterhin Umgang pflegen?
  6. In Mailand wurde im Jahr 1978 unter der Adresse Via Sant’Orsola 3 unter dem Namen Par.Ma.Fid. eine Gesellschaft aus der Taufe gehoben. Die Par.Ma.Fid. ist dieselbe Treuhandgesellschaft, die den gesamten Besitz von Antonio Virgilio verwaltete, dem Cosa Nostra-Finanzier und Geldwäscher der Clans von Giuseppe und Alfredo Bono, Salvatore Enea, Gaetano Fidanzati, Gaetano Carollo, Carmelo Gaeta und anderen Mafiabossen aus Corleone und anderswo, die sich in Mailand mit weltweitem Drogenhandel und Kidnapping befassten.  Herr Berlusconi, Sie haben bedeutende Anteile von mehreren der oben genannten dreiundzwanzig Holdings ausgerechnet an die Par.Ma.Fid. überschrieben. Im Auftrag von wem verwaltete die Par.Ma.Fid. diesen großen Anteil der Gruppe Fininvest und warum beschlossen Sie, eben dieser Gesellschaft einen so beachtlichen Teil Ihres Besitzes anzuvertrauen?
  7. Herr Berlusconi, woher stammt das immense Kapital, mit dem Sie im Alter von nur siebenundzwanzig Jahren Ihren Aufstieg in der italienischen Finanzwelt begannen?

Sehen Sie, Herr Berlusconi, alle etwaigen Vergehen, auf die sich diese Fragen beziehen, sind inzwischen verjährt. Das Problem ist nur, dass von der Mafia erhaltene Begünstigungen niemals verjähren, und dass die Bürger Italiens und Europas wie auch die Regierungschefs der Länder, mit denen Sie zusammentreffen, zu Recht wissen müssen, ob Sie nun erpressbar oder eine freie Person sind.

P.S. Da Sie bereits von einem Gericht unwiderruflich für schuldig befunden wurden, gegenüber einem Richter während eines Prozesses falsche Erklärungen abgegeben zu haben, sollten Sie uns doch den Gefallen tun und uns auch Beweise für das von Ihnen Gesagte liefern, da uns aus offensichtlichen Gründen Ihre Antworten allein nicht genügen.

Carlo Cosmelli



RedaktionDie Redaktion von "Aus Sorge um Italien" besteht aus Marcella Heine, Hartwig Heine und Antonio Umberto Riccò.

3 Reaktionen zu “Sieben unangenehme Fragen”

  1. Gelächter ist ein ausgesprochen seltenes Geräusch « impariamo l‘italiano

    […] Bilanz der Politik Berlusconis einer einzigen Woche sieht folgendermaßen […]

  2. antonio

    certo la traduzione lascia a desiderare, ma di sicuro state facendo un lavoro eccellente, grazie a tutte le iniziative come queste, che più di qualcuno incomincia ad aprire gli occhi. saluti

  3. Redaktion

    Grazie! La traduzione, tuttavia, non è nostra; era già disponibile sul sito da noi citato.


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