Aus Sorge um Italien

Mafiose Mutationen

Artikel von Marcella Heine - Samstag, den 30. 04. 2016

Es ist paradox und doch von bestechender Logik: Wie kann die Mafia am ungestörtesten ihren Geschäften nachgehen? Hinter dem Schutzschild der Antimafia natürlich. Also treten die Bosse und ihre „Geschäftspartner“ reihenweise in Verbände und Organisationen ein, die sich dem Kampf gegen die organisierte Kriminalität verschrieben haben, und mutieren zu Antimafia-Aktivisten. Sie schwingen Reden auf Antimafia-Veranstaltungen, unterzeichnen Aufrufe, fordern Widerstand.

„Antimafia-Aktivisten“ der besonderen Art

Zahlreiche Fälle in Sizilien und anderswo zeigen, wie Unternehmer, die mit der organisierten Kriminalität eng zusammenarbeiten, sich zugleich an der Antimafia-Front „engagieren“. Einige von ihnen wurden in letzter Zeit wegen Zugehörigkeit bzw. Begünstigung der Mafia angeklagt oder verhaftet. Zum Beispiel Vincenzo Artale, der in der Provinz Trapani mit Beton handelt. „Man muss den Mut haben, gegen die Mafia Stellung zu beziehen und aktiv gegen sie vorzugehen!“ tönte er auf Kongressen und Versammlungen. Er selbst habe diesen Mut, prahlte er, und seinerzeit diejenigen angezeigt, die von ihm „Pizzo“ (Schutzgeld) verlangten. Wofür er vom Innenministerium gar einen Schadensersatz in Höhe von 250.000 Euro kassierte. Tatsächlich arbeitete Artale eng mit einem Mafiaclan zusammen, der örtliche Bauunternehmer zwang, nur Artales Beton zu kaufen und zu verwenden. Vor einigen Wochen wurden sowohl Artale als auch seine Mafia-Freunde verhaftet.

Auch der – inzwischen ebenfalls verhaftete – Bauunternehmer Carmelo Misseri aus Syrakus gab sich als Paladin des Kampfs gegen die organisierte Kriminalität („Man darf sich auf keinen Fall der Angst beugen, man muss rebellieren!“). Und zahlte gleichzeitig mit schöner Regelmäßigkeit Bestechungsgelder an Beamte der Straßenverwaltungsbehörde, um sich illegal Aufträge zu sichern. Gegen den „Antikorruptionsbeauftragten“ des mächtigen Unternehmerverbandes Confindustria, Antonello Montante, wird derzeit wegen Mitgliedschaft in einer mafiosen Vereinigung ermittelt. Kurz zuvor hatte Innenminister Alfano ihn für ein Amt in der Agentur nominiert, die konfiszierte Mafiavermögen verwaltet. Einen fachkundigeren Kandidaten hätte er nicht finden können.

Es sind nur ein paar Beispiele unter vielen. Die organisierte Kriminalität – ob sie sich je nach regionaler Zuständigkeit Cosa Nostra, N‘ Drangheta, Camorra oder Sacra Corona Unita nennt – ist flexibel. Sie passt ihre Vorgehensweise den veränderten Bedingungen an. Die Erfolge von Polizei, Justiz und Antimafia-Bewegungen beantwortet sie einerseits damit, dass sie ihre Tätigkeit zunehmend von kriminellen Geschäften wie Drogen, Waffen und Prostitution auf „legale“ Wirtschaftsbereiche verlagert. Und indem sie andererseits versucht, neben der Politik auch direkt die Antimafia-Strukturen zu infiltrieren.

Bühne frei für den Sohn des Oberbosses

Salvo Riinas Fernsehauftritt

Salvo Riinas Fernsehauftritt

Auch „Öffentlichkeitsarbeit“ und die Nutzung von Medien und sozialen Netzwerken gehören zu ihrem Handwerk. Kürzlich gelang ihr ein ganz besonderer Coup: „Salvuccio“ Riina, der Sohn von Totò Riina, dem „Boss der Bosse“, der als Auftraggeber Hunderter von Terroranschlägen und Morden (u. a. an den Antimafia-Richtern Falcone und Borsellino) lebenslänglich in Haft sitzt, wurde vom Moderator Bruno Vespa zu seiner populären Talkshow-Sendung „Porta a porta“, eingeladen. Vespa, der einst seinem Dauergast Berlusconi devot die Hand küsste und heute gerne den neuen Machthaber Renzi hofiert, bot Riinas Sohn, der selbst schon wegen Mafiadelikten verurteilt wurde, die Bühne, um sich anderthalb Stunden lang über die Tugend und menschliche Güte seines Vaters auszulassen. Totò Riina (Spitzname „die Bestie“) sei ein fürsorglicher und zärtlich liebender Familienvater gewesen, der den Sohn zu Respekt und Nächstenliebe erzogen habe. Auf die Fragen des Moderators, wie dieses positive Menschenbild zu Riinas Rolle als grausamer Boss der Cosa Nostra und zu den vielen ihm angelasteten Kapitalverbrechen passe, antwortete der Sohn stets nur mit der Floskel, darüber zu urteilen „steht mir nicht zu“. Das sei Aufgabe „des Staates, den ich respektiere, aber mit dem ich nicht immer einer Meinung bin“, so sein zweideutiges Kommentar. Kein Wort des Mitgefühls für die Mordopfer und deren Angehörige, kein Zeichen von Betrübnis oder Zweifel wegen der Bluttaten seines Vaters. Geschweige denn von Kritik oder Verurteilung. Stattdessen erklärte er: „Ich weiß nicht, was die Mafia überhaupt sein soll. Das habe ich mich nie gefragt“. Es ist die „klassische“ mafiose Botschaft, vor einem Millionenpublikum verkündet: Die Mafia existiert gar nicht.

Keine Wende in Sicht

Die Empörung nach der Sendung war groß, in der Öffentlichkeit wie bei Vertretern von Parteien und Institutionen. Der Staatspräsident, dessen Bruder selbst von der Mafia ermordet wurde, sei „verletzt“, hieß es aus dem Quirinal. „Schändlich“ und „unglaublich“ kommentierten erbittert die Angehörigen der Richter Falcone und Borsellino. Pietro Grasso, der Senatpräsident und frühere Chef der nationalen Antimafia-Behörde, erklärte angewidert: „Es interessiert mich nicht, ob Riinas Hände seine Kinder streichelten. Sie sind mit dem unschuldigen Blut vieler Menschen besudelt“.

Die Programmverantwortlichen der RAI , die von der Antimafia-Kommission angehört wurden, versuchten, die grundsätzliche Entscheidung im Namen der Informationsfreiheit zu rechtfertigen, kritisierten aber die Art und Weise, wie das Interview geführt wurde. Salvo Riina habe sich dort wie ein Mafiaboss aufgeführt, „der er auch ist“, räumte die Rai-Präsidentin Maggioni ein – ihn einzuladen sei „vielleicht doch ein Fehler gewesen“. Vespa, der Moderator, verteidigte das Interview mit dem Argument, wer die Mafia bekämpfen wolle, müsse sie „richtig kennenlernen“. Welche Erkenntnisse „Salvuccios“ Versuch, die Existenz der Mafia zu negieren, und die Lobhudelei gegenüber seinem ach so tollen Vater lieferten, bleibt Vespas Geheimnis. In Wahrheit ging es ihm wohl nur um die Quoten.

In Italien konnten die Justiz, die staatlichen Institutionen und die demokratische Öffentlichkeit in den vergangenen Jahrzehnten wichtige Erfolge im Kampf gegen das organisierte Verbrechen erringen. Einige mussten es mit ihrem Leben bezahlen. Aber die „Mafia in der Antimafia“, der Fernsehauftritt von Salvo Riina und die immer neuen Fälle von Politikern und Vertretern der Verwaltung, die sich in den Dienst der organisierten Kriminalität stellen, zeigen, dass das Land von einer moralischen und kulturellen „Wende“ noch meilenweit entfernt ist. Siehe auch die neuesten Ermittlungen gegen den Präsidenten der PD in der Region Kampanien, der im Verdacht steht, sich mit Hilfe der Camorra Wählerstimmen gekauft zu haben.

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Marcella HeineMarcella Heine , geboren in Rom, seit 1970 in Deutschland, arbeitete 1975-1991 als Lehrerin an einer Grundschule in Hannover. 1991-2006 war sie Referentin für Interkulturelle Bildung und für die Förderung von Migrantenkindern im Nieders. Kultusministerium. Ehrenamtlich in verschiedenen Projekten zur Integration von Migranten und Flüchtlingen tätig.

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