Aus Sorge um Italien

Grillo „entrenzifiziert“ seinen Blog

Artikel von Hartwig Heine - Donnerstag, den 16. 04. 2015

Grillos Blog zeigt Renzi als Mumie

Grillos Blog zeigt Renzi als Mumie

Wen Grillo vernichtet, den vernichtet er gründlich. So dass nichts von ihm übrig bleibt, keine Spur, kein Namen. Zumindest ab sofort in dem von ihm betriebenen Blog, der für ihn die Welt ist. Am 12. April gab er ihm die Überschrift „Blog derenzizzato“. Und annihilierte damit Matteo Renzi, den italienischen Regierungschef, nachdem er ihm noch ein letztes „Ebetino“ („Schwachsinniger!“) nachgerufen hatte. Da ein solcher „Schwachsinniger nur von seiner Sichtbarkeit lebt“ (sehr tiefsinnig, HH), wird „von heute an der Name Renzi nicht mehr gepostet … Er wird in den unsichtbaren Menschen (hier folgt ein „?“, das offenbar auch den Menschen in Frage stellen soll, HH) transformiert. In den Herrn Niemand, der er ja ist.“

Ausgelöschte Erinnerung

Dann Grillo weiter zum Thema Renzi: „Über ihn wird das Urteil der damnatio memoriae in vita gesprochen (das Auslöschen der Erinnerung an eine Person und die Zerstörung jeder Spur von ihr für die Nachkommen. Eine besonders harte Strafe, welche den hostes, den Feinden Roms und des Senats, vorbehalten war).“

(Die Strafe, sagt Google, gab es im Alten Rom tatsächlich, nur dass es dort der Senat war, der das Urteil fällte, z. B. über Nero. Das tut heute Beppe Grillo, ohne Rücksprache mit irgendeinem Senat. Er ist eben ein großer Mann, HH).

Und schließlich das „PS“ für seine Blog-Gemeinde, das fast im Amtston klarstellt, dass alles kein Scherz ist: „Die Streichung des Unnennbaren (die Annihilierung ist schon vollzogen, HH) gilt auch für Kommentare. Vermeidet also seinen Namen, wenn Ihr wollt, dass Euer Kommentar-Text veröffentlicht wird“. Wofür der Allerhöchste bekanntlich lediglich eine einfache Suchfunktion braucht. Da in Grillos „direkter Demokratie“ nur existiert, wer bei ihm kommentieren darf, wäre es die Höchststrafe. Also haltet Euch dran.

Schon verschiedene Anläufe

Wie vernichtet man in der „direkten“ Netzdemokratie den politischen Gegner? Im Kern ist Grillos Antwort immer die gleiche: ihn zur „Unperson“ machen. Aber darin steckt ein Problem: Der Versuch, ihn auszulöschen, kann den Gegner auch aufwerten. Die Bearbeitung dieses Problems macht Grillos Blog zu einem kreativen Laboratorium. Zunächst versuchte er es mit der Verballhornung: Berlusconi hieß bei ihm „Psiconano“ („Psychozwerg“), Bersani „Gargamella“ (Comic-Figur), Renzi „Ebetino“. Das hatte Erfolg, machte Spaß und war lustig. Aber es war Grillo nicht vernichtend genug. Deshalb wurden seine Gegner zu Toten, Wiedergängern, wandelnden Leichen, deren blutig-bleiche Bilder entsprechend präpariert durch seinen Blog geisterten. Grillos Lieblings-„Toter“ war längere Zeit Bersani, als der mit ihm ein Bündnis schließen wollte. Mit Toten kann man bekanntlich nicht reden, geschweige denn verhandeln. Parallel dazu wurden nach bester BILD-Manier missliebige Journalisten und Politiker aufs Korn genommen, die es wagten, sich kritisch über die 5-Sterne-Bewegung zu äußern. Zum Beispiel in der Rubrik „Journalist des Tages“, mit Fahndungsfoto und inkriminiertem Text, um ihn mit einem shitstorm zuzudecken, der dann auch prompt losbrach. Auch so macht man Menschen zu Unpersonen. Grillo hat seine Gemeinde im Griff.

Mal sehen, ob‘s wirkt

Nun das scheinbare Gegenteil, aber mit dem gleichen Ziel: das Nicht-mehr-nennen-dürfen. Da der Mensch ein soziales Lebewesen ist, kann es Wirkung zeigen. Als Reaktion eines einzelnen Beleidigten, für den jemand „nur noch Luft“ ist, ist es infantil. Erfolgt es kollektiv, kann es jemanden tatsächlich erledigen. Es sei denn, dieser Jemand hat immer noch genügend Hebel, um trotzdem sozial präsent zu bleiben. Dann ist es interessant – und vielleicht auch belustigend -, wie der Nicht-mehr-Nennbare umschrieben wird. Auch den Teufel wollte man bekanntlich so loswerden. Da blieb er dann eben als Gottseibeiuns.

Aber warten wir Grillos Erfolg ab. Vielleicht können wir ja von ihm lernen. Wenn ich mir überlege, wen ich auch in Deutschland gern ins kommunikative Nirwana versetzen würde, fallen mir schon ein paar Namen ein. Namen, die ich dann einfach nicht mehr zu nennen bräuchte, und weg vom Fenster wären sie. Wie einfach würde das politische Leben!

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Hartwig HeineHartwig Heine , ehemaliger Soziologe, lebt teils in Deutschland, teils in Italien. Er engagiert sich in dem hannoverschen Lampedusa-Projekt (www.lampedusa-hannover.de) und in der lokalen Flüchtlingsarbeit. Verschiedene Veröffentlichungen. Er spielt gerne Schach.

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