Aus Sorge um Italien

Die Ignoranz des Populisten

Artikel von Marcella Heine - Dienstag, den 22. 04. 2014

Am 14. April postete Grillo das weltbekannte Bild des Toreingangs zum Vernichtungslager Auschwitz mit der Aufschrift „P2 macht frei“ (auf Deutsch im Original), in Abwandlung des Nazispruches „Arbeit macht frei“. Im Text darunter paraphrasiert er das Gedicht „Wenn das ein Mensch ist“ des Schriftstellers Primo Levi, eine Anklage gegen das Grauen der Konzentrationslager und die Gleichgültigkeit der „normalen Bürger“. Levi wurde selbst im Lager eingekerkert und beging einige Jahre danach Selbstmord.

Italien gleich Auschwitz?

Grillos Blog vom 14. April

Grillos Blog vom 14. April

Grillo stellt Italien in dieser Paraphrasierung als ein Land dar, das von der Mafia und der Freimaurer-Loge P2 versklavt wird und von „einem ängstlichen Greis, der die Verfassung ignoriert“ (Staatspräsident Napolitano), und einem „Provinzclown“ (Ministerpräsident Renzi) geführt wird. Bild und Text suggerieren, dass 1) dieses Italien dem Vernichtungslager Auschwitz gleicht, 2) die führenden italienischen Politiker bzw. Regierenden der P2-Loge angehören und 3) zwischen ihnen und der nazistischen Mörderbande kein wesentlicher Unterschied besteht.

Dass der Post heftige Reaktionen auslöste, dürfte Grillo nicht überrascht haben, da er genau dies beabsichtigte. Die Vorsitzenden der italienischen und römischen Jüdischen Gemeinden nannten den Vergleich „obszön und infam“ und verurteilten den Post scharf als eine „kriminelle Schändung des Andenkens an Millionen unschuldiger Opfer des Holocausts, die ganz Italien beleidigt“. Ähnlich lauteten die Reaktionen aus allen Parteien, von denen einige Grillos Post als antisemitisch und faschistoid bezeichneten.

Grillo selbst erklärte achselzuckend, er habe die Holocaustopfer und Primo Levi in keiner Weise beleidigt und denke nicht daran, sich dafür zu entschuldigen. Vielmehr solle der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinden – „ein Dummkopf“ – von seinem Posten zurücktreten.

Instrumentalisierung der Shoah

Ist Grillos Post wirklich antisemitisch und eine Verherrlichung des Nazionalsozialismus? Ich meine, das trifft die Sache nicht. Was er tut, ist allerdings in keiner Weise besser: Er instrumentalisiert das Leid der Holocaustopfer und die Verbrechen des Naziregimes für eine groteske Politpropaganda. „Man muss achtsam sein, eine Shoah lauert hinter jeder Ecke“, erklärt er. Und bezeugt damit, wie der Journalist Gad Lerner nüchtern und treffend bemerkt, eine rücksichts- und verantwortungslose Ignoranz. Eine erbärmliche Ignoranz, die alles und jeden in der Hoffnung missbraucht, damit bei den nächsten Wahlen ein paar Prozentpunkte mehr zu ergattern.

Wahr ist allerdings auch, dass Grillo in Bezug auf die Juden und das Judentum schon mal „Bilder“ benutzt hat, die zum klassischen antisemitischen Repertoire gehören. Wenn er zum Beispiel vor der „jüdischen Lobby“ warnt, die in den USA das Finanzkapital steuere und dadurch die restliche Welt unterjoche. Oder wenn er verkündet, von seinem (aus dem Iran stammenden) Schwiegervater habe er erfahren, Ahmadinejad und auch Bin Laden würden vom Westen bewusst falsch übersetzt und deswegen „missverstanden“ (begeisterter Kommentar des iranischen Staatsrundfunks: „Grillos Analyse der starken Mächte, der Diener der Banken und der zionistischen Herrscher ist goldwert!“).

Offen antisemitische und nazifreundliche „Kommentare“ finden sich immer wieder in Grillos Blog. Gad Lerner, der zu den besten Köpfen Italiens gehört und – als Jude – im Netz Dauerziel übelster Beleidigungen und Bedrohungen durch Neonazis und Rassisten ist, wurde dort als „jüdischer Wurm“ tituliert. Die Eintragung wurde zwar nach heftigen Reaktionen Lerners und anderer vom Post gelöscht. Aber sie zeigt, dass auch solche Leute in Grillos Blog ihre Heimat suchen.

Differenzierungen „platt machen“

In Grillos Propaganda gibt es vor allem keine Differenzierungen – es ist ein amorpher Mix von wütendem Protest, aggressivem Ressentiment und Verschwörungswahn. Diese Mischung erlaubt es ihm, je nach Opportunität mal das eine, mal das andere Zündholz zu benutzen, um die Gemüter zu erhitzen. Politische Gestaltung und Alternativen interessieren ihn nicht. Kritische Auseinandersetzung ist in den eigenen Reihen nicht gestattet, mit anderen wird sie nicht geführt, sondern durch eigene monologische Schimpftiraden ersetzt.

Bis jetzt findet diese Strategie bei etlichen enttäuschten Wählern aus dem linken wie rechten Lager Anklang, auch wenn sich einige Anhänger und Abgeordnete der M5S inzwischen von Grillo und Casaleggio und ihrem diktatorischem Führungsstil abwenden. Die Prognosen zu den Europawahlen sehen Grillos Bewegung – nach der PD – an zweiter Stelle, noch vor Forza Italia. Sie könnte die Gruppe der antieuropäischen Populisten im künftigen EU-Parlament beträchtlich stärken.

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Marcella HeineMarcella Heine , geboren in Rom, seit 1970 in Deutschland, arbeitete 1975-1991 als Lehrerin an einer Grundschule in Hannover. 1991-2006 war sie Referentin für Interkulturelle Bildung und für die Förderung von Migrantenkindern im Nieders. Kultusministerium. Ehrenamtlich in verschiedenen Projekten zur Integration von Migranten und Flüchtlingen tätig.

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