Appell gegen das Ressentiment

Vorbemerkung der Redaktion: In Italien werden antideutsche Ressentiments gepflegt, in Deutschland antiitalienische. Es gibt Menschen, die auf beiden Stühlen sitzen, zum Beispiel die Menschen mit italienischen Wurzeln, die in der Autostadt Wolfsburg leben . Sie haben ihren eigenen Blick auf das Geschehen. Hans Karweik berichtet.

51 am Corona-Virus Gestorbene, 284 Infizierte, aber auch 216 Genesene haben Wolfsburg veranlasst, einschränkende Maßnahmen wie die Maskenpflicht und öffentliche Sperrzonen als erste Stadt in Niedersachen verbindlich einzuführen. Die verhältnismäßig hohe Zahl an Toten führte auch dazu, das Dr. Bernadett Erdmann, Chefärztin der Notfallaufnahme, in Fernseh-Talkshows eingeladen wurde. Diese Stadt ist besonders betroffen, weil in einem Pflegeheim für Demenzkranke das Virus grassierte. Unter den Toten sind auch Italiener. Denn Wolfsburg ist eine internationale Stadt. Mehr als 140 Nationen leben hier, unter ihnen sind die Italiener die stärkste Gruppe mit rund 6.000 Bürgern, zählt man umliegende Dörfer hinzu, sind es sogar mehr als 11.000.

 So wenig wie das Virus vor politischen Grenzen Halt macht, seinen Reisepass vorlegt oder einen Asylantrag stellt, so wenig schert es sich um Nationalitäten. Jeder Mensch ist ein potenzieller Wirt. In Wolfsburg halten sich deshalb fast alle Bürger, gleich welcher Nation, an die Auflagen. Viele Italiener aber blicken besorgt nach Italien, wo ihre Verwandten nach zwei Monaten der Quarantäne erst jetzt aufgrund der Lockerungen ein wenig aufatmen. „Ich telefoniere täglich mit meinen Eltern in Catania“, sagte eine 29-Jährige in Wolfsburg. Und ein 38-Jähriger bestätigte, dass sein Vater in Fiesole hoffe, durch „striktes Einhalten der Auflagen, seine komplette Bewegungsfreiheit zurückzubekommen“. Es zeichnet sich gerade ab.

Das vorsichtige, verhaltene Aufatmen ist spürbar – auch in einer Stadt in Deutschland mit großer Italianità. Als Kulturnation haben die Italiener gegen die Misere angesungen, beginnend auf den Balkonen Neapels. Videos gingen um die Welt: sie zeigten Menschen, die sich an ihren Fenstern versammeln, tanzen, zuwinken und singen. Unter anderem die Nationahymne, aber auch „Grazie Roma“ mit der Zeile: „Sag mir, was es ist, dass uns das Gefühl gibt, zusammen zu sein, auch wenn wir getrennt sind“. Der Sänger Andrea Sannino freute sich, dass in Neapel sein Lied „Abbracciame“ (Umarme mich) erklang.

Das brachte Italien viele Sympathien ein. Weltweit. In Polen beleuchtete die Stadt Stettin (Szczecin) ihre Philharmonie in Grün-Weiß-Rot, Mostar in Bosnien-Herzogewina eine Brücke. Russland schickte Ärzte, China half. Die Italiener, so die Berichte italienischer Medien, zeigten eine Disziplin, Kreativität, Fantasie und Lebensfreude in dieser Krise. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Das deutsche Nein zu Eurobonds löste in Italien mehr als Enttäuschung aus. „In der Not sei auf Freunde kein Verlass“, schrieb der Corriere della Sera. Zehntausendfach klickten Italiener ein Video des bekannten Komikers Tullio Selenghi an, der wetterte: „Die Deutschen haben immer noch gnadenlose Arroganz. Heute in wirtschaftlicher Hinsicht“. Er erinnerte an den Holocoust.

Die  ComItEs, Comitati Italiani in Estero, sind die gewählten, bürgerschaftlichen Vertretungen in den italienischen Konsularbezirken in ganz Deutschland. Sie haben sich in einem gemeinsamen, offenen Brief zur deutsch-italienischen Freundschaft bekannt. Sie bekennen sich darin zur großen Emotionalität Italiens, die „sobald sie überläuft, zum Feind werden kann“. Das sei für Italiener „jenseits (gemeint ist diesseits) der Alpen jedes Mal ein Stich“. Sie verweisen auf die Hilfen der EU, insbesondere der Deutschen, die Aufnahme von gut 70 italienischen Corona-Patienten in deutschen Kliniken, und fordern dazu auf “Anders, verschieden, aber in unseren Besonderheiten vereint“ zu bleiben. Es ist ein großer Brief in schwieriger Zeit. Es ist ein Beitrag zur europäischen, mehr noch weltweiten Solidarität im Kampf gegen die Pandemie unserer Tage. Nicht die Sorge, sondern die Zuversicht bringt uns voran. Im Wissen um nie endende Ressentiments, denen wir mit Vernunft begegnen müssen – unter Nutzung, wie es alle Präsidenten der ComItEs in Deutschland, also auch in Wolfsburg,   schreiben, aus „unseren Unterschieden Kraft und Vermögen schöpfen, diese Krise zu überwinden“. So hofft diese Stadt auch wieder auf Öffnung des Centro Italiano und kulturelle Beiträge des „Ufficio Culturale“ der italienischen Konsularagentur.

51 am Corona-Virus Gestorbene, 284 Infizierte, aber auch 216 Genesene haben Wolfsburg veranlasst, einschränkende Maßnahmen wie die Maskenpflicht und öffentliche Sperrzonen als erste Stadt in Niedersachen verbindlich einzuführen. Die verhältnismäßig hohe Zahl an Toten führte auch dazu, das Dr. Bernadett Erdmann, Chefärztin der Notfallaufnahme, in Fernseh-Talkshows eingeladen wurde. Diese Stadt ist besonders betroffen, weil in einem Pflegeheim für Demenzkranke das Virus grassierte. Unter den Toten sind auch Italiener. Denn Wolfsburg ist eine internationale Stadt. Mehr als 140 Nationen leben hier, unter ihnen sind die Italiener die stärkste Gruppe mit rund 6.000 Bürgern, zählt man umliegende Dörfer hinzu, sind es sogar mehr als 11.000.

 So wenig wie das Virus vor politischen Grenzen Halt macht, seinen Reisepass vorlegt oder einen Asylantrag stellt, so wenig schert es sich um Nationalitäten. Jeder Mensch ist ein potenzieller Wirt. In Wolfsburg halten sich deshalb fast alle Bürger, gleich welcher Nation, an die Auflagen. Viele Italiener aber blicken besorgt nach Italien, wo ihre Verwandten nach zwei Monaten der Quarantäne erst jetzt aufgrund der Lockerungen ein wenig aufatmen. „Ich telefoniere täglich mit meinen Eltern in Catania“, sagte eine 29-Jährige in Wolfsburg. Und ein 38-Jähriger bestätigte, dass sein Vater in Fiesole hoffe, durch „striktes Einhalten der Auflagen, seine komplette Bewegungsfreiheit zurückzubekommen“. Es zeichnet sich gerade ab.

Das vorsichtige, verhaltene Aufatmen ist spürbar – auch in einer Stadt in Deutschland mit großer Italianità. Als Kulturnation haben die Italiener gegen die Misere angesungen, beginnend auf den Balkonen Neapels. Videos gingen um die Welt: sie zeigten Menschen, die sich an ihren Fenstern versammeln, tanzen, zuwinken und singen. Unter anderem die Nationahymne, aber auch „Grazie Roma“ mit der Zeile: „Sag mir, was es ist, dass uns das Gefühl gibt, zusammen zu sein, auch wenn wir getrennt sind“. Der Sänger Andrea Sannino freute sich, dass in Neapel sein Lied „Abbracciame“ (Umarme mich) erklang.

Das brachte Italien viele Sympathien ein. Weltweit. In Polen beleuchtete die Stadt Stettin (Szczecin) ihre Philharmonie in Grün-Weiß-Rot, Mostar in Bosnien-Herzogewina eine Brücke. Russland schickte Ärzte, China half. Die Italiener, so die Berichte italienischer Medien, zeigten eine Disziplin, Kreativität, Fantasie und Lebensfreude in dieser Krise. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Das deutsche Nein zu Eurobonds löste in Italien mehr als Enttäuschung aus. „In der Not sei auf Freunde kein Verlass“, schrieb der Corriere della Sera. Zehntausendfach klickten Italiener ein Video des bekannten Komikers Tullio Selenghi an, der wetterte: „Die Deutschen haben immer noch gnadenlose Arroganz. Heute in wirtschaftlicher Hinsicht“. Er erinnerte an den Holocoust.

Die  ComItEs, Comitati Italiani in Estero, sind die gewählten, bürgerschaftlichen Vertretungen in den italienischen Konsularbezirken in ganz Deutschland. Sie haben sich in einem gemeinsamen, offenen Brief zur deutsch-italienischen Freundschaft bekannt. Sie bekennen sich darin zur großen Emotionalität Italiens, die „sobald sie überläuft, zum Feind werden kann“. Das sei für Italiener „jenseits (gemeint ist diesseits) der Alpen jedes Mal ein Stich“. Sie verweisen auf die Hilfen der EU, insbesondere der Deutschen, die Aufnahme von gut 70 italienischen Corona-Patienten in deutschen Kliniken, und fordern dazu auf “Anders, verschieden, aber in unseren Besonderheiten vereint“ zu bleiben. Es ist ein großer Brief in schwieriger Zeit.

 Es ist ein Beitrag zur europäischen, mehr noch weltweiten Solidarität im Kampf gegen die Pandemie unserer Tage. Nicht die Sorge, sondern die Zuversicht bringt uns voran. Im Wissen um nie endende Ressentiments, denen wir mit Vernunft begegnen müssen – unter Nutzung, wie es alle Präsidenten der ComItEs in Deutschland, also auch in Wolfsburg,   schreiben, aus „unseren Unterschieden Kraft und Vermögen schöpfen, diese Krise zu überwinden“. So hofft diese Stadt auch wieder auf Öffnung des Centro Italiano und kulturelle Beiträge des „Ufficio Culturale“ der italienischen Konsularagentur.

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