Und draußen die Barbarei

Am Zaun von Melilla

Am Zaun von Melilla

Der verzweifelte Ansturm von Flüchtlingen aus Afrika und dem Nahen Osten nach Europa geht weiter. Während weiterhin Monat für Monat Tausende von Bootsflüchtlingen vor den italienischen Küsten „aufgegriffen“ werden (Amtssprache), rückt nun auch Nordafrika in den Blickpunkt. Am 18. März versuchten 1000 Afrikaner in der spanischen Exklave Melilla an der marokkanischen Mittelmeerküste auf europäisches Gebiet zu kommen. 500 scheiterten an dem sechs Meter hohen Zaun aus Nato-Stacheldraht. 500 schafften es, viele von ihnen blutend, weil sie sich am messerscharfen Draht verletzt hatten. Anschließend seien sie „mit Triumphgesängen“ zum völlig überfüllten Aufnahmelager gezogen, so der empörte Präfekt von Melilla. Leider hätten sie den dichten Nebel nutzen können, der an diesem Tag über der Exklave lag und den Polizisten beider Seiten die Sicht nahm. Sogar mit Steinen hätten sie geworfen, so dass 5 Polizisten ärztlich versorgt werden mussten.

Schon im Februar hatte die Guardia Civil der Presse erklärt, der gemeinsame Run auf den Stacheldrahtzaun sei bei den Flüchtlingen zur „beliebten Methode“ geworden. Die verzweifelte Entschlossenheit, die auch das Risiko der Selbstverstümmelung in Kauf nimmt, ist für die Guardia Civil eine Art Unterhaltungsshow. Die sie allerdings, wie sie klagend hinzusetzt, zunehmend „überfordert“.

Die Perversion des Asylrechts

Sie zeigt sich nicht nur in Lampedusa, sondern an allen Grenzen Europas. Auch in den Exklaven Melilla und Ceuta. Für die Flüchtlinge sind sie ein Zipfel Europas, wo es zumindest das Versprechen von ein bisschen Rechtsstaatlichkeit und geregelten Verfahren gibt. Sie sind das gelobte Land – in das man jedoch erst einmal kommen muss. Davor steht der Zaun, mit dem sich Europa umgibt: Kathedralen aus Stacheldraht, mit elektronischen Überwachungskameras und kreisenden Hubschraubern, welche die marokkanische und spanische Polizei von beiden Seiten her bewachen. Hier herrscht Wildwest. Anfang des Jahres versuchten bei der anderen spanischen Exklave, Ceuta, Flüchtlinge auf Luftmatratzen um den 20 Meter ins Meer reichenden Grenzzaun herumzukommen. Sie konnten nicht schwimmen. Die Guardia Civil eröffnete das Feuer, „aus humanitären Gründen“ mit Gummigeschossen, wie sie hinterher behauptete. 15 Flüchtlinge starben. Betriebsunfälle, wie die 20 000 Ertrunkenen im Mittelmeer.

Realistische Schätzungen gehen davon aus, dass allein in Marokko gegenwärtig 30 000 Flüchtlinge aus Zentralafrika und Syrien darauf warten, in die Exklaven zu gelangen. Egal wie. Wo die Flüchtlinge herkommen, die heute vor Ceuta und Melilla campieren, wüten Bürgerkriege. Die Schlepper setzen sie in der Nähe der Exklaven ab, wo sie unter unbeschreiblichen Bedingungen vegetieren. Immer mit dem Blick auf die spanischen Ortschaften, die wie eine Fata Morgana vor ihrer Nase liegen und den Eintritt ins Paradies verheißen. Bis sie sich zum gemeinsamen Run entschließen.

Weiter wie bisher?

In den letzten Tagen gab es weitere Runs auf die nordafrikanischen Grenzzäune. Europa reagiert wie immer: noch höhere Stacheldrahtzäune, noch mehr Überwachungskameras, noch mehr Bewacher. Auch nach dem Run vom 18. März will der spanische Innenminister mehr Polizei nach Melilla schicken. Und fordert die EU auf, sich noch stärker am Kampf gegen die „illegale Immigration“ zu beteiligen. Der Chef der Stadtregierung von Melilla ergänzt: „Das kann so nicht weitergehen. Es müssen drastische Entscheidungen getroffen werden. Beim Anblick der einströmenden Afrikaner hat man den Eindruck, dass eine Armee in die Stadt einzieht“. Was heißt „drastisch“? Ausrüstung der Polizei mit Maschinengewehren? Den Zaun unter Strom setzen? Oder ganz Afrika in ein Reservat sperren, das es von allen Informationen und Verkehrsmitteln abschneidet? Der bisherigen Logik entspräche es.

Wann werden wir endlich begreifen, dass die „Insel der Seligen“, in deren Mitte wir leben, und die mörderische Barbarei an den europäischen Grenzen zusammengehören? Nicht weil uns Barbarei umgibt. Sondern weil wir den Menschen, welche die Not zu uns treibt, selbst als Barbaren entgegentreten.

Laut tagesschau.de vom 19. 5. 2013 sagte eine Hausfrau von Melilla: „Wir haben hier immer zusammengelebt, mit Muslimen, Juden, Hindus und jetzt mit Chinesen. Hier in Melilla hat es nie Probleme gegeben. Wir sind wie eine Familie. Den Flüchtlingen geben wir zu essen, geben wir Kleidung, was sie brauchen“. Eine Stimme der Menschlichkeit, die so gar nicht zu dem passt, was in ihrer Umgebung geschieht.

2 Kommentare

  • manella schlitter

    zu was ausgerechnet wir menschenliebe, wo wir koennen, predigende christen faehig sind. und vor nicht allzulanger zeit waren, da die juden schliesslich unseren erloeser – von ihnen – ans kreuz geschlagen haben.

    mit selbstentschuldigungen, beichterei, gegenseitigen absolutionen unserer selbst. wozu das ganze rom-getue, beginn vor 2000 jahren ? fuer gar nichts.

  • Carl Wilhelm Macke

    Da schreibt Hartwig Heine einen ebenso klugen wie verzweifelten Kommentar über das anhaltende und anhaltend verschwiegende Flüchtlingsdrama entlang der Küsten des Mittelmeeres und dann reagiert eine Leserin dieses Textes mit einem absurden Rundschlag gegen, ja gegen wen eigentlich? Gegen ‚predigende Christen‘, gegen ‚uns Europäer‘, gegen ‚uns‘ ? Wer mit dieser Anklage genau gemeint ist, erschliesst sich mir jedenfalls nicht. Aber die hinter diesem scheinbar etwas unverständlichen Aufschrei verborgene Verzweiflung angsichts des vom Autor beschriebenen Dramas ohne Echo ( die ‚Christen‘ muss man hier tatsächich einmal als Adressaten des Hilferufes ausnehmen ) kann man erahnen.
    Carl Wilhelm Mac ke ( München )

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