Wir waren da

Mindestens eine halbe Million von seinem Freiheitsvolk erwarte er, hatte B. zuvor erklärt, und dafür einen der größten Plätze Roms, die Piazza S. Giovanni, organisiert. Ein Massenprotest sollte es sein, gegen die „roten“ Verwaltungsgerichte, die es gewagt hatten, Listen des Freiheitsvolks für die bevorstehenden Regionalwahlen zurückzuweisen. Angeblich wegen irgendwelcher Unregelmäßigkeiten, aber Silvio brachte es auf den Punkt: „Die roten Roben wollen uns das Wahlrecht nehmen“. Gleichzeitig erklärte er die Kundgebung zum „Fest der Liebe“. Die Liebe steht rechts, der Hass links, am Ende – so stand es über dem Podium – siegt die Liebe. Wer kann einem so schönen Gedanken widersprechen?

Das Freiheitsvolk kam aus ganz Italien, in Bussen und Sonderzügen. Auch wir kamen, erwartungsfroh. Als wir den Platz erreichten, war dieser nicht ganz gefüllt – hinterher lasen wir, die (wohl ebenfalls „rote“) Polizei habe 150 000 Teilnehmer geschätzt. Silvio sagte, wir seien „tanti, tantissimi“, er liebe uns, und irgendjemand sprach sogar von „einer Million“. Auf dem Platz standen und lagerten vor allem Menschen mittleren Alters (und älter), eher dörflich als städtisch, eher kleinbürgerlich – kleine Handwerker, Kaufleute? –, eher brav als kämpferisch („un po’ mosci“, „etwas schlapp“, kommentierte leicht ungehalten Renata Polverini, die Kandidatin des Freiheitsvolks in Lazio). Aber wie viele Fahnen geschwenkt wurden! Für jeden auf dem Platz lagen ungefähr zwei bereit (überall stolperte man über sie). Natürlich hätten wir gern zugegriffen, aber wir sind ja schon etwas betagt und mussten befürchten, vom vielen Schwenken einen Muskelkrampf zu bekommen.

Zuerst sprach Alemanno, der römische Bürgermeister: Seit Mitte-Rechts in Rom regiere, sei die Stadt viel schöner geworden, und auch das Baracken-Viertel der „Nomaden“ gebe es nicht mehr (Jubel). Dann kam ER und verkündete: Italien sei besser als jedes andere Land durch die Krise gekommen, sein internationales Ansehen habe sich gewaltig erhöht, und für die Erdbebenopfer in Aquila sei ein neues Wohnviertel hochgezogen worden („ohne jede Infrastruktur“, kommentierten undankbare Aquilaner aus der Ferne, der Schutt liege immer noch in den Straßen; sie hatten ausdrücklich keine Delegation zur Kundgebung geschickt). Außerdem werde Silvio dafür sorgen, dass der Ministerpräsident (oder Staatspräsident, da hat sich B. noch nicht endgültig entschieden) demnächst direkt vom Volk gewählt wird. Und dass endlich („noch in dieser Legislaturperiode“) sogar der Krebs besiegt wird (Jubel).

Bei den bevorstehenden Wahlen gehe es erneut um eine Lager-Entscheidung. Dazu fragte er uns, das Volk! „Wollt Ihr, dass wieder die Linke an die Macht kommt, damit die Steuern erhöht werden?“. Alle (außer uns beiden, wegen des Muskelkrampfs) schwenkten die Fahnen und schrien: „NOOO!“. „Wollt Ihr, dass alle ausspioniert werden können?“. „NOOOO!“. „Wollt Ihr, dass Italien seine Türen wieder den Extracomunitari öffnet?“. „NOOOOOO!“ Da lobte er uns wegen unserer Intelligenz und unseres Durchblicks. Und versprach, sich an unsere Aufträge zu halten.
Dann der rührende Moment, in dem er den kranken Bossi, den Kämpfer gegen Italiens Überfremdung, auf dem Podium in den Arm nahm. Nun wurde es feierlich: Alle Kandidaten für die Regionalpräsidentschaft kamen auf die Bühne und schworen, im Falle ihrer Wahl mit der Berlusconi-Regierung einen „Pakt“ einzugehen. Sie sprachen den von Silvio geschriebenen Eid im Chor, mit der Hand auf dem Herzen, wie bei der Vereidigung des amerikanischen Präsidenten. Vorsorglich hatte Silvio klargestellt, dass die Wohltaten dieses Pakts nur den Regionen zugute kämen, in denen die Kandidaten des Freiheitsvolks auch tatsächlich gewählt würden. „Mit linken Regierungen kann man nicht diskutieren“.

Mit den Worten „Ich liebe Euch so, wie Ihr mich liebt“ entließ uns B., und wieder jubelten alle. Uns blieb der Jubel in der Kehle stecken. Noch nie hat uns jemand so unverblümt um die Ecke gesagt, dass er nichts von uns hält.


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